Freitag , 7. August 2020
Landwirte in Not können auf die Hilfe eines neuen Bündnisses hoffen. Foto: Stock Adobe

Am Ende leidet das Tier

Bleckede. Edgar Schallenberger ist Vertrauensmann Tierschutz in der Landwirtschaft Schleswig-Holstein. Zusammen mit diversen Partnern hat er ein Bündnis ins Leben gerufen, das sich für Landwirte in Not einsetzt, an einer Verbesserung der psycho-sozialen Betreuung arbeitet. Bei der jüngsten Sitzung des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter in Bleckede sprach er über die Sorgen und Probleme, die ihm bei seiner Arbeit begegnen. Die LZ hat mit ihm gesprochen.

Herr Schallenberger, Sie haben folgenden Satz geprägt: „Den Tieren geht es schlecht, weil es den Landwirten schlecht geht.“ Wie ist das zu verstehen?

Prof. Edgar Schallenberger: Kein Bauer kommt als Tierschänder zur Welt. Bis der Landwirt beginnt, seine Tiere zu vernachlässigen, muss einiges passieren. Dem geht in der Regel schon eine Vernachlässigung der eigenen Person voraus, eine psychologische Abwärtsspirale: wirtschaftliche Probleme, der Verlust des öffentlichen Ansehens, das gesellschaftlich gemachte Gefühl, an allem Schuld zu sein, klimatische oder marktwirtschaftliche Katastrophen. Deswegen geht es den Bauern schlecht, sie haben selbst keine Kraft mehr und können ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen. Alles wird auf Sparflamme gefahren, bis es ganz zum Schluss eben mitunter zur Tiervernachlässigung kommt.

2015 haben Sie ein Bündnis ins Leben gerufen, das sich für Landwirte in Not einsetzt. Betroffene aus Schleswig-Holstein können sich Ihnen am Telefon anvertrauen. Welche Sorgen erreichen Sie da?

Es gibt Schätzungen, die besagen, dass etwa jeder sechste Landwirt in eine Phase von Burnout oder Depression abgleitet. Die Sorgen, die dazu führen, sind vielfältig: wirtschaftliche Not, Angst vor dem Scheitern, davor, mit dem Stall gegen Auflagen zu verstoßen und die Tiere abgeben zu müssen. Das veranlassen die Behörden natürlich in der Regel nicht von heute auf morgen, aber viele Landwirte sind ab einem bestimmten Punkt nicht mehr in der Lage dazu, alle Forderungen umzusetzen. Das macht Druck und Druck macht krank. Wir sprechen da von mangelnder Leistungsfähigkeit, Schlafstörungen, Burnout, Depressionen. Und es passiert mitunter auch, dass das Leben nicht mehr für lebenswert gehalten wird.

Wie helfen Sie den Bauern?

Ich höre ihnen zu, manchmal stundenlang, und versuche dann abzuschätzen, wie schlimm die Symptome sind, um im Extremfall einen Platz in einer psychiatrischen Klinik zu organisieren. Das Schwierige ist für Landwirte, dass Hof, Arbeit und Familie eng miteinander verwoben sind. Ein Landwirt kann nicht einfach sagen: Ich lasse mal für einige Wochen alles stehen und liegen. Wer hält dann den Betrieb am Laufen? Da ist es uns inzwischen gelungen, über die Sozialversicherung der Landwirtschaft ein bundesweites Projekt ins Leben zu rufen: Bauern können bei einer Hotline anrufen, um relativ schnell Hilfe zu kriegen – auch Kräfte, die versuchen, die Arbeit ein Stück weit aufzufangen. Aber Gelder und Personal sind knapp, da müssen wir uns nichts vormachen. Die Nachfrage ist deutlich stärker, als wir ursprünglich erwartet hatten.

Seit 2015 ist viel passiert: die Milchkrise, Wetterex­treme, neue Gesetze. Ist dadurch auch Ihr Einsatz am Sorgentelefon stärker nachgefragt?

Die Qualität der Anrufe ist eine andere geworden. Zu Anfang haben noch häufiger Menschen versucht, auf diesem Wege Landwirte zu denunzieren. Das hat abgenommen, dafür rufen jetzt häufiger die an, für die das Angebot gedacht ist: die Landwirte selbst. Und ja, deren Sorgen sind drastischer geworden. Die Milchkrise war natürlich ein Tiefpunkt, von dem sich auch bis heute viele nicht erholt haben. Dann die große Hitze… Allein in diesem Jahr hatten wir bereits 114 Insolvenzen in der deutschen Landwirtschaft. Zwischen 2010 und 2016 haben wir zirka 24 000 Höfe verloren, das ist eine sehr große Zahl.

Edgar Schallenberger. Foto: ape

Sie sprachen von der engen Vernetzung zwischen Hof und Familie. Wie sehr betroffen sind die Angehörigen?

Wenn ein Landwirt leidet, leidet die ganze Familie mit. Landwirte sprechen solche sozialen Probleme, die psychologische Dimension des Ganzen, oftmals lange Zeit nicht aus. Irgendwann kommt es dann zur Explosion und alles entlädt sich auf einmal. Kinder werden in der Schule gemobbt, weil ihre Väter Bauern sind und gar nicht mal so selten passiert es, dass die Ehefrauen, die heute ja häufig einen außerlandwirtschaftlichen Beruf haben, mit ihrem Einkommen die Defizite aus der Landwirtschaft mitfinanzieren. Das ist natürlich auf Dauer nicht tragbar.

Können sich Landwirte aus der Zwickmühle selbst befreien?

Es gibt viele Bemühungen, aber es ist immer schwierig, aus einer Situation heraus zu argumentieren, in der man mit dem Rücken zur Wand steht. Auch innerhalb der Landwirtschaft leidet der Zusammenhalt: Die einen organisieren sich, andere haben es aufgegeben. Die Bauern fühlen sich unterschiedlichen Verbänden zugehörig, die unterschiedliche Ziele verfolgen. Und schauen Sie in die Dörfer: Da sind doch zum Teil nur noch zwei oder drei Betriebe übrig geblieben. Die Nachbarn beschweren sich, dass die Straßen verdreckt sind, das Maisfeld zu groß ist, die Schweine quieken, die Tiere nachts verladen werden. Das führt zum Beispiel dazu, dass in den Schulen der Beruf des Landwirts nicht mehr als ein erstrebenswertes Ziel dargestellt wird.

Landwirte werden gemieden und angefeindet. Wie soll man sich da noch positionieren?

Aber die Bauern gehen doch auf die Straße und protestieren. Das ist doch ein gutes Zeichen für den Zusammenhalt. Der Berufsstand verschafft sich Gehör.
Man hat mal seiner Wut Luft gemacht, ja, aber ob das was bringt, ist die nächste Frage. Landwirtschaft war immer Wandel, die Bauern wollen den Wandel auch – aber wenn die Auflagen immer höher werden, alte Wirtschaftsweisen nicht mehr gewollt sind, leidet die Anerkennung.

Wenn sich die Landwirte nicht selbst aus diesem Dilemma befreien können, ist es dann die Politik?

Die Politik will ich da gar nicht so sehr in den Fokus stellen. Sie kann Rahmenbedingungen schaffen – nicht mehr. Die Bauern müssen ihre Zukunft selbst gestalten. Manche politischen Unterstützungsmaßnahmen sind dabei zum Teil auch ein Problem: Die Bevölkerung denkt, die Bauern bekommen massig Subventionen zugesteckt und nichts kommt dabei heraus. Aber die Wahrheit ist: Niemand lebt gern davon, von anderen alimentiert zu werden, weil die Produktpreise für ein Auskommen nicht reichen.

Wie sieht denn aus Ihrer Sicht eine Lösung aus, wenn es keine politische sein soll oder kann?

Die Gesellschaft ist die Lösung. Sie muss sich entscheiden, ob sie noch eine qualifizierte Landwirtschaft möchte, die dann aber auch Geld kostet. Die Verbraucher müssen sich umorientieren: Wenn sie weiterhin die billigsten, aus dem Ausland importierten Produkte kaufen, wird sich nichts verändern. Die Preise für Milch und Fleisch müssen sich verdoppeln, damit wieder auskömmliche Bedingungen herrschen – und dafür müssen sich die Menschen zunächst einmal wieder zur heimischen Landwirtschaft bekennen. Wir geben in Deutschland im Schnitt nur noch zwischen 11 und 13 Prozent des Familieneinkommens für Nahrungsmittel aus, weniger als für Mobilität. Das kann nicht die Zukunft sein.

Von Anna Petersen