Montag , 28. September 2020
Bei Kaffee und Kuchen wird geklönt und viel gelacht: Ursula Wohlfarth, Christa Höche, Hanna Jantzen, Gerda Micheli und Inge Held (v.l.) mit ihrer „Chefin“ Christine Buchhorn (vorne). Foto: t&w

Kaffeerunde mit der „Chefin“

Lüneburg. Es ist ein trüber Novembernachmittag, doch im Zimmer 18 des Posener Altenheims strahlen sechs Damen, die an einer Kaffeetafel sitzen. Nicht weil sie die leckere Schoko-, Apfel- und Nusstorte so anlacht und der Kaffee duftet, sondern weil sie sich heute wieder mit ihrer ehemaligen Chefin Christine Buchhorn treffen. Für die heute 96-Jährige und ihre ehemaligen Mitarbeiterinnen Ursula Wohl­farth, Christa Höche, Hanna Jantzen, Gerda Micheli und Inge Held sind die Treffen ein lieb gewonnenes Ritual geworden. In den vergangenen 40 Jahren haben sie viel gemeinsam unternommen, sind nach dem Arbeitsleben zu Freundinnen geworden.

Tüchtig getanzt und manches Glas geleert

Die Torte hat diesmal „das Küken“ besorgt, heißt es lachend aus der Runde. Das Küken ist Inge Held mit 77 Jahren. Mit Hanna Jantzen (82) hat sie auch Kannen mit Kaffee mitgebracht. Die „Versorgung“ ist klar geregelt, reihum ist jede einmal dran. „Nur ich bin die Nehmende“, sagt Christine Buchhorn mit einem verschmitzten Lächeln. Das stimme überhaupt nicht, kommt es sofort aus der Runde: „Sie haben uns so viel Gutes getan. Waren zu uns immer liebevoll und haben manche Feier für uns zu Weihnachten und Karneval nach Ladenschluss ausgerichtet.“

Christine Buchhorn hatte von 1957 an zehn Jahre lang einen kleinen Laden an der Dahlenburger Landstraße, dort wo heute das Penny-Geschäft ist. Dann übernahm sie den großen Edeka-Laden, der vis-á-vis entstanden war, führte diesen bis 1977. Seit 1969/1970 seien sie Mitarbeiterinnen von Christine Buchhorn gewesen, berichtet Christa Höche (81). Sie, Ursula Wohlfarth (78) und Hanna Jantzen saßen abwechselnd an der Kasse. Inge Held arbeitete in der Käseabteilung und Gerda Micheli (90) war immer da im Einsatz, wo gerade jemand gebraucht wurde. „Man konnte sich auf jede dieser Damen verlassen“, sagt „die Chefin“. Spaß hatten sie damals auch schon gemeinsam außerhalb des Geschäfts. „Erinnert Ihr Euch noch, damals beim Richtfest bei uns“? fragt Ursula Wohlfarth. Als die Kolleginnen und Frau Buchhorn am Feierabend dazustießen, hätten die Handwerker „blanke Augen bekommen“. Es wurde tüchtig getanzt und manches Glas geleert. Dass dennoch alles gesittet blieb, darauf habe Frau Buchhorn ein Auge gehabt.

Zunächst traf man sich abends zum Essen

Das gute und fröhliche Miteinander war auch der Grund, dass sich die Frauen bereits ein Jahr, nachdem der Edeka-Laden in andere Hände übergegangen war, zum Wiedersehen entschlossen. Zunächst traf man sich abends zum Essen, da noch alle arbeiteten. Als alle auch nachmittags Zeit hatten, wurden Hof-Cafés ausprobiert. Den Fahrdienst machten Inge Held und Hanna Jantzen, was Letztere augenzwinkernd mit den Worten aus dem Volkslied kommentiert „Hab meinen Wagen voll geladen mit alten Weibern“. Die Runde lacht, die Chefin lächelt fein.

Noch mehr zusammengewachsen sind sie bei den 15 Reisen, die sie ab 1987 unternahmen. „Die erste Tour ging nach Berlin, war das schön. Gewohnt haben wir im Savoy in der Nähe vom Kudamm. Und erinnert Ihr Euch, im Friesenhof haben wir gegessen“, blickt Christa Höche zurück. Natürlich erinnern sich alle nur zu gut, auch, dass man ein, zwei Gläschen auf den schönen Abend getrunken hatte. „Als wir spätabends wieder ins Hotel kamen, hat Frau Buchhorn deshalb gesagt, sie ginge allein an die Rezeption, um unsere Schlüssel zu holen“, verrät Gerda Micheli. Im Friesenhof habe man auch „Schwesternschaft getrunken“. Mit der „Chefin“ sieze man sich aber immer noch nach all den Jahren – „aus Respekt“, sagt Ursula Wohlfarth und die anderen Frauen nicken zustimmend.

Viele Reisen gemeinsam unternommen

Gereist sind sie unter anderem nach Rüdesheim, Rügen, ins Erzgebirge, nach Sylt, in den Odenwald, nach Passau und zur Tulpenblüte in Holland. Christine Buchhorn hat jede Fahrt nicht nur organisiert, sondern dazu auch Berichte verfasst. Mit vielen Fotos hat sie damit Ordner bestückt, für jede Frau einen. Beim Durchblättern an diesem Nachmittag fallen den Frauen immer wieder Anekdoten ein, die die 96-Jährige mit trockenem Humor würzt. Es wird viel gelacht, zum Beispiel als sie an die letzte Reise in den Harz denken und Inge Held im Ordner ein Bild zeigt, auf dem Christine Buchhorn „einen Kavenzmann von Windbeutel verdrückt“.

Auch nachdem sie das Reisen aufgegeben haben, sind sie weiter auf Kaffee-Tour gegangen. Vor knapp zehn Jahren, nach dem Tod ihres Mannes, zog Christine Buchhorn ins Posener Altenheim. Hier fühlt sie sich sehr wohl, engagiert sich als Vorsitzende des Heimbeirates. Als die Arthrose ihre Mobilität einschränkte, stand für die Runde fest: Dann treffen wir uns bei ihr. Auch dieses Mal hat die Chefin die Deko auf den Kuchentellern mit Schoko-Glückskäfern und -Herzen übernommen. Die Sitzordnung ist seit Jahren die gleiche. Dass sie eng zusammengerückt sitzen, ist nicht nur der Größe des Zimmers geschuldet. Es hat auch Symbolcharakter – für all das, was sie in den Jahren näher zusammengebracht hat.

Von Antje Schäfer