Der erste Supermarkt im Raum Lüneburg nimmt das Feuerwerk aus dem Sortiment. Und 2020 ziehen weitere nach. (Foto: t&w)

Erste Läden bieten keine Böller mehr an

Lüneburg. Zwar fällt Silvester dieses Jahr auf einen Dienstag, doch selbst dort prägen die „Fridays-for-future“-Demos den Jahreswechsel. Auf Flug-Scham folgt Knall-Scham. Der erste Supermarkt nimmt das Feuerwerk aus dem Sortiment. Und 2020 ziehen weitere nach. „Edeka Bergmann“ ist Vorreiter in unserer Region. Am Nikolaustag teilte das Unternehmen auf Facebook mit: „Kein Knall = keine Kohle – wir nehmen es in Kauf!“ Damit sind die Lüneburger Teil eines bundesweiten Trends. Bereits 2018 hatte ein Rewe-Markt in Rheinland-Pfalz den Knallkörpern eine Absage erteilt, Anfang Dezember 2019 zogen Edeka-Märkte in Schleswig-Holstein nach – und Edeka Bergmann. „Das passt einfach nicht mehr zu uns“, sagt Inhaberin Meike Bergmann.

Schon Anfang des Jahres hätten ihre Mitarbeiter und sie überlegt, ob Edeka Bergmann dem Feuerwerk abschwören sollte. „Wir sind ja schon länger nachhaltig unterwegs“, sagt Bergmann und zählt auf: „2016 verbannten wir die Plastiktüte, dann haben wir als erste im Norden die Mehrwegfrischebox und den plietschen Einkauf in der Unverpackt-Abteilung eingeführt, da ist das nur konsequent.“ Als die Bestelllisten für die Böller und Raketen eintrudelten, habe sich das Team gefragt, „ob wir uns wirklich trauen. Aber wir wollen Müll vermeiden und Tiere schonen. Zudem fühlen wir uns bestärkt durch das Böllerverbot in der Lüneburger Innenstadt.“ Der Verzicht auf das Saisongeschäft werde ein „fünfstelliges Loch“ in die Bilanz reißen – und schreit nicht nach Wiederholungen. „Auf das Schokoladengeschäft zu Weihnachten würde ich nicht verzichten“, sagt Meike Bergmann und lacht.

Die Umsätze beim Feuerwerk sind gesunken

Auch der Haushalts- und Eisenwarenhandel Mundinus stimmt einen Abgesang auf das Feuerwerk an. Philipp Mundinus: „Wir werden dieses Jahr noch unsere Bestände verkaufen – auch zu reduzierten Preisen – und dann war`s das.“ Mundinus kriegt „schon Bauchschmerzen, wenn ich an die Produktionsbedingungen dieser Waren in Asien denke.“ Ein Böller-Boykott werde die Umwelt „auch nicht mehr retten“, da ist er nüchtern, „aber es ist immerhin ein kleiner Schritt“. Neben den Öko- sind es aber auch betriebswirtschaftliche Gedanken, die ihn zu diesem Schritt bewegen. „Als ich noch klein war“, erinnert sich Philipp Mundinus, der das Familienunternehmen in der dritten Generation führt, „verkauften in der Innenstadt nur wenige Läden Feuerwerk. Heute bekommt man es fast überall.“ Folge: Die Umsätze sanken. „So zeigt uns der Kunde, was er nicht mehr will.“

Der Wandel ergreift auch die Baumärkte. Die Hornbach-Kette nimmt konzernweit im nächsten Jahr das Feuerwerk aus dem Sortiment. „Das war ohnehin nie unsere Kernkompetenz“, sagt Konzernsprecher Florian Preuß, „wir konzentrieren uns auf Haus und Garten.“ Außerdem nehme man in dem Baumarkt wahr, „was in den Kommunen los ist, wie immer öfter Feuerwerk verboten wird.“ Dem Wandel könne und wolle sich das Unternehmen nicht entziehen. „So haben wir vor drei Jahren auch auf Kundenwünsche bienenfreundliche Pflanzenschutzmittel in unser Sortiment aufgenommen.“

Die Rewe-Gruppe, zu der die Rewe- und Penny-Filialen gehören, werden weiter ein Feuerwerkssortiment führen, sagt Unternehmenssprecher Andreas Krämer. Den selbstständigen Rewe-Kaufleuten stehe es aber „selbstverständlich frei, ob sie Silvesterfeuerwerk verkaufen möchten oder nicht“.

Lärm gegen Dämonen

Warum böllern wir?

Schuld sind ungenaue Kalender und barocker Prunk. Das Mondjahr umfasst nur 354 Tage, das Sonnenjahr 365. Die elf überschüssigen Tage bzw. zwölf „Rauhnächte“ „zwischen den Jahren“ waren den Menschen schon in der Bronzezeit unheimlich. Die Grenzen, die Geister und Dämonen fernhielten, seien gefallen. Also musste man sie mit Feuer und Rauch abwehren.

Den Lärm lieferten im 14. Jahrhundert arabische Händler dazu, die chinesisches Feuerwerk nach Europa brachten. Italienische Pyrotechniker etablierten das Feuerwerk dann an den vergnügungssüchtigen Höfen des Barock.

Von Joachim Zießler