Sonntag , 27. September 2020
Lüneburger Kinderarzt Dr. Thomas Struck beim ehrenamtlichen Einsatz für die „German Doctors“ in Sierra Leone. Foto: privat

Malaria statt ADHS

Lüneburg/Lilongwe. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Malawi. Seit den Wahlen vom Mai kommt es in dem südostafrikanischen Land immer wieder zu blutigen Un ruhen. Kriminelle haben von der überforderten Polizei nicht viel zu fürchten und rauben Reisende aus. Dr. Thomas Struck fliegt trotzdem am Sonntag nach Malawi, das an Sambia, Tansania und Mosambik grenzt. Ist er angstlos? Nein, aber hilfsbereit.

Der Lüneburger Kinderarzt will die Überlebenschancen der Kinder in dem bitterarmen Land erhöhen. 2017 starben 55 von 1000 Kindern vor ihrem 5. Lebensjahr. Anders als bei zwei Einsätzen in Sierra Leone und einem auf den Philippinen in den vergangenen Jahren wird Dr. Struck diesmal aber nicht direkt die Kinder verarzten. „Dieses Mal ist es ganz anders, vielleicht noch besser“, sagt der 58-Jährige, „ich bilde angelernte Ärzte, ´Clinical Officers`, in der Kinderheilkunde aus. Pure Hilfe zur Selbsthilfe.“

Auf eigene Kosten nach Malawi

Einsatzort ist Malawis Hauptstadt Lilongwe. Dort engagieren sich internationale Partner seit 2017 in der fachärztlichen Ausbildung von Kinderärzten. Dr. Struck reist für die Gesellschaft für Tropenpädiatrie (GTP) auf eigene Kosten nach Malawi. Das dortige Projekt wird zudem getragen von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und das Forum für internationale Gesundheit.

Die GTP organisiert pro Jahr bis zu sechs Lehrbesuche deutscher Kinderärzte in Malawi. „Wir unterrichten dann jeweils in Spezialgebieten, ich dieses Mal etwa in Endokrinologie“, sagt Dr. Struck. Bei Schilddrüsenerkrankungen und Diabetes zeigt sich die Erste Welt hochgerüstet, ist Strucks Erfahrung, die Dritte Welt dagegen waffenlos. So müssten in Malawi „drei Monatsgehälter aufgebracht werden, um auch nur einen Schilddrüsenparameter zu untersuchen“. In der Realität dürfte eher ohne genaue Diagnose auf Verdacht therapiert werden.

In Malawi ist Diabetes meist ein Todesurteil

„Oder Diabetes. Bei uns ist das die Krankheit mit dem größten Hightech-Einsatz bei Kindern. Sensoren unter der Haut messen den Blutzucker, die sind gekoppelt an eine genau arbeitende Insulinpumpe. Zugleich wird noch eine SMS an das Handy geschickt: ´Du kannst dir noch einen Kuchen erlauben`. In Malawi ist Diabetes meist ein Todesurteil.“

Zwei der dreieinhalb Wochen, die er in Malawi ist, wird er angehende Mediziner schulen. Die restliche Zeit wird Struck, Mitglied der in der Lüneburger Friedenskirche beheimateten Baptisten-Gemeinde, Entwicklungshilfeprojekte der Baptisten in Krankenhäusern besuchen. Trotz der Warnungen seines Sohnes, der in Sachen Entwicklungshilfe derzeit im Sudan tätig ist, wird er in der beginnenden Regenzeit sogar selbst mit dem Auto unterwegs sein. Es drohen nicht nur Überfälle, sondern im Falle von Unfällen oft genug auch Lynchjustiz.

Die Einsätze sind auch für ihn lehrreich

Dankbar ist Dr. Struck seinen Kolleginnen, die die Praxis am Schifferwall in seiner Abwesenheit am Laufen halten. „Würden sie es nicht mittragen, ginge es nicht.“ Bis auf die Zeit nach seiner Pensionierung sind deshalb zweimonatige Einsätze für die „German Doctors“ verschoben, die er in den vergangenen Jahren bereits durchgeführt hatte.

Bei allem Impuls zu helfen, verfolgt der Mediziner durchaus auch ein eigenes Interesse: „Solche Einsätze erden, ermöglichen Selbstbesinnung. Schon allein, weil man auf die eigentlichen, ursprünglichen Krankheiten zurückgeworfen wird. Hier …“, Strucks Arm weist vage in sein Behandlungszimmer, „… hier behandle ich überwiegend Verhaltensschwierigkeiten.“

Von Joachim Zießler