Um Anregungen für das NAU-Projekt zu bekommen, hatten Sabrina Panning-Ternes (hinten links) und Kerstin Richter die ehemaligen Marienauer Hannes Schröder (vorne links) und Arne Zimmermann, der mit seiner Freundin Carola Claus (Mitte) mit dem Fahrrad bis nach Thailand gefahren ist, eingeladen. /Foto: t&w)

Grenzen überschreiten

Marienau. „Was uns nicht umbringt, macht uns härter“, meinte schon Friedrich Nietzsche und legte damit, wenn auch etwas radikal formuliert, die Grundidee für das, was nicht nur viele Unternehmen ihren Führungskräften mit Überlebensseminaren zur Weiterentwicklung bieten, sondern auch zunehmend Schulen praktizieren: Sie stellen die Jugendlichen vor Herausforderungen. Das ist in Marienau nicht anders.

Zum bereits zweiten Mal findet dort jetzt das so genannte NAU-Projekt – in Anlehnung an den Kosenamen des Internats – statt, ein Programm, bei dem die Schüler Kompetenzen für das Leben außerhalb der Einrichtungen erwerben, sich selbst gewählten Aufgaben stellen sollen. „Mit dem Wechsel zurück zum Abitur nach 13 Jahren gewinnen wir Zeit in einer Lebensphase, die für unseren Nachwuchs sehr prägend ist“, erklärt Kerstin Richter, die gemeinsam mit Sabrina Panning-Ternes das Projekt betreut. „Wir wollen dieses nutzen, indem wir das Format des klassischen Unterrichts aufbrechen und den Jugendlichen Raum zur Entfaltung bieten.“ Mit Erfolg.

Freundschaft hat stark gemacht

Im Frühjahr dieses Jahres hatte bereits der erste Jahrgang seine Erfahrungen gemacht, darunter auch Lotte, die mit ihrer Freundin Stella einen Teil des Jakobsweges gepilgert war und ihre Eindrücke jetzt den aktuellen Elftklässlern schilderte: „Wir waren sehr schlecht vorbereitet und hatten uns einer Aufgabe gestellt, die uns keiner zugetraut hat. Ich bin noch nie so an meine körperlichen Grenzen gekommen“, erzählt die 17-Jährige, die aber auch erkannt hat: „Wir haben das geschafft, weil wir so gut befreundet sind.“

Freundschaft ist das, worauf auch Arne Zimmermann setzt: Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Carola Claus nutzt der ehemalige Marienauer jede Minute seiner Freizeit, um die Welt mit dem Rad zu erkunden, ist zuletzt von Neu Darchau bis nach Thailand geradelt. Immer wieder stieß das Paar dabei auf Herausforderungen, hat aber gelernt: „Wenn man offen auf die Menschen zugeht, bekommt man ganz viel Hilfe zurück.“

Neues wagen und mutig sein

Die Welt ist in diesem Jahr jedoch nicht mehr das Thema – zum Leidwesen einiger Elftklässler. Schulleiterin Heike Elz aber erklärt: „Wir alle hinterlassen unseren ökologischen Fußabdruck, da können wir das nicht mehr vertreten. Und Grenzen kann man auch innerhalb Europas überschreiten.“ Grundsätzlich sei das Ziel des Projekts, sich aus dem Bekannten herauszubewegen, Neues zu wagen und mutig zu sein. „Dazu muss man nicht Tausende von Kilometern reisen.“

Für mindestens zwei Wochen können sich die Schüler im In- oder europäischen Ausland nun ein Projekt suchen, an dem sie wachsen können. Die 16-jährige Judith hat da auch schon eine Idee: „Ich bin gerne in der Natur, interessiere mich zudem für den Klimaschutz und die Umwelt.“ Ihr Ziel sei Island, erste Kontakte habe sie bereits geknüpft. Nico und Mette wollen per Interrail durch Europa fahren und dabei bewusst auf Plastikverpackungen verzichten. Aber egal, ob sozial, ökologisch oder politisch: Im März müssen aus den Ideen Pläne geworden sein, dann gehen die Schüler auf Reisen.

Von Ute Lühr