Leve Vetter (hinten), Finn Peters und Johanna Krapp „bändern“ beim Mittagessen: Sie nehmen sich Essensreste vom Rückgabeband der Mensa. (Foto: t&w)

Die Reste der anderen

Lüneburg. Finn Peters ist auf der Jagd. Er sitzt an einem Tisch direkt hinter dem Rückgabeband in der Zentralmensa der Leuphana und beob achtet dieses aufmerksam. Sobald ein Mensabesucher sein Tablett dort abstellt, steht Finn Peters auf – und nimmt seine Beute vom Laufband: Teller mit essbaren Resten. „Bändern“ nennt sich diese Aktion, mit der Studenten der Leuphana ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung setzen wollen.

„Ich mache das seit meinem ersten Semester”, sagt Finn Peters, der im 5. Semester Umweltwissenschaften studiert. Gemeinsam mit einer Gruppe von etwa zehn Studenten treffen sie sich regelmäßig an dem Tisch in der Mensa und genießen gemeinsam die Reste der anderen Kantinengänger. „Natürlich bewirken wir damit nicht viel”, weiß Finn Peters. Schließlich würde trotzdem noch sehr viel Essen im Mülleimer landen. Es sei aber ein Anfang, um die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.
„Manche finden das komisch oder ekelig”, sagt Finn Peters. Er versteht, dass man erst einmal eine Hemmschwelle überwinden müsse, wenn man bändern möchte, sieht darin jedoch kein Problem: „Das ist doch nur Kopfsache. Ich esse ja auch Reste meiner Freunde oder probiere von ihrem Essen.”

Wählerisch sind die „Bänderer” in ihrer Mittagspause nicht. Fast alle Reste werden vom Band genommen und auf dem Tisch gesammelt. Dort wird dann geteilt: Bohnen, Reis, Kartoffeln, Pilze, Pommes oder Fleisch. „Ich bin Vegetarier, aber hier esse ich auch Fleisch”, meint Finn Peters: „Weil ich es ethisch verwerflicher finde, Fleisch wegzuschmeißen, als es zu essen.”

Mensa-Betreiber toleriert Aktion

Manchmal kommt es vor, dass andere Studenten ihre Reste gleich zu den “Bänderern” an den Tisch bringen. „Wir werden hier in der Mensa toleriert”, meint Finn Peters: „Auch mit den Mitarbeitern haben wir eine gute Beziehung, die stört das Bändern nicht.”
Und auch das Studentenwerk OstNiedersachsen, das die Mensa auf dem Leuphana Campus betreibt, duldet die Aktion. „Das ist eine Form des politischen Protests gegen das sinnlose Wegwerfen von Lebensmitteln, wir haben nichts dagegen“, meint Pressesprecherin Christiane Thoroe.

An anderen Universitäten, wie zum Beispiel in Göttingen, wurde das Bändern bereits untersagt, da die rechtliche Situation nicht eindeutig geklärt sei. Das Studentenwerk OstNiedersachsen sieht das indes entspannt. „Unsere rechtliche Auffassung ist, dass unsere Haftung mit der Ausgabe der Speisen endet“, meint Chistiane Thoroe. Auch das gesundheitliche Risiko, das das Bändern birgt, liege deshalb nicht in der Verantwortung des Betreibers.

Marion Wunderlich, Leiterin des Gesundheitsamts des Landkreis Lüneburg, betont, dass dieses Risiko ohnehin relativ gering ist, ganz ausschließen könne man eine Ansteckung aber nicht: „Wer bei der Aktion mitmacht muss wissen: Man kann sich durchaus mit Infektionskrankheiten wie Durchfall, Grippe, Hepatitis A und E oder Herpes anstecken. Manchmal braucht es dafür nämlich nur wenige Keime.“

Gefahr einer Ansteckung ist gering

Dazu kommt, dass man nie sicher sein kann, was mit dem Teller vorher passiert ist. „Vielleicht hat zuvor jemand in das Essen geniest oder sich einen Spaß erlaubt. Bei Fingerfood weiß man nicht, wo die Kommilitonen vorher die Hände gehabt haben“, meint Marion Wunderlich. Die Verantwortung für eine Ansteckung liegt jedoch auch aus Sicht des Gesundheitsamts bei jedem einzelnen „Bänderer“, nicht bei dem Betreiber.

Finn Peters hat nicht das Gefühl, wegen des Resteessens häufiger krank zu sein. „Und ganz ehrlich: So hat mein Immunsystem wenigstens genug zu tun.”
Da das Bändern eine gesellige Angelegenheit ist, sitzen die Studenten nicht selten bis zu zwei Stunden an dem Tisch zusammen. Satt werden sie dabei fast immer, meistens sogar „bänder-satt”, wie Finn Peters es nennt. Weil so viele Reste auf das Laufband gestellt werden, dass die Bänderer gar nicht aufhören können zu essen.

Von Lilly von Consbruch