Immer wieder kommt es auf den Straßen von Santiago de Chile zu Protesten. Foto: rnd

„Tränengas hängt in der Luft“

Santiago de Chile. Eigentlich wollte er nur ein paar Tage Urlaub bei Bekannten in Santiago de Chile machen. Doch dann geriet der Lüneburger Johannes Hausen mitt en in die Protestbewegung. Der 37-Jährige war bereits in der Stadt, als die ersten Metrostationen brannten. Seitdem bekommt er aus direkter Nähe mit, wie sich regelmäßig Zehntausende versammeln und gegen die Regierung rebellieren. Im Interview mit LZ-Mitarbeiterin Franziska Ruf berichtet er aus Chile.

Herr Hausen, nächstes Jahr im April sollen die Chilenen darüber abstimmen, ob sie die bisherige, noch aus der Zeit von Diktator Augusto Pinochet stammende Verfassung durch eine neue ersetzen wollen. Sind die Proteste seit der Ankündigung des Volksentscheids zurückgegangen?
Johannes Hausen: Die Entscheidung für die Volksabstimmung war ein wichtiger Etappensieg, aber die Demonstrationen gehen täglich weiter. Insgesamt hat sich die Lage ein bisschen beruhigt: Es gab weniger Brandstiftungen und Plünderungen in den vergangenen Tagen. Die Polizei geht trotzdem weiterhin sehr repressiv vor. Vor Kurzem war eine Demonstration, auf der Sanitäter einen Demonstranten wiederbeleben mussten, doch die Polizei beschoss auch sie mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen. Der Demonstrant starb später. Mehr als 20 Tote, Tausende Verletzte, Tausende Demonstranten und Milliardenschäden sind die vorläufige Bilanz der Protestbewegung. Auslöser war eine minimale Erhöhung der U-Bahnpreise – aber es war die dritte Preiserhöhung in diesem Jahr. Was die Chilenen kritisieren, sind soziale Missstände im Land. Weil fast alles in Chile privatisiert ist – von Bildungseinrichtungen über Krankenhäuser, die Rentenkasse bis zur Wasserversorgung –, sind Sozialleistungen und Güter teuer, Renten und Löhne aber niedrig.

Wie haben Sie die Proteste erlebt?
Es gab täglich Proteste und ich bekam ständig WhatsApp-Nachrichten mit Videos von Plünderungen, Bränden und verstörender Polizeigewalt. Wenn ich in der Innenstadt aus der Metro gestiegen bin, musste ich schon niesen, weil das Tränengas in der Luft hing. Die Stimmung in der Stadt war gewalttätig von beiden Seiten: Demonstranten warfen Pflastersteine auf Polizeiwagen und Polizisten setzten Wasserwerfer und Gummigeschosse ein. Das Nationale Institut für Menschenrechte gab bekannt, dass mehr als 200 Menschen am Auge verletzt wurden.

Waren alle Proteste aggressiv?
Nein, die meisten Demonstranten sind friedlich. Der überwiegende Teil der Menschen attackiert die Polizei nur verbal. Von den zehntausenden Menschen, die freitags am Plaza Italia demonstrieren, sind vielleicht hundert aggressiv – aber die kommen in die Medien. In den Stadtvierteln gibt es kleinere Proteste, die sogenannten „Cacerolazos“. Dort schlagen die Leute mit Kochlöffeln auf Töpfe und Pfannen, um Lärm zu machen.

Haben die Proteste Erfolg?
Da bin ich mir sicher, weil sie so persistent und hartnäckig sind und weil sich so viele Menschen aus allen sozialen Schichten beteiligen. Die Menschen lassen sich die Ungerechtigkeiten nicht mehr gefallen. Vor einem Monat wäre der Volksentscheid noch undenkbar gewesen.

Wie geht es nun weiter?
Tenor ist: „Wir haben noch nichts gewonnen.“ Die Leute treffen sich in den Parks zu Bürgerversammlungen, um sich auf den Volksentscheid vorzubereiten und gemeinsam zu diskutieren, wie das neue Chile aussehen soll. Sie wollen nicht mehr mit dem Neoliberalismus leben, es muss das komplette System umgestellt werden. Und darum müssen sie weiter auf die Straße gehen.