Freitag , 18. September 2020
Horst Wege sitzt auf dem Stumpf der Eiche, deren Stamm in Teilen auf seinen Gartenzaum gestürzt ist. Von der Gemeinde verlangt er Schadenersatz, die Kommune beruft sich auf höhere Gewalt. (Foto: ada)

Vom Winde verweht

Kirchgellersen. An den Tag als „Theo“ kam, erinnert sich Horst Wege noch genau. Es war der 20. Juli 2019. Dieses Datum steht auch in den Unterlagen, die der 72- Jährige auf dem Küchentisch ausgebreitet hat. Ein Gutachten, ein Anwaltsschreiben, Versicherungsmeldungen. Sie alle befassen sich mit dem, was blieb, als der ungebetene Gast verflogen war: einem umgestürzten Baum, einem kaputten Zaun und der Frage: Wer zahlt den Schaden?

„Theo“ ist der Name des Tiefdruckgebiets, das mit Regen, Gewitter und Böen über das Land zog. Im Landkreis Lüneburg richtete das Tief nur wenig Schaden an – und doch scheint es verantwortlich dafür zu sein, dass ein Teil der alten Eiche, die gegenüber von Horst Weges Grundstück am Putenser Weg steht, abbrach. In etwa vier Metern Höhe löste sich, vermutlich durch eine Windhose, ein Teil der Stieleiche und krachte auf den Waldweg, der auch für Verkehrsteilnehmer freigegeben ist.

Dabei beschädigte die Eiche rund 15 Meter von Weges Maschendrahtzaun. Ein vergleichsweise glimpflicher Unfall, seien doch nur 20 Meter weiter Fußgänger unterwegs gewesen, erinnert sich Horst Wege. Und trotzdem trifft der Schaden den 72-Jährigen schwer: für die Reparatur des Zaunes werden laut Kostenvoranschlag knapp 1200 Euro fällig. Kosten, die niemand tragen will – nicht der Kommunale Schadenausgleich (KSA), nicht die Gemeinde Kirchgellersen und nicht Horst Wege.

„Die Bäume sind einfach zu alt. Bei Sturm ist es lebensgefährlich hier lang zu gehen.“ – Horst Wege, Grundeigentümer

Wieder und wieder reckt Horst Wege den Finger in die Luft, während er am Putenser Weg entlangläuft. „Noch so ein Zwiesel“, sagt er und deutet auf den sich gabelnden Baum am Straßenrand. Die Zwiesel (Bäume, deren Stamm sich teilt) sind dem 72-Jährigen ein Dorn im Auge, brächen sie doch besonders leicht ab. Aber auch andere Bäume an der Straße betrachtet er argwöhnisch. „Die Bäume sind einfach zu alt. Bei Sturm ist es lebensgefährlich hier langzugehen“, sagt er und beklagt eine mangelnde Sichtung und Pflege der Bäume. Weges Vorwurf: Die Gemeinde habe ihre Verkehrsaufsichtspflicht vernachlässigt.

Wege überlegt, Klage einzureichen

Kirchgellersens Bürgermeister Jürgen Hövermann weist diese Kritik zurück. „Das wird allmählich wirklich abenteuerlich“, sagt er und erklärt, dass es sich um eine gesunde Eiche gehandelt habe, deren oberer Teil von einer Windhose förmlich „abgedreht“ wurde. „Wenn der Baum hohl oder morsch gewesen wäre, wären wir natürlich in die Haftung gegangen“, sagt der Bürgermeister. Ähnlich sieht es auch der Kommunale Schadenausgleich (KSA), eine Art Haftpflichtversicherung der Gemeinden. Die Gemeinde Kirchgellersen hatte den Schaden gemeldet, die Haftung wurde wegen „höherer Gewalt“ jedoch abgelehnt.

Horst Wege reicht das nicht, er hat ein Gutachten über die bereits gefallene Stieleiche anfertigen lassen. Von „eingeklemmter Rinde“, „dunkler Holzverfärbung“ und einem „nicht korrekten Verwuchs“ ist darin die Rede. „Im vorliegenden Fall kann von einer potenziell instabilen Ausformung des Zwiesels gesprochen werden“, schlussfolgert der Gutachter. Für Horst Wege ist der Fall damit klar: Die Eiche hätte schon vor dem Sturm gesichert werden müssen.

„Wenn der Baum hohl oder morsch gewesen wäre, wären wir in die Haftung gegangen.“ – Jürgen Hövermann, Bürgermeister

Bürgermeister Hövermann sieht es anders: „Verbräunungen sind vollkommen normal. Das Gutachten sagt nicht aus, dass die Verkehrssicherungspflicht verletzt worden sei“, erklärt er und verweist auf eine Vielzahl von Zeugen, die ebenfalls bestätigen könnten, dass der Baum gesund gewesen sei.

Hat Horst Wege sich in dieser Angelegenheit verrannt oder hätte der Baum tatsächlich gesichert werden müssen? Das muss möglicherweise ein Richter klären, denn Horst Wege überlegt, Klage einzureichen.

Der Zaun wird bis auf Weiteres wohl nicht repariert werden. Aber immerhin, die alte Eiche und ein beschädigter Nachbarbaum haben derweil eine neue Bestimmung erhalten: Aus ihnen hat ein befreundeter Holzkünstler zwei Sitzgelegenheiten geschnitzt. „Die sind eine echte Attraktion“, sagt Horst Wege und dann huscht doch noch ein Lächeln über seine Lippen.

Hintergrund

Sicherungspflicht

Baumeigentümer sind grundsätzlich verantwortlich für die Prüfung und Sicherung ihrer Bäume – das gilt für Kommunen und Privatleute. Wird ein gesunder Baum durch so genannte „höhere Gewalt“, zum Beispiel Extremwetterereignisse, beschädigt, steht der Baum­eigentümer nicht in der Haftung. Kniffeliger wird es bei der Frage, ob eine lückenhafte Vorab-Kontrolle der Bäume den Eigentümer bereits haftbar macht. Hierzu entschieden Gerichte zuletzt von Fall zu Fall.

Von Anke Dankers