Donnerstag , 24. September 2020
Einfach schön oder Verschwendung? Beim Thema Weihnachtsbeleuchtung wie an diesem Haus an der Hindenburgstraße/Ecke Am Springintgut gehen die Meinungen auseinander. Foto: t&w

Das große Leuchten zu Weihnachten

Lüneburg. Mit der Lichterkette am Weihnachtsbaum im Wohnzimmer allein ist es bei vielen längst nicht mehr getan. In der Adventszeit beginnt das große Leuchten. Allerorten hängen beleuchtete Sterne in den Fenstern, strahlen Weihnachtsmänner und Rentiere in ansonsten dunklen Gärten, beleuchten LED-Eiszapfen die Carports und Hausfassaden. Auch für viele Lüneburger gehört das zur Weihnachtszeit unbedingt dazu. Aber ist das noch zeitgemäß? Die LZ lässt zwei Mitarbeiter zu Wort kommen, die da durchaus unterschiedlicher Meinung sind.

Pro: Licht an!

Redakteur Ulf Stüwe. Foto: t&w

Wenn im September nach der Tagundnachtgleiche die dunkle Jahreszeit einsetzt und die Sonne über Wochen oft nur noch wenige Stunden hinter einem grauen Schleier zu vermuten ist, brauchen wir Licht. Ich ganz besonders. Das ewig lange Ausharren auf die Wiederkehr der Licht und Leben spendenden Sonne macht mir zu schaffen. Die Stimmung sinkt, der Antrieb schwächelt.
Weihnachtlich geschmückten Innenstädten kann ich deshalb einiges abgewinnen – vorausgesetzt, es kommt in Maßen. Verhalten dekorierte Lichterketten, warm leuchtende Giebelfenster, ein stattlicher Baum im Kerzenschein – diese vorweihnachtliche Stimmung erfüllt viele Menschen. Nicht nur des Glühweins wegen kommen sie dann trotz der Dunkelheit zusammen. Denn Licht vermittelt Schutz und Geborgenheit, wenn es ringsum kalt und düster ist. Es ist das Feuer, um das wir uns versammeln, um Gemeinschaft zu empfinden.
Dass wir die beleuchteten Giebel als angenehm empfinden, hat aber auch einen anderen Grund. Unsere Innenstadt wird heute nur noch von wenigen bewohnt. Dort, wo Licht hinter den Fenstern früher auf Leben und Wärme in den alten Bürgerhäusern schließen ließ, ist es inzwischen oft nur noch dunkel – von den bisweilen grell leuchtenden Schaufenstern im Erdgeschoss abgesehen. In der nachweihnachtlichen Zeit wirkt unsere Stadt dann kalt und wenig einladend. Ihr für wenige Wochen ihren alten Charme wiederzugeben, sollte gerade in der besinnlichen Zeit möglich sein.

Contra: Licht aus!

Auszubildende Alina Boehncke. Foto: t&w

Die Beleuchtung in den Dörfern und Städten versetzt auch mich in Weihnachtsstimmung. Kinder bleiben mit großen Augen vor all den Lichtern stehen, alles wird ein wenig gemütlicher. Doch steht es im Verhältnis, für ein wenig Gemütlichkeit all die negativen Folgen der übermäßigen Weihnachtsbeleuchtung hinzunehmen?
Blickt man von oben auf die Städte, ist alles strahlend hell. Wer von unten hinaufblickt, kann oft die Sterne nicht sehen, da das künstliche Licht den Nachthimmel erhellt. Diese Lichtverschmutzung hat gravierende Folgen für Mensch und Tier. Uns Menschen fehlt der regelmäßige Wechsel von Hell zu Dunkel, die Abfolge von Wachsein und Schlafen. Auch Vögel sind lichtsensibel. Ihnen wird durch das viele künstliche Licht ein längerer Sommer suggeriert, sodass sich der Vogelzug verschiebt und die Überlebenschancen sinken.
Außerdem könnte doch das Geld, mit dem all die Strahler, leuchtenden Rentiere und blinkenden Weihnachtsmänner finanziert werden, besser genutzt werden. Wie wäre es mit Weihnachtsgeschenken für Kinder, die in Armut leben? Oder warmen Schlafsäcken für Obdachlose? Wen weder die Vögel noch das Geld beeindrucken, der kann ja einmal alle Lichter ausschalten, die Kerzen des Adventskranzes entzünden und entdecken, wie viel intensiver wir das Licht einzelner Kerzen wahrnehmen, wenn in unserem Umfeld nicht die ganze Zeit irgendetwas grell leuchtet.
Wir müssen erst wieder Dunkelheit zulassen, um Licht als ein Zeichen der Adventszeit, als Licht in der Finsternis sehen zu können.

Von Ulf Stüwe und Alina Boehncke