Dienstag , 29. September 2020
Klinikum-Chef Moormann befürchtet, dass Krankenhäuser die finanziellen Folgen der Gesetzes-Vorgaben schultern müssen. (Foto: t&w)

„Es gibt einen unglaublichen Wettbewerb um Pflegekräfte“

Lüneburg. Zufriedene Gesichter gab es bei den Mitgliedern des Wirtschaftsausschusses in den vergangenen Jahren, wenn die Klinikum Lüneburg gG mbH Jahresabschlüsse oder Wirtschaftspläne präsentierte. Unterm Strich ein zunehmend dickes Plus. Beim im Oktober vorgestellten Jahresabschluss 2018 waren es rund 4,2 Millionen Euro. Der Blick nach vorne sorgt allerdings bei Politik wie auch bei Klinikum-Chef Dr. Michael Moormann für weniger Freude. Der Wirtschaftsplan 2020 verzeichnet nur noch ein Plus von 100 000 Euro.

Herr Dr. Moormann, wie kommt es zu dem geplanten Ergebnis? Kommen weniger Patienten ins Klinikum, sinken dadurch die Umsatzerlöse?
Dr. Michael Moormann: Nein, die Umsatzerlöse steigen weiter, da das Klinikum bei den Bürgerinnen und Bürgern hohes Vertrauen genießt und auch immer mehr Patienten aus umliegenden Landkreisen zu uns kommen. Aber mit dem sogenannten Pflegepersonal-Stärkungsgesetz und dem MDK-Reformgesetz (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) hat der Gesetzgeber zwei Gesetze verabschiedet, die in den Krankenhäusern absehbar zu massiven Kostensteigerungen führen werden. Darüber hinaus stellt uns der neue Ärztetarifvertrag vor große organisatorische und finanzielle Herausforderungen. Wir werden in einigen Abteilungen erheblich mehr Ärzte benötigen.

GmbH erhöht Umsatz

Reichlich Parkplätze

Die Lüneburger Parkhaus- und Parkraum Verwaltungs-GmbH (Lüneparken) betreibt die Parkhäuser am Bahnhof, Rathaus, Klinikum sowie das im Lünepark, außerdem die Wohnmobilstellplätze an den Sülzwiesen und in Adendorf. Die Stadt hält über die Lüneburger Wohnungsbau GmbH, bei der sie Hauptanteilseigner ist, 60 Prozent Anteile an der Lüneparken. Im Wirtschaftsausschuss war deshalb auch der Wirtschaftsplan 2020 dieser Gesellschaft Thema. Geplant ist ein Plus von rund 55 000 Euro aufgrund einer leichten Umsatzsteigerung. Künftig betreiben will Lüneparken auch das Parkhaus am Bahnhof in Winsen. Dazu soll ein Vertrag mit einem Festbetrag unabhängig von der Auslastung vereinbart werden.

Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz sieht vor, dass mehr Personal in der Pflege eingesetzt wird. Das ist doch positiv?
Wir Krankenhäuser sind die ersten, die aufatmen, wenn die Arbeitsverdichtung unserer Mitarbeiter in der Krankenpflege reduziert würde. Aber gut gemeint ist bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht. So wie das Gesetz verabschiedet wurde, besteht die große Gefahr, dass viele Leistungen nicht mehr refinanziert werden, die den Patienten auf den Stationen zugute kommen. Es ist absehbar, dass Krankenkassen und Krankenhäuser unterschiedlicher Meinung sein werden, was seitens der Krankenkassen über das neu geschaffene Pflegebudget finanziert werden muss, und es wird wieder Jahre dauern, bis die höchstrichterliche Rechtsprechung die Spielregeln des im Gesetz verankerten Abrechnungssystemwechsels interpretiert hat.

Von welcher Steigerung bei den Personalkosten gehen Sie aus? Gibt es Möglichkeiten, dies aufzufangen?
Wir gehen davon aus, dass wir im Jahresdurchschnitt 65 zusätzliche Mitarbeiter benötigen werden. Das bedeutet eine Personalkostensteigerung von knapp 8 Millionen Euro beziehungsweise eine Rate von über 8 Prozent.

„Gut gemeint ist ja bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht.“
Dr. Michael Moormann zum Pflegepersonal-Stärkungsgesetz

Im Zusammenhang mit dem Gesetz werden auch Personaluntergrenzen für manche Abteilungen in Kliniken diskutiert. Auf einer Intensivstation könnte zum Beispiel künftig eine Pflegekraft drei statt bisher vier oder fünf Patienten betreuen. Das würde doch zu einer Entlastung der Mitarbeiter führen…
Wir haben bereits in den vergangenen Jahren auf der Intensivstation im Durchschnitt einen Betreuungsschlüssel von eins zu drei gehalten, dies macht uns weniger Kopfzerbrechen. Sorge bereitet uns die Refinanzierung des Personals, das die Pflegekräfte seit einigen Jahren von der Übernahme pflegefremder Tätigkeit entlastet. Das betrifft zum Beispiel die Erfassung von Essenswünschen, das Verteilen der Speisen, das Auffüllen der Schränke, die Durchführung von Patiententransporten und anderes mehr. Vereinfacht ausgedrückt, wird ein Patiententransport zum Beispiel zum Röntgen über das Pflegebudget refinanziert, wenn er von einer Pflegekraft durchgeführt wird. Wird der gleiche Transport aber von einem Mitarbeiter des zentralen Transportdienstes durchgeführt, wird er nicht über das Pflegebudget bezahlt.

Wie realistisch ist es überhaupt, mehr Pflegekräfte einstellen zu können in Anbetracht des erheblichen Fachkräftemangels im Gesundheitsbereich?
Es gibt einen unglaublichen Wettbewerb um Pflegekräfte, die Einrichtungen nehmen sich gegenseitig das Personal weg. Den Hinweis nach Zahlung höherer Gehälter zur Personalbindung halte ich für nicht hilfreich. Das führt einerseits zu einer Spirale, in der sich die Häuser gegenseitig überbieten, andererseits zu weiteren wirtschaftlichen Schwierigkeiten, weil solche Fang- oder Bleibeprämien ja nicht refinanziert werden. Als tarifgebundenes Haus darf man sich an solchen Praktiken sowieso nicht beteiligen. Wir selbst haben im Moment eine ganz gute Bewerberlage, weil wir hoch qualifiziert und zahlreich ausbilden und wohl auch für externe Bewerber attraktiv sind, anders kann ich mir die Verdopplung der Initiativbewerbungen im laufenden Jahr nicht vorstellen. Aber wir sind auch in Medien und sozialen Netzwerken präsent, besuchen Ausbildungsmessen und tun auch sonst eine Menge, um auf die Ausbildungs-, Berufs- und Karrieremöglichkeiten in der Gesundheitsholding hinzuweisen.

Welche Auswirkungen hat das von Ihnen angesprochene MDK-Reformgesetz auf Ihr Jahresergebnis?
Dieses ursprünglich als Schutzgesetz für Krankenhäuser gegen eine überbordende Überprüfungspraxis des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen gestartete Gesetz hat sich durch zahlreiche Änderungsanträge der Regierungskoalition kurz vor der Verabschiedung ins Gegenteil verkehrt. Die Abrechnung eines Krankenhausfalles im Fallpauschalensystem ist unglaublich kompliziert. Wenn zukünftig eine solche Rechnung beanstandet wird und diese Beanstandung zu einer Rechnungskorrektur von nur wenigen Euro führt, muss das Krankenhaus eine Strafe von 10 Prozent der Kürzungssumme, mindestens jedoch 300 Euro zahlen. Das gilt dann auch für solche Fälle, wenn Patienten aus sozialen Gründen nicht früh genug entlassen werden können, weil kein Kurzzeitpflegeplatz zu finden ist oder sich das familiäre Umfeld am Tag der medizinisch verantwortbaren Entlassung nicht um den Patienten kümmern kann. Das betrifft etwa die Hälfte aller Beanstandungen, die sich um die sogenannte Verweildauer drehen. Dafür wird dann das Krankenhaus bestraft. Unvorstellbar, oder?

Von Antje Schäfer