Montag , 28. September 2020
Die Schwestern Sireen (vorn) und Layan Alhindi mögen die Polizei, Layan möchte Polizistin werden. Hauptkommissar Frank Kerstens lässt die beiden Probe sitzen im Streifenwagen. Foto: t&w

Der Bürgerpolizist geht in den Ruhestand

Lüneburg. In Kaltenmoor kennt Frank Kerstens viele, und viele kennen ihn: Er lebt und arbeitet dort. Klar sei das ein besonderer Stadtteil, sagt der Hauptkommissar: „Liebens- und lebenswert.“ Er hat die Urteile über das Quartier mit den vielen Hochhäusern im Ohr, und natürlich laufe nicht alles rund. Aber vieles laufe gut. „Hier in meiner Nachbarschaft leben Kurden, Türken, Russlanddeutsche, das ist ein freundliches Miteinander, große Probleme sehe ich nicht.“

Wenn man mit ihm durch die Straßen geht, strahlt der 61-Jährige Zuversicht aus, er lacht gern. 16 Jahre lang war er Kontaktbeamter (Kob) für Kaltenmoor, Schützenplatz und Neu Hagen, auch das Gewerbegebiet Bilmer Berg und der Hafen gehören dazu sowie das Neubaugebiet Ilmenaugarten. Jetzt ist der Polizist in den Ruhestand gegangen.

Frank Kersten redet sich sein altes Revier nicht schön. Es gab Schlägereien, regelrechte Machtkämpfe mit jungen Kriminellen, die glaubten, sagen zu können, was im Viertel läuft. Es gab die Schießerei am St.-Stephanus-Platz. Dazu den Mann, der in einem Block an der Wilhelm-Leuschner-Straße totgeprügelt und später verbrannt wurde. Zwei Frauen, die durch einen eifersüchtigen religiös-gestörten Jesiden umgebracht wurden.

Polizei zum Anfassen

„Kriminalität gab es hier immer“, sagt er. Es gibt vor allem junge Männer, die immer wieder auffallen. Man müsse aber sehen, was an Vergehen statistisch alles unter den Bezirk gefasst werde: Diebstähle in den Märkten am Bilmer Berg, Sachbeschädigungen im Ilmenaugarten.

Selbstverständlich mag nicht jeder die Polizei. Aber Kerstens sagt auch: „Ich bin nie angegangenen worden, meine Familie auch nicht.“ Die Kinder seien hier zur Schule gegangen, hätten sich in der Jugendarbeit engagiert. Kerstens selbst war im Elternrat in der Schule und ist noch immer Kassenwart des Fördervereins, er betreut an der Anne-Frank-Schule eine Fußball-AG. Er hat das gemacht, was als ein Ziel galt, als er 2003 Kontaktbeamter wurde: „Damals sollten wir in unseren Stadtteilen wohnen, um die Leute zu kennen.“ Die kennt er und sagt: „Da hat man ein anderes Verhältnis.“ Mit dem Kob aus der Nachbarschaft redet mancher anders, die Jugendlichen kennen ihn möglicherweise schon aus der Schule. Das schafft Akzeptanz.

Polizei zum Anfassen – die Kobs sind eine der besten Imageträger der Polizei. Da braucht es kein Seminar für Bürgernähe. Das war im Sommer beim Stadtteilfest zu erleben. Als Kerstens und seine Kollegin Nicoline Wiermann ihre Arbeit an einem Streifenwagen erklärten, standen die Kinder Schlange, um Platz zu nehmen und sich mit den Beamten fotografieren zu lassen. Für einige von den Mädchen und Jungen war klar: „Polizei ist gut, da möchte ich auch mal arbeiten.“

Ein geregelter Tagesablauf

Kerstens wäre gern noch häufiger auf der Straße gewesen, in Schulen und Kindergärten. Doch wie seine Kollegen hatte er eine Menge Schreibtischarbeit. Denn die Polizisten müssen nicht nur Schulwege sichern und Fahrräder auf Verkehrssicherheit prüfen, sie ermitteln auch. Aufenthaltsermittlung nennt sich das. Sie bekommen Aufträge und Anfragen, um Verdächtige zu suchen. „Am Anfang hatte ich so 80 im Jahr, jetzt sind es 180 bis 200.“ Auch da ist es von Vorteil, wenn man seine Leute kennt: die Netten und die „Bagaluten“.

Kerstens, in Reppenstedt geboren, kam 1975 zur Polizei. Verschiedene Stationen folgten, Schichtdienst auf der Wache. Nach einem Vierteljahrhundert ergab sich die Chance, Kob zu werden: „Das bedeutete einen geregelteren Tagesablauf.“

Nun also Ruhestand. „Den Rhythmus für den Alltag muss ich noch finden“, sagt er. Seine Pläne: Mehr Zeit mit der Familie, Rad fahren, schwimmen, reisen, das, was man sich so vornimmt als Pensionär. Aber eins ist auch klar: Im Stadtteil bleibt er ein bekanntes Gesicht und aktiv. Kaltenmmoor ist eben liebens- und lebenswert.

Von Carlo Eggeling