Freitag , 18. September 2020
Auch zum Weihnachtsgeschäft boomt der Online-Handel, die Zahl der Pakete steigt rasant. Foto: A/dpa

Fachhändler trotzen dem Online-Boom

Lüneburg. Immer mehr Verbraucher sparen sich den Weg in die Innenstädte und bestellen lieber im Internet. Der Online-Handel boomt seit Jahren, macht dem stationären Einzelhandel das Leben schwer und erobert immer mehr Branchen. Auch in Lüneburg. Viele inhabergeführte Geschäfte haben schon aufgegeben. Buchläden wie Perl und Das Buch sind Geschichte, auch Wegener ist längst aus der Bäckerstraße verschwunden.

Doch nicht nur der Online-Handel setzt dem stationären Handel zu:

Seit Jahren steigen die Ladenmieten, werden für Händler zur Existenzfrage. In einigen 1a-Lagen sind die Mieten zwar schon fast ausgereizt, aber in den 1b-Lagen stiegen sie seit 2014 teilweise um mehr als 50 Prozent, teilte die Bundesregierung kürzlich auf eine Anfrage der Linken-Fraktion mit.
Zu allem Überfluss muss der stationäre Handel auch damit leben, dass viele Kunden sich im Geschäft beraten lassen, dann aber doch im Internet kaufen. Ein Händler aus Braunschweig sorgte jetzt für Schlagzeilen, weil er künftig eine Beratungsgebühr verlangt. Das ist für Christoph König, Geschäftsführer des Lüneburger Unternehmens Trekking König GmbH, nicht der richtige Weg, wie er gegenüber der LZ betont:

Die Wachstumsrate des Online-Handels lag in den vergangenen Jahren jeweils bei mehr als zehn Prozent, 2018 waren es mit 9,1 Prozent etwas weniger als erwartet. Wie stark ist Ihr stationärer Handel vom Online-Boom betroffen?

Christoph König: Bei Trekking-König können wir keinen Einbruch in der beschriebenen Höhe (10 Prozent) melden. Eher ein seit geraumer Zeit konstantes Weihnachtgeschäft. Die Frage ist eher, wie sich der stationäre Einzelhandel ohne den Online Markt gerade für uns entwickelt hätte. Die Zuwächse, die der Online-Händler an seiner Statt generierten, können auch den Händler vor Ort freuen.
Auch der ökologische Teil dieser Frage (Lkw-Transporte der Versandware, Verpackung und Entsorgung des Verpackungsmaterials) ist uns immens wichtig und dürfte gerne auch von allen Händlern stärker erwähnt werden.
Dieses Jahr war das gezielte Denken über das eigene Einkaufsverhalten bei uns direkt stark zu spüren und streifte daher auch jedes längere Verkaufsgespräch.

Können Sie einen Teil mit eigenem Online-Handel auffangen?

Unser Online-Shop ist für uns vor allem das digitale Schaufenster und bringt das Unternehmen dadurch bundesweit auf die Bildschirme. Einen Teil des Umsatzes können wir daher damit auch generieren.

Immer mehr Kunden lassen sich gratis im Einzelhandel beraten, kaufen dann aber doch im Internet. Ein Braunschweiger Geschäftsinhaber erhebt daher eine Beratungsgebühr von zehn Euro. Prof. Dr. Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen ist sogar sicher, dass der Onlinehandel den stationären Handel nicht verdrängen wird. Aber dieser müsse sich gegenüber der Konkurrenz aus dem Netz behaupten. Er hält eine Beratungsgebühr von 5 oder 10 Euro für realistisch, die beim Kauf im Laden verrechnet wird. Was halten Sie davon?

Das Bestrafen der Kunden durch Beratungsgebühren ist sicherlich nicht unser Geschäftsmodell. Wir wollen eher durch hochwertige und durchdachte Preisgestaltung, gepaart mit einer sehr guten individuellen Beratung den Kunden von einem Besuch in unseren Geschäften überzeugen. Der Verkäufer ist bei uns dadurch nicht nur Berater sondern auch Entertainer, der das Einkaufen zum Erlebnis machen kann. Den Anspruch des Kunden in dieser Richtung kann kein noch so guter Internetshop erfüllen.
Wir gesagt: Bestrafung des Kunden durch irgendeine Art Gebühr ist nicht der richtige Weg!

Ein weitere Gefahr für den stationären Handel sind die steigenden Mieten. In vielen Städten steigen sie vor allem auch in 1-b-Lagen extrem an. Sind Sie auch davon betroffen?

In Lüneburg nicht, aber in den Filialen können wir auch das spüren. Kleinen und mittelgroßen Unternehmen wird es durch die aktuelle Mietpreisgestaltung sehr schwer gemacht. Für Neueinsteiger ist es daher fast unmöglich, sich in interessanten Lagen zu zeigen.

Wie lange wird es Ihrer Meinung nach den stationären Handel in der heutigen Form noch geben?

Durch Anpassung an die Bedürfnisse des Kunden haben wir als Fachhändler gute Chancen in der Zukunft. Wenn einige Händler bei dem jetzt auslaufenden Konzept bleiben, das heißt, das Aushändigen von gewünschten Artikeln ohne Beratung, werden sie sich nicht an diesem stark auf individuelle Wünsche des Kunden ausgerichteten Marktes behaupten.

Kommentar

Macht der Verbraucher

Von Werner Kolbe

Beim Wettbewerb zwischen Online- und stationärem Handel geht es nicht nur um Bequemlichkeit oder die Preisfrage, sondern auch um Kurzsichtigkeit. Und Verantwortungsbewusstsein. Einige von denen, die heute lieber im Internet einkaufen, dürften morgen die gleichen sein, die sich über eine Verödung der Innenstädte beschweren und kritisieren, dass es hier ja fast nur noch große Filialisten, Bäcker und Cafés gebe.

Weitaus schwerer wiegt die Tatsache, dass der zunehmende Online-Handel zu einem enormen, zusätzlichen Kohlendixid-Ausstoß führt: Immer mehr Transporter bringen immer mehr Pakete zu den Kunden. Oder zurück zum Händler. Denn die Rücksendung von Artikeln ist für den Käufer in der Regel kostenlos, der Händler zahlt den Paketdiensten nur ein Minimum.

Bei vielen Online-Käufern spielt die Preisfrage eine große Rolle. Dabei werden die Folgen nicht beachtet. Oder ausgeblendet. Denn wer heute spart, muss morgen draufzahlen. Wer im Internet bestellt, sorgt für den Abbau von Jobs im Einzelhandel und zugleich für ein immer größeres Heer von miserabel bezahlten Mitarbeitern bei den Paketdiensten. Diese verdienen meistens so wenig, dass sie später einen Zuschuss zur Rente benötigen werden – vom Staat, also vom Steuerzahler.

Letztlich haben es die Verbraucher in der Hand. Sie können die Entwicklung mit ihrem Kaufverhalten steuern. Wer an der Macht der Verbraucher zweifelt, sollte sich an 1995 erinnern. Damals wollten die Ölkonzerne Shell und Esso den schwimmenden Öltank Brent Spar im Meer versenken. Greenpeace-Aktivisten besetzten den maroden Tank, wollten die Versenkung verhindern. Die Besetzung sorgte für große mediale Aufmerksamkeit. Den Boykottaufrufen schlossen sich in Deutschland viele Autofahrer an. Daraufhin sanken die Umsätze der Shell-Tankstellen um bis zu 50 Prozent. Der Konzern lenkte schließlich ein – nicht vor Greenpeace, sondern vor der Macht der Verbraucher.

Von Werner Kolbe