Rund 60 000 Euro sind aus einem Safe der Polizei verschwunden. (Foto: Adobe Stock)

Polizisten ermitteln gegen eigenen Kollegen

Lüneburg. Vor Monaten hatte die LZ schon über den Fall berichtet, jetzt hat er auch die Landesebene erreicht: Ein Polizist soll die Polizei bestohlen haben. Der 41-Jährige aus dem Bereich Staatsschutz steht im Verdacht, im August 2018 eine größere Summe aus der Asservatenkammer der Zentralen Kriminalinspektion (ZKI) gestohlen zu haben. Es soll um rund 60 000 Euro gehen. Bislang hatten sich Staatsanwaltschaft und Polizei zu Einzelheiten des Falls bedeckt gehalten. Nun hat das Ministerium in Hannover dem NDR Details genannt. Demnach stammt das Geld aus einem Terrorismusverfahren, zudem soll es einen zweiten Diebstahl geben.

Laut NDR war der größte Teil des Geldes zuvor im Rahmen eines Terrorismus-Verfahrens beschlagnahmt worden. Wohl während einer Hausdurchsuchung bei Beschuldigten, die damals im Verdacht standen, die islamistische „Al-Nusra-Front“ in Syrien zu unterstützen. Wörtlich heißt es vom Ministerium: „Die Ermittler waren mit Spezialeinsatzkräften bei den Männern angerückt. Sie nahmen nicht nur die Verdächtigen mit, sondern auch Bargeld in Höhe von 51 650 Euro. Das Geld hatten die Beamten in einem Kleiderschrank entdeckt. Von dort wanderten die Scheine in den Stahlschrank der vermeintlich sicheren Asservatenkammer der Polizei Lüneburg.“

Kripochef bestätigt weiteren Diebstahl

Polizei und Staatsanwaltschaft in Lüneburg sind wenig erfreut über die Auskunftsfreude in Hannover. Tenor: „Da wird Täterwissen in einem laufenden Verfahren preisgegeben.“ Offiziell äußert sich dazu allerdings niemand – aus Sorge vor einem harschen Echo.

Der NDR berichtet von einem zweiten Fall. So sollen 2017 aus dem Tresor der Lüneburger Wache 2500 Euro weggekommen sein. Dem widerspricht Lüneburgs Kripochef Steffen Grimme: „Entgegen dieser Darstellung kam kein Geld in den Dienststellen der Polizeiinspektion Lüneburg, Uelzen, Lüchow-Dannenberg weg. Sehr wohl bearbeiten wir den Fall aber.“

In einer Erklärung des Innenministeriums heißt es, dass auch in diesem Fall die ZKI Tatort war. Der Kriminaldirektor erklärt: Im Sommer 2017 seien 2500 Euro verschwunden. Denkbar seien zwei Varianten: Tatort Asservatenkammer oder Tatort Büro. Der Ablauf: Für die Bearbeitung eines Falles hätte ein Sachbearbeiter Beweismittel in ein Büro geholt, darunter einen Umschlag mit Unterlagen und dem Geld. Später seien die Scheine weg gewesen. Wer wo zugegriffen habe, sei nicht geklärt. Selbstverständlich werde ein Zusammenhang zwischen beiden Fällen geprüft.

Mutmaßliche Täter ging planvoll vor

Laut Innenministerium läuft ein Disziplinarverfahren gegen einen Verantwortlichen. Dies sei ausgesetzt, bis die strafrechtlichen Ermittlungen abgeschlossen seien. Wann das der Fall ist, war am Mittwoch nicht zu klären.

Zurück zum Fall der 60 000 Euro. Die Polizei in Lüneburg besteht aus mehreren Einheiten. Es gibt die Inspektion, die sich in drei Landkreisen um Alltagsgeschehen wie Einbrüche, Unfälle, aber auch um Brände und Tötungsdelikte kümmert. Daneben bestehen Spezialdienststellen. Eine ist die ZKI. Dort sind die Beamten für schwerste Kriminalität zuständig sowie Terrorismusbekämpfung. Der polizeiliche Staatsschutz hat unter anderem gefährliche Islamisten im Visier. So dürfte der nun verdächtige Beamte bestens darüber Bescheid gewusst haben, dass bei einer Hausdurchsuchung ein paar Zehntausend Euro eingesammelt wurden.

Der mutmaßliche Täter ging im Sommer 2018 planvoll vor. Wie berichtet, lief auf der Wache ein Alarm auf: Einbruchsversuch bei der ZKI. Ein Zaun war aufgeschnitten, Spuren an Fenstern, aber niemand im Gebäude. Später stellte sich heraus, dass Geld fehlte. Da der Raum besonders gesichert ist und nur ein überschaubarer Kreis Zugang hat, fiel der Verdacht auf den Staatsschützer.

Verdächtiger soll finanzielle Probleme haben

Unklar ist, wann das Geld verschwand. Es könnte monatelang bis zum vorgetäuschten Einbruch in der Asservatenkammer gelegen haben – oder eben gleich verschwunden sein. Nach Durchsuchungen beim Verdächtigen, der Geldprobleme haben soll, wurden unter anderem Kontobewegungen überprüft.

Die ZKI ist gar nicht erfreut über die Aufmerksamkeit. Die Chefetage „schweigt das Thema tot“, ist von verschiedener Seite zu hören. Als der Diebstahl bekannt wurde, habe in den Büros große Unsicherheit geherrscht: Wem kann man trauen? Es gab Gemunkel von anderen verschwundenen Dingen, sogar von einer Festplatte. Nachdem der Verdächtige vor die Tür gesetzt und eine Besprechung einberufen wurde, sei wieder eine gewisse Normalität eingekehrt.

Damit dürfte es vorbei sei. Denn es bleibt die Frage: Wie sehr können sich die Chefs dort auf ihre Ermittler verlassen, wenn dort geklaut wird?

Hintergrund

Die politische Dimension

Innerhalb der niedersächsischen Polizei und des Landeskriminalamtes kam häufiger mal was weg: Akten, Waffen, Munition, Geld. Das musste das Innenministerium in den vergangenen Monaten immer wieder einräumen. In Braunschweig verschwanden beispielsweise hochwertige Teile von sichergestellten Fahrrädern. Einer der schwerwiegendsten Fälle spielt in Celle: Im Sommer wurde bekannt, dass dort eine Maschinenpistole abhanden kam.

Nun hat das Thema Innenminister Boris Pistorius erreicht – mit der Frage, ob er seinen Laden im Griff habe. Nach dem Vorfall in Celle hatte Stephan Birkner, FDP-Fraktionschef im Landtag, gesagt: „Diese Häufung zeigt einen dringenden Handlungsbedarf.“

Von Carlo Eggeling