Sonntag , 20. September 2020
Hauptmann Tilo Wind (r.) weist Hauptfeldwebel Daniel Franke auf dem Deich bei Stiepelse in die Lage ein. Foto: Philipp Schulze

An den Grenzen der Leistungsfähigkeit

Lüneburg. Eine Fichtenschonung im Wald, ein halbwegs geschützter Platz unter Nadelzweigen: So sieht für den Oberstabsgefreiten Marcel Schulz und seinen Kameraden Lukas Schlemme der Platz an der Sonne aus. Auch wenn Dauerregen den Boden aufgeweicht hat, Wasser unablässig von den Zweigen tropft und die Kälte in alle Knochen kriecht, ist das Versteck unter dem Nadelbaum für die beiden Soldaten aus der 2. Batterie des Artillerie-Lehrbataillons 325 in diesem Moment der schönste Ort, den sich die beiden vorstellen können. Endlich können sie ihre Waffen aus der Hand legen, den 20 Kilogramm schweren Rucksack ablegen – und vor allem: Endlich können sie etwas zu sich nehmen und ausruhen. Denn sie sind bereits seit 30 Stunden auf den Beinen. Sie haben die Krainke durchschwommen, die Elbe in Booten überquert und mit Hilfe eines Seilstegs die Neetze überwunden. Die Herausforderungen sind Teil der dreitägigen Durchschlageübung, die die 60 Soldaten der 2. Batterie absolvieren und die so manchen Soldaten an seine körperliche Leistungsgrenze bringt.

Feuerwehr unterstützt mit ihren Booten

Gut ein halbes Jahr hat Batterie-Einsatzoffizier Hauptmann Tilo Wind, zugleich stellvertretender Batteriechef, die Übung vorbereitet – und er durfte dabei auch auf die tatkräftige Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehr Bleckede zählen. Die sorgte mit ihrem Feuerwehrboot „Bleckede“ für das Übersetzen der Truppe über die Elbe, abgesichert durch das zweite Boot „Walmsburg“. „Das haben wir wirklich gerne gemacht“, sagt Feuerwehrsprecher Carsten Schmidt. Denn seit 2013 besteht eine enge Freundschaft zwischen der Feuerwehr und den Soldaten der 2. Batterie. Die Artilleristen waren damals beim Hochwasser zur Deichverteidigung in Bleckede eingesetzt, hatten Sandsäcke befüllt und als „schnelle Einsatzgruppe“ den Deich gesichert. Seitdem pflegen Feuerwehr und Bundeswehr engen Kontakt – auch wenn von den damaligen Deichhelfern nur noch „Spieß“ André Franck aktiv ist.

Eigentlich sollten die Soldaten schon am Dienstagnachmittag gegen 15 Uhr von Stiepelse aus mit den Feuerwehrbooten über den Strom gesetzt werden, doch diesen Plan durchkreuzten die Heeresflieger: Die NH-90-Hubschrauber nahmen die Artilleristen erst Stunden später als geplant in der Theodor-Körner-Kaserne in Lüneburg an Bord und flogen sie ins Amt Neuhaus. „Schon der Transport in einem militärischen Luftfahrzeug war für viele ein echtes Highlight“, sagt Wind. Der Flug dauerte nur wenige Minuten – die Durchschlageübung hielt die Soldaten bis Donnerstagmittag in Atem.

„Das Wasser war extrem kalt“

Erste Herausforderung – das Durchschwimmen der Krainke: „Das Wasser war extrem kalt“, sagt Oberstabsgefreiter Marcel Schulz (23) – trotz Neopren-Anzug, den die Soldaten vor dem Einstieg ins Wasser anlegen mussten. Ihre persönliche Ausrüstung – Kleidung, Schuhe, Rucksack und Waffe – packten sie wasserdicht in eine Zeltplane. Dieses Paket müssen die Soldaten beim Schwimmen vor sich herschieben. So weit die Theorie: Doch bei drei Soldaten öffnete sich die Plane und die persönliche Ausrüstung war schon zu Beginn der Durchschlageübung nass. Für diese Fälle hatte Tilo Wind aber Vorsorge treffen lassen: „Jeder Soldat hatte in der Kaserne noch einen Notfall-Rucksack packen müssen, der bei Bedarf von Kameraden geholt werden kann.“

Oberleutnant Manuel Wuttke gehörte zu den Pechvögeln, bei denen das Gepäck Wasser nahm: Der Offizier hat aber seine eigene Methode um die Socken zu trocken: „Mit Körperwärme“, sagt er und zieht zum Beweis einen Socken unter seiner Jacke hervor. „Beißen und kämpfen“ ist das Motto für Wuttke – „auch wenn die Füße brennen und der Rücken schmerzt“. Doch wozu überhaupt die Schinderei? „Unsere Einheit agiert besonders nah am Feind“, erklärt Wuttke – „im Ernstfall müssen wir uns durch Feindesland zurück zu den eigenen Truppen durchschlagen können.“ Und das haben die Soldaten jetzt mit Bravour geübt.

Von Klaus Reschke

Anwohner irritiert

Truppe übt bei Embsen

Maschinengewehrfeuer und Detonationen schreckten am Dienstagabend gegen 19.45 Uhr Anwohner in Embsen auf. Und am Tag darauf fanden einige sogar leere Patronenhülsen in ihrem Garten. Die LZ hat beim Landeskommando in Hannover nachgefragt: Auch die 4. Batterie des Artillerie-Lehrbataillons 325 hat Anfang der Woche eine mehrtägige Durchschlageübung durchgeführt, die die Soldaten von Südergellersen über die Ilmenau führte. Dabei waren rund 100 Soldaten und zehn Radfahrzeuge im Einsatz. „Die Übung war ordnungsgemäß angemeldet“, sagt ein Sprecher des Landeskommandos und fügt hinzu: „Ein Aufräum-Trupp wird am heutigen Freitag noch einmal die Strecke absuchen und leere Patronenhülsen aufsammeln.“