Donnerstag , 1. Oktober 2020
Das Mahnfeuer in Dachtmissen hat die Diskussion befeuert – auch zwischen Landwirt Carsten Hövermann und Leonie Laryea, Julia Meyer und Landwirt Klaus Köhler (von links). Foto: t&w

Umweltschutz gibt‘s nicht zum Nulltarif

Dachtmissen. Lea-Sophie Gellermann kommen jedes Mal fast die Tränen, wenn sie über das Sterben bäuerlicher Betriebe und ihre Leidenschaft für die Landwirtschaft spricht. „Ich möchte auch in 30 Jahren noch davon leben können“, sagt die 24-jährige Landwirtschaftsstudentin. Darum hat sie am Sonnabend bei Dachtmissen ein Mahnfeuer entzündet. Dazu hatte das Aktionsbündnis „Land schafft Verbindung“ bundesweit aufgerufen, auch in Scharnebeck und Dahlenburg setzten die Landwirte damit ein Zeichen, um mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Allein in Dachtmissen zählte Lea-Sophie Gellermann rund 100 Besucher. Auch die LZ war vor Ort und hat den Gesprächen zwischen Landwirten und Verbrauchern gelauscht.

Amelinghausens Heidekönigin Leonie Laryea (20): Alle sprechen momentan von dem neuen Agrarpaket. Warum macht Euch Landwirten das Angst?
Carsten Hövermann, Landwirt aus Kirchgellersen: Wir werden für Probleme verantwortlich gemacht, für die wir zwar mitverantwortlich sind, aber eben nicht ausschließlich. Stichwort Nitrat im Grundwasser. Es gibt in Niedersachsen einige Grundwassermessstellen – auch eine im Landkreis Lüneburg –, in denen das Wasser in einem schlechten chemischen Zustand sein soll. Bei der Grundwassermessstelle in Dachtmissen wurde der Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter in der Vergangenheit offiziell überschritten. Das kann unter anderem passieren, wenn deutlich mehr gedüngt wird, als die Pflanzen zum Wachsen benötigen. Man muss aber eindeutig davon ausgehen, dass die Werte in Dachtmissen nicht landwirtschaftlich begründet sind. Aktuell sind die Werte wieder unter dem Grenzwert. Wir Bauern im Umkreis von Dachtmissen haben selbst zahlreiche Proben im Beregnungswasser gezogen und dabei lediglich Werte zwischen null und vier Milligramm erhoben. Trotzdem sollen wir zukünftig laut geplanter Vorschriften der Düngeverordnung unsere Pflanzen nur noch 20 Prozent unter Bedarf düngen, dementsprechend werden wir deutlich weniger ernten. Damit werden knapp 1000 Landwirte allein hier in der Region bestraft. Gleichzeitig plant Coca Cola mitten im roten Gebiet, knapp 800 Meter von der Messstelle Dachtmissen entfernt, einen neuen Brunnen, um Wasser zu fördern. Tut das ein Unternehmen, wenn es wüsste, dass das Grundwasser wirklich so schlecht ist?
Zum Thema Insektenschutz: Da ist vorgesehen, dass in Schutzgebieten demnächst keine Pflanzenschutzmittel mehr erlaubt sein sollen. Das betrifft ungefähr 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland – eine sehr harte und fachlich nicht nachvollziehbare Einschränkung, die für viele existenzbedrohend ist. Wir sind nicht gegen Insektenschutz, aber wir müssen dort fachlich fundierte Kompromisse machen. Es gibt sicher auch schwarze Schafe unter uns Bauern, wie in allen Berufsgruppen. Aber mit Agrarpaket und Düngeverordnung werden alle Landwirte pauschal zur Verantwortung gezogen und das mit Maßnahmen, die fachlich nicht nachvollziehbar sind. Das ist frustrierend.

Julia Meyer (24) aus Bardowick: Bei den Demos heißt es ja immer: Umwelt- und Tierschutz – ja, aber nicht zum Nulltarif. Was müsste von Politik und Verbrauchern kommen, damit ein Landwirt sagen kann: Das rechnet sich für mich, davon profitieren Umwelt und Landwirtschaft?
Klaus Köhler, Landwirt aus Dachtmissen: Wir betreiben ja schon immer Umweltschutz. Wir wollen unsere Böden und die Natur auch weiterhin intakt halten, können uns aber nicht weiteren Gesetzen und Verordnungen unterwerfen, die unsere Handlungsfreiheit beschneiden. Unser Hauptziel bleibt die Produktion hochwertiger Lebensmittel, dafür stehen wir. Wenn wir mehr Flächen dem Natur- und Umweltschutz zuführen sollen, dann muss das entsprechend entlohnt werden. Wenn das von der Politik und den Verbrauchern gewünscht ist, sind wir bereit dazu, aber eben nicht zum Nulltarif. Es muss der Allgemeinheit auch etwas wert sein.

Wahrscheinlich wären Subventionen da gar nicht das Mittel der Wahl. Das sollte sich über den Preis regulieren lassen, oder nicht?
Klaus Köhler: Wo entwickelt sich denn der Preis? Wir sind einem Markt untergeordnet. Er setzt den Rahmen, in dem wir kostendeckend produzieren müssen. Da wird es für uns immer enger – auch, weil wir uns mit einigen Produkten dem Weltmarkt stellen müssen, mit Getreide und Zucker zum Beispiel. Da sind wir einem starken Wettbewerb ausgesetzt, haben aber in Deutschland sehr hohe Kosten bei der Produktion und viele Auflagen. Sicher, man sagt, dass die Preise das hergeben müssten, aber die Realität ist oft eine andere. Wir können gar keine höheren Preise generieren, um weitere Umweltmaßnahmen abzudecken. Kleinere Betriebe in diesem Land können die hohen Festkosten nicht mehr stemmen und müssen irgendwann aufgeben.

Juliane Ramb (48) und ihr Mann Peter (54) aus Kirchgellersen: Was hat es mit dem „Greening“ auf sich?
Klaus Köhler: Im Rahmen der EU-Agrarförderung kann ein Landwirt jedes Jahr finanzielle Hilfen beantragen: Es gibt einen Grundbetrag, eine Umverteilungsprämie, eine Prämie für Junglandwirte und für das so genannte „Greening“. Um eine Zahlung zu bekommen, müssen wir Auflagen erfüllen. Mit den Greening-Auflagen werden unsere Flächen aufgewertet: Zwischenfrüchte, Untersaaten, Blühstreifen – das ist gut für die Fruchtbarkeit der Böden.

Würden Sie das auch machen, wenn es keine Prämie gebe?
Klaus Köhler: Wir bauen immer schon Zwischenfrüchte an – auch außerhalb dieser Regelung, für den Grundwasserschutz und um die Böden zu verbessern. Die Pflanzen halten den Stickstoff mit ihrem Wurzelwerk fest, der Dünger geht also nicht ins Grundwasser, sondern wird für die Böden und die Feldfrüchte erhalten. Das ist gerade bei unseren sandigen Böden eine wichtige Sache.

Diese Blühstreifen, fallen die auch ins „Greening“?
Klaus Köhler: Das ist ein Sonderprogramm. Diese Maßnahme zählt zu den Agrarumweltmaßnahmen, die jedes Bundesland selbst gestalten kann. Das machen wir gerne, um den Insekten etwas anzubieten.

Davon gibt es hier aber nicht so viele. Oder sehen wir die nur nicht?
Klaus Köhler: Vor einigen Jahren wurde das noch wesentlich stärker genutzt, aber der grüne Landwirtschaftsminister Christian Meyer hat die Förderung auf zehn Hektar pro Betrieb reduziert, dabei gab es viele Betriebe, die mehr Flächen zu Blühstreifen gemacht haben – auf freiwilliger Basis.

Von Anna Petersen