Vor einem Jahr gab es die erste Klima-Demo in Lüneburg. (Foto: t&w)

„Die Zeit drängt“

Lüneburg. Am 14. Dezember 2018 trafen sich rund 40 Schüler und Studenten auf dem Lüneburger Marktplatz zur ersten Demonstration unter dem Motto „Fridays for Future“. Anlass war die Weltklimakonferenz in Kattowitz, die damals 15-jährige Greta Thunberg rief dazu auf, die Schule oder Uni sausen zu lassen und stattdessen für mehr Klimaschutz zu streiken.
Die „Schülerstreiks“ zogen auch in Lüneburg teilweise Tausende Menschen an. Gegner hielten sie für einen vorgeschobenen Grund zum Schwänzen, Fans für ein notwendiges Mittel zum Durchsetzen klimapolitischer Ziele. Fest steht: Über das Thema Klimaschutz sprechen jetzt so viele wie noch nie.

Die LZ hat sich umgehört. Lüneburger sagen, was sie von der Bewegung halten:

Stefan Schulz

Schulleiter am Gymnasium Oedeme

Stefan Schulz. (Foto: t&w)

Wir durften ungeheuer viele positive Erfahrungen mit „Fridays for Future“ sammeln, ich persönlich bin sehr froh darüber, dass es diese Bewegung gibt. Ich erlebe hier an der Schule viele engagierte und konstruktiv agierende Jugendliche, die das Thema Klimaveränderung auch mit in den Unterricht tragen. Am Gymnasium Oedeme machen wir jetzt viel für den Umweltschutz . Nennen möchte ich etwa die Nachhaltigkeits-AG, die sich in diesem Jahr gegründet hat, wir haben unsere Mülltrennung verbessert und setzen auf eigene, wiederverwertbare Trinkwasserflaschen.

Der Unterrichtsbetrieb wurde durch die „Klimastreiks“ übrigens nicht gestört. Teile des „Fridays for Future“-Organisations-Teams sind schon am Anfang der Proteste auf uns zugekommen und haben gefragt, wie wir das gemeinsam strukturiert bekommen. Wir sind froh, eine rechtskonforme Lösung für die Unterrichts-Freistellung gefunden zu haben.

Ich hoffe, dass die Politik jetzt reagiert: Welche Ansätze sind unter ökologischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten realistisch umsetzbar?
Übrigens - nicht wenige von denen, die jetzt auf die Straße gehen, können sich bei den Wahlen 2021 in politische Gremien wählen lassen und mit-entscheiden.

 

Ulrich Mädge

Oberbürgermeister der Stadt Lüneburg

Ulrich Mädge. (Foto: t&w)

Die „Fridays-for-Future“-Bewegung weltweit und hier in Lüneburg hat Vieles in Bewegung gesetzt. Die neue Sensibilität und die Dringlichkeit, mit der Klimaschutz jetzt wahrgenommen wird – das ist maßgeblich ein Verdienst der Bewegung.

Wir als Stadtverwaltung haben schon Vieles auf den Weg gebracht, etwa in Sachen E-Mobilität oder Gebäudesanierung. Auch planen wir in den nächsten Jahren eine umfangreiche Aufforstung im Stadtgebiet.

Aber natürlich könnte man immer noch mehr tun und wir wünschen uns, dass Vieles schneller geht. Da scheitert es oft nicht nur an den finanziellen Mitteln, sondern auch an den bürokratischen Hürden. Das erleben wir etwa beim Radwegebau oder bei der energetischen Gebäudesanierung. Die Vorschriften ziehen Prozesse wie Ausschreibungen und Bauplanung oft unnötig in die Länge. Hier erwarte ich ein Nachsteuern auf Bundes- und EU-Ebene. Wir müssten in Vielem schneller sein, die Zeit drängt.

Wünschenswert wäre eine Grundvereinbarung in der Gesellschaft, wie Frau von der Leyen sie ebenfalls gefordert hat bei der Vorstellung des europäischen Green Deals. Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Bürgerinnen und Bürgern – alle sollten sich einig sein, dass der Klimaschutz eine der dringlichsten Aufgaben unserer Zeit ist.

Ob das Engagement der Jugendlichen weiterhin auch durch Schulstreiks unterstützt werden sollte, können sie selbst am besten beurteilen. Das will ich nicht bewerten.

Ich wünsche mir von der Bewegung, dass sie weiter den Finger in die Wunde legt, mahnt, wenn was schiefläuft. Ich wünsche mir aber auch Verständnis dafür, dass sich nicht alle Ziele sofort umsetzen lassen.

 

Benjamin Hirt und Leonie Mahncke

Lüneburger Sprecher von „Fridays for Future“

Benjamin Hirt und Leonie Mahncke. (Foto: t&w)

Wir haben es geschafft, den öffentlichen Diskurs klar auf das Thema Umweltschutz zu lenken. Die Arbeit für die Bewegung macht viel Spaß, wir haben dort auch durch die Vernetzung viele neue Freunde gefunden. Dass im September 4000 Menschen mit uns auf die Straße gegangen sind in Lüneburg, zeigt, wie sehr das Thema auch die Menschen bewegt. Allerdings sind wir insbesondere auf Bundesebene noch lange nicht am Ziel: Das verabschiedete Klimapaket ist völlig unzureichend, ja teilweise gar rückschrittlich. Das hat uns ziemlich enttäuscht. Doch unsere Devise ist: Je länger nichts passiert, desto mehr werden wir.

Uns hat es auch sehr gefreut, wie viele Schulen das Thema Umweltschutz aufgegriffen haben – und, dass viele Schüler nicht mit allzu hohen Strafen für die Schulstreiks rechnen müssen. Und wir begrüßen, dass immer mehr Geschäfte nachhaltiger werden, Mehrweglösungen geschaffen werden, wo früher Wegwerfkultur war.

Für löblich halten wir die Ansätze der kommunalen Politik. Ob sie wirklich so umgesetzt werden, ist das eine, zum anderen sind sie uns auch noch zu zaghaft. Warum können wir die Innenstadt zum Beispiel nicht autofrei gestalten, Lösungen finden für diejenigen, die dann noch auf den Individualverkehr angewiesen sind?

Wir freuen uns, wenn mehr zu unseren Organisationstreffen kommen – die Arbeit, die hinter unseren Aktionen steckt, wird oft unterschätzt. Und wir sind gespannt auf die nächsten Großdemonstrationen, wie etwa zur Bürgerschaftswahl in Hamburg am 21. Februar – oder den nächsten globalen Klimastreik im Frühjahr.

 

Jens Böther

Landrat Landkreis Lüneburg

Jens Böther. (Foto: t&w)

Ich finde es großartig, wenn sich junge Menschen engagieren. Mit der „Fridays-for-Future“-Bewegung haben die Teilnehmenden ohne Zweifel viel Aufmerksamkeit auf das wichtige Thema Klimaschutz gelenkt. Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten, sich zu organisieren: in Verbänden und Organisationen, in Jugendparlamenten oder anderen politischen Gremien.

Ich habe meine Aufgabe als neuer Landrat erst vor sechs Wochen übernommen und blicke deshalb nach vorne. Ich finde aber schon, dass in der Vergangenheit viel umgesetzt und wichtige Weichen gestellt wurden: Mit dem Radverkehrskonzept und dem Konzept Lünebus als neuem Nahverkehrsplan wollen wir beispielsweise Alternativen zum Auto mehr und mehr in den Vordergrund rücken. An diesen Weg werde ich als neuer Landrat natürlich anknüpfen.

Klimaschutz ist ein Prozess, den ich unbedingt vorantreiben möchte. Es geht darum, schrittweise ins Handeln zu kommen. Aktuell geschieht das beispielsweise bei unserem Fuhrpark: Schon jetzt haben wir Elektrofahrzeuge, bei Neuanschaffungen setzen wir ebenfalls auf E-Mobilität.

Die Politik muss immer genau abwägen, wo und wie sie öffentliche Gelder investiert: Große Investitionen gehen leider häufig nicht von heute auf morgen. Und ganz wichtig finde ich: Jeder Einzelne muss für sich selbst konsequent denken und handeln.

Ich wünsche der Bewegung, dass Dynamik und Schwung nicht verloren gehen. Und dass sie ihren Weg findet, aus dem Protest zukünftig auch konkretes Handeln abzuleiten.

 

Meike Bergmann

Inhaberin Edeka Bergmann

Meike Bergmann. (Foto: t&w)

„Mein Respekt gilt allen, die konsequent nach den Forderungen von Fridays-for-Future leben, wie zum Beispiel die Gründer von „plietsch- natürlich unverpackt“. Die beiden Studenten sind einfach authentisch und überzeugend, deshalb ist die Kooperation mit ihnen genau richtig.

Seit 2017 haben wir in unserem Markt eine unverpackt-Abteilung integriert. Außerdem bieten wir seit kurzem auch Bio- Obst und -Gemüse ohne Verpackung an und werden in diesem Jahr keine Feuerwerkskörper mehr verkaufen.

Die ersten Gedanken und Veränderungen zum Thema Müllvermeidung und Umweltschutz gab es bei uns allerdings unabhängig von und auch vor Fridays-for-Future. Man muss der Bewegung aber Zugute halten, dass das Thema Umweltschutz deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Ich finde jedoch, dass jeder in seinem Bereich Verantwortung übernehmen kann und in kleinen Schritten Großes bewirken könnte.“

 

Carlo Eggeling

Chefreporter der Lüneburger Landeszeitung

Carlo Eggeling. (Foto t&w)

Protest muss sein. Dass es der Erde schlechter gehen wird, steht beim Blick auf schmelzende Pole und Gletscher außer Frage. Gut, dass die angeblich unpolitische Jugend auf die Pauke haut. Was mich aber nervt, ist das Gerede, dass wir Silberrücken uns schämen müssen und irgendwem die Zukunft klauen. Das rufen junge Leute, die behütet aufwachsen mit Auslandsjahren und vollem Kühlschrank. Keine Zukunft? Eine 16-Jährige in Syrien dürfte sich da eher Sorgen machen. Dazu der Alarmismus. Raus aus der Kohle, das ist zwar beschlossen. Aber der Erfolg ist überschaubar, wenn Deutschland seine Kraftwerke abschaltet.

Wie wäre es, Dreckschleudern in China, Indien und sonstwo modern auszustatten? Und dafür zu kämpfen, dass Geld dorthin fließt. Klimaexperte Hans von Storch, hat neulich – kurz gefasst – gesagt, dass man nicht genau vorhersagen kann, was ein halbes oder ein Grad mehr Erderwärmung auslöst. Er riet zu kühlem Blick und politischen Lösungen. Ein paar Tausend Demonstranten sind nicht das ganze Land. Das vergisst man in Berlin und bei fff. Wer in der Lausitz die Kohle-Wirtschaft sofort schließen will, muss mit Folgen für die Demokratie rechnen. Die AfD freut sich. Die hat zwar weder Ahnung noch Lösungen, aber Parolen haben eine Wirkmacht.

Egal wen ich treffe - auf dem Markt, am Stammtisch oder im Fitness-Studio, alle achten meist auf wenig Plastik, kaufen möglichst regionale Produkte für den Tisch. Handfeste Leute. Sie lächeln über die Aktivisten, sind von der Moralkeule genervt, verweisen darauf, dass mehr geflogen und kreuzfahrtgeschifft wird, dass mehr SUV verkauft werden. Was passiert, wenn der Wirtschaftsmotor stockt und mehr arbeitslos werden? Was ist dann mit einem höheren Spritpreis?

Von Robin Williamson