Sonntag , 1. November 2020
Szenen aus dem Film: eine „Solarmama“ aus Indien, der Dalai Lama, der Jazzmusiker Kenny Werner. Foto: Pandora-Film

„Es ist eigentlich ganz simpel“

Herr Wagenhofer, in Ihrem neuen Film widmen Sie sich dem Positiven. Sie erzählen von Menschen, die Probleme auf ganz eigene Art angehen: Von jungen Inderinnen, die weder schreiben noch lesen können, in ihrem Dorf aber Solaranlagen bauen. Von einem Paar, das auf La Palma aus einer Ödnis ein Paradies gemacht hat. Von Menschen, die durch Musik zu ihrem Innersten finden und eine besondere Beziehung zu ihrer Umwelt herstellen. Sie kritisieren, dass die meisten Medien nicht über Ihren neuen Film berichten. Warum nicht?
Weil er eine unbequeme Wahrheit ausspricht. Nämlich die, dass wir alle es problemlos in der Hand haben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Sind Sie etwa ein kleiner Träumer?
Ich träume ja gar nicht, ich zeige nur Beispiele aus der Gegenwart. Ich und mein Team wollen zeigen, dass alles ganz einfach ist, jeder kann kleine Trippelschritte machen. Wir bilden positive Dinge auf der Leinwand ab, ohne sie zu kommentieren.

Wie sind Sie auf die Idee zum Film gekommen?
Er ist eigentlich eine logische Konsequenz aus den vorangegangenen Filmen, die sich ja kritisch mit der Lebensmittelindustrie, der Finanzwirtschaft und dem Bildungssystem auseinandergesetzt haben. Ich habe in genug Abgründe geschaut – jetzt wollte ich der Welt etwas Positives zeigen.

In Ihrem Film tritt zum Beispiel ein Unternehmer auf, der Häuser aus 100 Prozent Holz baut.
Ja, simpler geht es nicht. Diese Häuser brauchen keine Kühlung im Sommer und keine Heizung im Winter, weil die Natur alles bereitgestellt hat – den Werkstoff Holz, ein unglaubliches Material. Dieser Mann zog einst mit seiner Familie in eine moderne Wohnung, und die Kinder wurden auf einmal schwer krank. Asthma. Die Ursachen waren die modernen Möbel mit ihren Ausdünstungen. Da kam der Großvater, ein einfacher Mann, mit Säge und Hacke, schmiss die Möbel raus und baute mit seinen Händen neue aus Vollholz. Raten Sie mal, wie es den Kindern bald ging … Das ist kein Hokuspokus, sondern einfacher Menschenverstand, der einem aber abtrainiert wird.

Wann wird er uns abtrainiert?
Während der Sozialisierung, auch in der Schule. Die meisten Menschen werden verbildet, und das hat uns in eine Bredouille gebracht: Wir sind dabei, den Planeten zu ruinieren. Das weiß man zwar schon seit mehreren Jahrzehnten, aber jetzt haben wir die Bilder dazu und können das mit eigenen Augen sehen. Seit zwei, drei Jahren spüren es die Menschen auch. Jeder Landwirt weiß das. Gehen Sie in den Harz, da sind die Fichten kaputt. Wir spüren das und tun nichts. Warum eigentlich nicht? Die Menschen im Film, die tun etwas, die haben etwas verstanden, jeder auf seine Weise. Das, was die machen, wird in Frankfurt an der Börse sicher niemanden beeindrucken, aber sie leben trotzdem ziemlich gut.

Wir sind aber nicht nur verbildet, wir haben auch Angst.
Genau. Die Menschen denken, sie müssen ab sofort in Jutesäcken herumrennen. Quatsch, es geht darum, altes Wissen zu nutzen, statt zehn Anzügen vielleicht nur neun zu haben und so weiter. Mein Großvater hat einen Anzug gehabt: In dem hat er geheiratet und in dem wurde er begraben. Veränderung ist so mit Angst behaftet. Man glaubt immer, wenn wir etwas verändern müssen, werden wir auch etwas verlieren. Das Gegenteil ist aber der Fall. Wir gewinnen etwas.

Der Mann, der in Indien junge Frauen zu „Solarmamas“ ausbildet, sagt, dass an seiner Schule niemand aufgenommen wird, der ein Diplom hat.
Ja. Den jungen Frauen in den Dörfern wird gesagt, dass sie unnütz sind. Was für eine Arroganz! Diese Frauen, die nicht lesen und schreiben können, setzen sich gegen ihre Familie durch und gehen ein halbes Jahr auf ein spezielles College, um dort zu lernen, wie man Solaranlagen baut. Die kehren dann in ihr Dorf zurück und bringen sprichwörtlich das Licht dorthin. Der Mann, der dieses College leitet, hat erkannt, dass Zertifizierung die Welt zerstört. Menschen mit formal der höchsten Bildung zerstören die Welt. Die sogenannte Finanzkrise war keine Finanzkrise, sondern ein Kapitalverbrechen von hochspezialisierten Fachleuten.

Aber es ist doch nicht schlecht, wenn man eine gute Bildung, ein Studium hat.
Erst einmal nicht. Aber wir müssen gleichzeitig einsehen, dass wir durch einen Uniabschluss nicht alles wissen. In vielen Entwicklungsländern bekomme ich zu hören: Lasst uns in Ruhe, wir brauchen euer Wissen nicht, wir kriegen das auch allein hin. Die Solarmamas jedenfalls kriegen das ohne westliches Knowhow hin. Früher hat man geglaubt, dass jemand, der ein Studium hat, ein Vermittler von Wissen ist, ein Denkarbeiter, der sich verpflichtet hat, ein Bindeglied zu sein zwischen seinem Wissen, den Politikern oben und den Handwerkern unten, die gar keine Zeit haben, sich theoretisch zu informieren. Diese Vermittlerrolle ist längst aufgeweicht.

Journalisten wollen auch Vermittler sein.
Mein Problem ist: Wenn Journalisten den Film sehen oder das Presseheft anschauen, dann sagen die nach kurzer Zeit: „Ist ja alles gut und schön, aber…“ Es gibt aber kein „Aber“. Es ist nämlich alles gut und schön, es kommt auf die Perspektive an. Das ist alles, was ich vermitteln möchte. Es gibt ganz einfache Lösungen, wir haben nur verlernt, auf unseren Instinkt zu hören. Wir sind so zugedröhnt mit Wissen, dass wir das Gute und mitunter die Lösung nicht erkennen, obwohl sie für alle sichtbar sein müsste. Es ist eigentlich ganz simpel.

Und die Lösung wäre?
Drei Stunden Sonnenlicht liefern den Energiebedarf für die gesamte Erdbevölkerung für ein Jahr. Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen.

Das wäre die eine Lösung. Sie schreiben in dem Buch zum Film, dass Sie sich mehr Liebe, Verbundenheit, Weiblichkeit und Sinnlichkeit wünschen. Wie ist das zu verstehen?
Ich hatte drei jüngere Schwestern, eine Mutter, eine Großmutter, heute habe ich eine Ehefrau und vier Töchter. Ich war und bin also ständig von Frauen umgeben, das prägt (lacht). Aber im Ernst: Männer und Frauen ticken völlig unterschiedlich.

Frauen sind schlauer.
Nein, so würde ich das nicht sagen, und ich würde Männer und Frauen nicht gegeneinander ausspielen. Untersuchungen belegen: Männer differenzieren, sie trennen und ziehen Grenzen. Frauen stellen dagegen Verbindungen her. Wir müssen unser Denken ändern, um die Welt und die Zukunft anders zu betrachten. Und ich denke, die Frauen werden entscheidend sein – das habe übrigens nicht ich gesagt, sondern der indische Mann, der die Solarmamas ausbildet.

Aber ist der Mensch lernfähig? Viele denken doch nur an sich.
Das ist aber nicht das grundlegende Wesen des Menschen, er wird erst dazu gemacht. Der Mensch kommt mit Egoismus nicht auf die Welt, Egoismus wird ihm anerzogen. Es gibt Langzeitstudien mit jeweils sechs Monate alten Babys, die sich bei einem Test durchweg dafür entscheiden, zu helfen und nicht an sich zu denken. Der Mensch kann eigentlich wie der Wald funktionieren: Die Bäume helfen sich untereinander, wenn das Wasser bei einem mal knapp wird. Sie kommunizieren miteinander. Diese Kommunikation, diese Verbundenheit müssen wir zurückerlangen.

Sie schreiben, dass das große Projekt der Moderne darin bestand, den Menschen durch Technik zu erlösen. Hat irgendwie nicht so ganz geklappt, wie ich finde …
Diese Kritik an der Technikhörigkeit ist ja nicht neu. Technik kann helfen, ganz ohne Frage. Aber sie muss untergeordnet sein. Man sollte sich vielmehr auf das Gespür verlassen. Gute Musiker spielen nicht nur, sie empfangen – wie auch immer Sie das nennen wollen. Mozart hat ein unglaubliches Werk in ganz kurzer Zeit hinterlassen. Wenn der die ganze Zeit hätte nachdenken müssen nach dem Motto: Was fällt mir denn jetzt mal zur kleinen Nachtmusik ein? Nein, es ist aus ihm rausgeflossen. Er hat gehorcht und gehört.

Mozart hatte eine Gabe.
Weder Sie noch ich werden wahrscheinlich irgendwann ein Mozart sein. Aber wagen Sie es einfach mal, daran zu denken, dass es noch andere Kräfte gibt, die uns jedoch keine Angst machen sollen, sondern vielmehr helfen können.

Jetzt wird es aber esoterisch.
Keineswegs. Da fällt mir ganz profan das Jahrhundert-Tor von Mario Götze ein: Der kriegt diesen Pass, in so einem spitzen Winkel, ungünstiger geht es nicht, Abermillionen Menschen schauen zu, der nimmt den Ball mit der Brust an und schießt das Tor zur Weltmeisterschaft. Wenn der nachdenken muss, in dem Moment, ganz rational – dann ist der erledigt.

Da gab es eine besondere Verbindung zum Ball.
Genau. Das ist überall so: Das ist ja nicht nur beim Fußball, sondern auch in der Musik oder im Handwerk. Der Tischler, der etwas herstellt, der hat das mal gelernt, aber der denkt doch nicht ständig darüber nach, was er jetzt gerade tun muss. Das Handwerk allein reicht nicht. Da gibt es noch etwas anderes. Und darauf sollten wir hören. Die Menschen in unserem Film, die tun das. Und das möchten wir zeigen – mehr nicht.

Musiker nehmen einen großen Raum in dem Film ein.
Ja, sie haben eine ganz besondere Beziehung zu dieser, sagen wir mal, anderen Welt. Wir leben scheinbar in der Realität, in der Welt der Dinge. Aber das ist nicht die wirkliche Welt. Die wirkliche Welt besteht aus Beziehungen, alles hängt mit allem zusammen.

Der Dalai Lama sagt in Ihrem Film, dass er 60 Jahre lang gründlich nachgedacht hat. Und die Schlüsselerkenntnis ist, zu verstehen:
„Nichts existiert unabhängig.“ Leider werden die Menschen von dem System gespalten, das uralt ist und heißt: Teile und herrsche. Thatcher hat gesagt, es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen. Das ist Blödsinn. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er braucht die anderen. Kinder spielen miteinander, im Orchester spielen die Musiker gemeinsam, in der Familie gibt es ein Miteinander. Aber solche Typen wie Thatcher werden wir einfach nicht los, es rücken immer wieder neue nach.

Und was kann ich dagegen tun?
Der Dalai Lama sagt: Das Böse ist die Ausnahme. Wenn jemand böse ist, ist früh irgendwas schief gelaufen. In aller Regel wurde der Mensch gekränkt. Was lernen wir daraus? Niemanden zu kränken. Das hört sich naiv an, aber so ist es. Momentan gibt es in der Weltpolitik viele Egomanen. Aber jetzt stellen Sie sich vor, in der amerikanischen Presse wird 14 Tage lang nicht über Trump berichtet. Der Mann wird ein Problem haben, wenn er nicht mehr im Mittelpunkt steht. Der wird im Kreis gehen und sagen: Ich will jetzt nicht mehr Präsident sein, ich werde Fernsehstar.

Ich würde mal tippen, dass Sie ein Optimist sind.
Ja. Versuchen Sie mal einen Tag lang, nur das Gute zu sehen – bei allen schlimmen Dingen auf der Welt. Es wird etwas mit Ihnen machen und somit auch mit Ihrer Umwelt. Die Schöpfung ist noch nicht abgeschlossen – sie passiert in jedem Moment.

Der Film „But Beautiful“ läuft aktuell im Lüneburger Scala-Programmkino.

Von Thorsten Lustmann

Zur Person

Der Filmemacher

Erwin Wagenhofer, Jahrgang 1961, ist Österreicher, freischaffender Autor und Filmemacher. Sein Dokumentarfilm „We Feed the World“ (2005) erreichte europaweit 800 000 Besucher allein im Kino. Es folgten „Let‘s Make Money“ (2008) und „Alphabet“ (2013). Wagenhofers Filme wurden mehrfach international ausgezeichnet, unter anderem erhielt er 2009 den Deutschen Dokumentarfilmpreis.