Glücklich auf Reisen: Familie Frey hat Barnstedt den Rücken gekehrt, um die Welt zum Spielen zu animieren. Foto: privat

Ganz Mensch sein

Barnstedt. Neulich kamen Felicitas Frey Zweifel: Bin ich eine gute Mutter? Da griff sie zu einem Salz- und einem Pfefferstreuer und ließ sie miteinander sprechen: Das Salz erklärte sie zur Mutter, den Vater steckte sie ins Pfefferfass. Die 37-Jährige gibt den Gegenständen Namen und Charakter und spielt mit ihnen, wie es Kinder mit ihren Puppen tun. Um besser zu verstehen – sich selbst und andere. Nein, eine schlechte Mutter sei sie nicht, begriff die junge Frau nach wenigen Minuten. Nur eine, die es anders macht als ihre eigene.

Familie Frey macht überhaupt vieles anders als andere. Vor knapp sechs Monaten kündigte sie ihre Wohnung in Barn­stedt, kauften einen Bus, stopften die wichtigsten Dinge hinter die Rücksitze und rollten Richtung Balkan: Felicitas Frey, ihr Mann Felix und die vier Kinder sind auf Weltreise. Und das nicht etwa, weil es ihnen in der Lüneburger Heide nicht gefallen hätte, sondern um zu spielen. Oder zu lernen. Nein, spielend zu lernen.

Kritik am deutschen Schulsystem

„Beim Spiel kann man einen Menschen in einer Stunde besser kennenlernen als im Gespräch in einem Jahr“, soll der griechische Philosoph Platon gesagt haben. Auch Friedrich Schiller hatte etwas zum Thema beizutragen: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Fragt man Felicitas Frey, widersprechen all diese Theorien der Philosophie des deutschen Schulsystems. „Da packt man gut 30 Kinder in eine Klasse, die alle zur selben Zeit dasselbe tun sollen.“ Spielen in der Pause, lernen im Unterricht. „Dabei ist das Spielen für Kinder das effektivste Mittel, um zu lernen“, meint Felicitas Frey. „In der Schule aber werden diese beiden wichtigen Komponenten voneinander getrennt.“

Der siebenjährige Jakob, der älteste Sohn der Familie, hat die Grundschule besucht. „Es hat ihm nicht gefallen“, sagt seine Mutter. Und so keimte der Wunsch, etwas Neues auszuprobieren. Die Eltern unterrichten ihre Kinder auf ihrer ziellosen Reise selbst. Während Felicitas Frey mit der LZ telefoniert, geht ihr Mann mit Jakob (7), Oskar (5), Wilma (3) und Runa (1) am Strand von Griechenland spazieren: Biologielehrstunde, wenn man so will. Thema Meer.

Sie lernen nicht für Klausuren, sondern fürs Leben

Sie sprechen über die Wellen, über den Plastikmüll, den sie an Land spülen – und was es damit auf sich hat. Manchmal laden sie auch Gäste ein: wie den griechischen Gärtner, der ihren Kindern etwas zur Pflanzenwelt erklärt oder andere Kinder, von denen ihr Nachwuchs erste Brocken Englisch lernt. Ein Einheimischer will sie bald auf seinem Boot mitnehmen und etwas zur Fischerei erklären. „Wir lernen nicht für eine Klausur, sondern fürs Leben“, sagt Felicitas Frey. Und wenn ihre Kinder eines Tages einen Abschluss machen wollten, dann seien sie mit dem nötigen Wissen ausgestattet – davon ist sie überzeugt.

Der Erziehungsplan steht, nicht so die Reiseroute. Wo sie sich niederlassen, entscheidet die Familie spontan. „Wir wissen nicht mal, ob diese Reise jemals endet.“ Ein paar Wochen verweilten sie in Bulgarien, den Winter verbringen sie in einem Mietshaus unweit von Athen, dann zieht es sie nach Österreich oder in die Schweiz – jedenfalls weiter durch die Welt. Denn Felicitas Frey hat noch ein Business und eine Mission: das Spiel.

Spielerisch die Beziehung gerettet

Vor fast neun Jahren schenkte ihr Mann ihr eine Familienaufstellung. Dabei handelt es sich um eine therapeutische Methode, bei der einzelne Personen stellvertretend für Familienmitglieder im Raum positioniert und miteinander in Beziehung gesetzt werden. „Das hat meine Welt ins Wanken gebracht“, sagt die Ex-Barnstedterin. Damals krachte es häufig und heftig zwischen den Eheleuten. Dass sie ihren Weg immer noch gemeinsam gehen, führen sie auf ihr Spiel zurück – eine Mischung aus Familienaufstellung und kindlichem Rollenspiel. Dabei nehmen sie Gegenstände, wie die Gewürzstreuer, und spielen mit ihnen die Themen des Lebens und die Situation des anderen, um dessen Handeln besser nachvollziehen zu können und Lösungen zu finden.

Daraus ist inzwischen ein Geschäft entstanden. Felicitas Frey spielt mit ihren Kunden am Telefon, auf der Straße oder im Supermarkt. „Sogar im griechischen Bioladen haben sie mitgemacht“, erzählt sie. „Meine Vision ist es, weltweit Orte entstehen zu lassen, an denen gespielt wird.“ Frei nach Platon, frei nach Schiller, frei nach Frey.

Von Anna Petersen