Mittwoch , 21. Oktober 2020
Der Fahrradschnellweg könnte einen großen Teil der Bardowicker Straße in Radbruch einnehmen. Foto: be

Radschnellweg durch Radbruch?

Lüneburg. Es brauche Mut, um diesen Vorschlag umzusetzen, sagte der Gutachter: Der angedachte regionale Radschnellweg von Lüneburg nach Winsen und Hamburg könnte durch Radbruch führen – was auch angesichts des Gemeindenamens nicht tragisch wäre. Aber: Dafür müsste die Ortsdurchfahrt grundlegend umgebaut werden, hieß es. „Man müsste den Mut haben, den Kfz-Verkehr dort rauszubekommen, um dem Radverkehr mehr Raum zu geben“, sagte Diplom-Geograf Philip Engler vom Verkehrsplanungsbüro Argus bei der jüngsten Sitzung des Mobilitätsausschusses des Lüneburger Kreistags am Mittwochnachmittag. Im Auftrag des Landkreises haben die Experten verschiedene Trassenvarianten auf Lüneburger Kreisgebiet untersucht, als Beitrag für das Radschnellwege-Projekt der Metropolregion Hamburg.

Wie berichtet, wird zurzeit unter der Federführung des Landkreises Harburg die regionale Machbarkeitsstudie für den angedachten Radschnellweg von Lüneburg über Winsen nach Hamburg erstellt, eine von sieben Routen, die in Norddeutschland sternförmig auf Hamburg zulaufen sollen. Eine Realisierung erscheint frühestens Mitte der 2020er-Jahre als wahrscheinlich. Engler umriss den angedachten Ausbaustandard der Radschnellwege, der bei der Trassensuche eine wichtige Rolle spielt: So sollen pro Fahrspur möglichst zwei Radfahrer nebeneinander fahren können, das gleiche also auch für die Gegenfahrbahn gelten. Daraus ergebe sich eine Mindestfahrbahnbreite von vier Metern, plus abgetrenntem Fußweg und Seitenborden. Laut Engler könne so ein Radschnellweg straßenbegleitend geplant werden, entweder beide Fahrstreifen auf einer Kfz-Straßenseite oder getrennt voneinander, rechts und links der Autofahrbahn.

Vorzugsvariante wäre 48,7 Kilometer lang

Die Verkehrsexperten aus Hamburg entwickelten vier Grobvarianten für den Lüneburger Anteil am Radschnellweg, teilweise entlang von Kreisstraßen, wie der ehemaligen B 4, oder entlang der Bahnstrecke Lüneburg-Hamburg. Weitere Erkenntnisse zogen die Gutachter aus einer Online-Beteiligung in diesem Jahr sowie einem Bürgerworkshop, der für den niedersächsischen Bereich in Winsen/Luhe im September stattgefunden hatte.

Dabei kristallisierte sich eine sogenannte Vorzugsvariante heraus: Die würde im Lüneburger Stadtteil Ochtmissen ansetzen, weiter durch die Ortsdurchfahrt Bardowick und dann schließlich durch Radbruch bis nach Winsen/Luhe im Kreis Harburg gehen. Mit der Weiterführung nach Hamburg hätte die Trasse eine Gesamtlänge von 48,7 Kilometern und würde in der Freien und Hansestadt an das dortige Veloroutennetz anknüpfen.

Gutachter Engler betonte, dass die Route weniger dafür gedacht sei, massenhaft Fahrrad-Pendler von Lüneburg nach Hamburg fahren zu lassen, sondern vielmehr „als Verbindung aller Orte an der Strecke untereinander“ verstanden werden sollte. Noch steckt das Projekt aber weiterhin in den Kinderschuhen. Noch fehlen die finale Abstimmung der Vorzugsvariante und die genaue Ausarbeitung. Zudem ersetze die Studie keineswegs ein offizielles Planverfahren. Doch könne die aktuelle Projektskizze ein guter Hinweisgeber sein, wo es sich für Kreis und Kommunen lohnt, für den Radschnellweg Flächen zu sichern oder freizuhalten.

Erste Kritik kommt von Bardowicker Abgeordneten

Kreistagsabgeordneter Detlev Schulz-Hendel (Grüne) aus Amelinghausen verwies auf die aktuelle Diskussion in der Region, wo künftig neue Eisenbahnstrecken ausgebaut werden könnten und wollte wissen, ob das bei der Trassensuche für den Radschnellweg berücksichtigt worden sei. Engler räumte ein, dass die beiden Projekte zu Radverkehr und Bahnausbau durchaus miteinander kollidieren könnten, da seitens der Bahn noch keine genauen Planungen bekannt seien.

Lob gab es von Lüneburgs Erstem Kreisrat Jürgen Krumböhmer, der die vorgestellte Vorzugsvariante „alles in allem ganz überzeugend“ fand. Auch die Stadt Lüneburg beschäftige sich mit dem Thema und der Ochtmisser Kirchsteig sei eine „logische Verbindung“. Dem pflichtete Kreistagsabgeordneter und Ochtmissens Ortsbürgermeister Jens-Peter Schulz (SPD) bei. Petra Kruse-Runge (Grüne) warnte nach Einlassungen Krumböhmers zu möglicherweise geringeren Ausbaustandards auf Teilstrecken davor, nicht gleich mit Kompromisslösungen zu starten, „sonst macht ein Radschnellweg als Pendlerstrecke keinen Sinn“.

Eine kritische Stimme kam zudem aus Bardowick: Inge Schmidt (CDU) befürchtete, dass der Domflecken durch das Projekt teilweise vom Autoverkehr abgeschnitten werden könnte: „Wir wollen uns künftig von Bardowick aus nicht nur noch mit Tempo 20 nach Lüneburg oder Winsen fortbewegen.“ Es bleibt also noch viel zu besprechen.

Von Dennis Thomas