Freitag , 25. September 2020
An der City-University in Hongkong sind die Proteste eskaliert. Gebäude sind beschmiert und abgesperrt, überall liegen Pflastersteine als Wurfgeschosse. (Foto: Thilo Tamme)

Kampfgebiet Campus

Lüneburg/Hongkong. Die Lage in Hongkong hat sich in dieser Woche zugespitzt. Hunderte Demonstranten verbarrikadierten sich dort in der Polytechnischen Hochschule und lieferten sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Und auch in anderen Teilen der autonomen Stadt herrscht Ausnahmezustand. Der Lüneburger Thilo Tamme studiert eigentlich in Maastricht, nimmt jedoch zurzeit an einem Austauschprogramm in Hongkong teil. Er berichtet von Universitäten, die aus Sicherheitsgründen geschlossen haben, massenhaften Protesten und unbewohnbaren Studentenwohnheimen.

Die Aktivisten, die die Polytechnische Universität (PolyU) besetzt haben, fordern unter anderem freie, unabhängige Wahlen und lehnen den wachsenden Einfluss der chinesischen Regierung auf Hongkong ab. Ihre Demonstrationen zeigen bisher jedoch wenig Erfolg. „Die Demonstranten sind frustriert, weil sich gar nichts tut“, meint Thilo Tamme. „Viele sind der Ansicht, dass die Möglichkeiten von friedlichen Protesten nach über einem halben Jahr nahezu ausgeschöpft sind.“

„Kriegsähnliche Zustände“

Erste Proteste eskalierten bereits in der vergangenen Woche, jedoch zunächst nicht an der Polytechnischen Universität, sondern an der City-University (CityU), an der auch der 25-Jährige studiert. Vor allem an den Studentenunterkünften sollen Auseinandersetzungen mit Polizisten stattgefunden haben, als diese versuchten, in die Räume einzudringen.

„In den Räumen wurden massenweise Molotow-Cocktails angefertigt.“ – Thilo Tamme, Lüneburger Student in Hongkong

„Dort herrschten kriegsähnliche Zustände“, erzählt Tamme. „In den Räumen wurden massenweise Molotow-Cocktails angefertigt.“ Überall flogen Pflastersteine. Der Protest sei jedoch organisiert gewesen: „Jeder hatte eine zugewiesene Aufgabe. Einige waren Sanitäter und haben sich um die Verletzten gekümmert, andere waren für die Blockaden zuständig und haben die Steine aus dem Boden geklopft. Wieder andere waren für die Wasserversorgung zuständig.“

Semester vorzeitig beendet

Die Unterkünfte sind seit dieser Proteste unbewohnbar und die Universität hat alle Studenten aufgefordert, das Gelände zu verlassen. Für ausländische Studierende wurden Ausweichquartiere zur Verfügung gestellt.

Der Campus ist mittlerweile komplett geschlossen, so Tamme, das Semester vorzeitig beendet. „Die meisten Studenten sind aber sowieso direkt abgereist, als die CityU so schlimm aussah.“ Viele hätten sich nicht mehr sicher gefühlt, außerdem haben die Heimatuniversitäten ihren Studenten die Heimreise nahegelegt.

So hat sich auch die Leuphana verhalten, die eine Partnerschaft mit der CityU in Hongkong pflegt und zurzeit zehn Studierende aus Lüneburg dort weiß. Vier weitere studieren an anderen Universitäten in der Stadt. „Wir können nicht einschätzen, wie sich die Lage dort entwickeln wird, zurzeit ist es jedenfalls nicht ungefährlich“, meint Henning Zühlsdorff, Pressesprecher der Leuphana. Deshalb hätten sie allen Studenten empfohlen, nach Lüneburg zurückzukehren.

Leuphana will weitere Kooperation prüfen

Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Leuphana weiß, dass alle Lüneburger Studenten, die an der Baptist University zu Gast waren, bereits das Land verlassen haben. Einige der CityU-Studenten seien aber nach wie vor in Hongkong.

Für die sechs Studenten aus Hongkong, die gerade in Lüneburg an der Leuphana lernen, geht das Semester natürlich normal weiter, betont Zühlsdorff. „Fraglich ist lediglich, wie unsere Kooperation in Zukunft weitergeht.“

Thilo Tamme bleibt derweil vor Ort, er selbst fühlt sich sicher: „Man kann sich frei bewegen und seine Meinung äußern.“ Außerdem wurde sein einer Masterkurs schon nach Shenzhen verlegt, sodass er zunächst weiter studieren kann: „Die Uni bemüht sich sehr um Lösungen.“

Von Lilly von Consbruch