Dominik O. (r.) wird versuchter Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen. (Foto: be)

Bluttat im Alkoholnebel

Lüneburg. Sonntag, der 24. Mai, versprach, ein herrlicher Tag zu werden für Dominik O. Gemeinsam mit Freunden war er am See in Bad Bodenteich im Kreis Uelzen angeln. Auch S. verbrachte hier eine gute Zeit. Mit seiner Clique wollte er den sommerlichen Tag genießen, ausgestattet mit einem Grill, lauter Musik, Bollerwagen und zahlreichen Spirituosen.

Plötzlich kippte die Stimmung

Der Tag nahm für die beiden jungen Männer eine dramatische Wendung: Am Donnerstag beginnt am Landgericht Lüneburg der Prozess gegen Dominik O. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft vor, S. mit einem Anglermesser in den Unterbauch gestochen und dabei lebensgefährlich verletzt zu haben. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung.

In seiner Einlassung räumt der 27-Jährige die Tat ein, spricht aber von Notwehr.

Mit einem Freund habe er am frühen Abend auf einer Bank gesessen und getrunken, bis ihnen der Alkohol ausgegangen sei. Daraufhin habe er die Gruppe von S. angesprochen, ob man ihnen etwas abkaufen könne. „Die haben uns eingeladen, bei ihnen zu bleiben. Es war nett, wir haben uns gut verstanden“, gibt O. zu Protokoll. Etwa vier Stunden sei man auf einer Wellenlänge gewesen, die Stimmung dann aber gekippt. „Der S. hat gefragt, ob ich schon einmal im Gefängnis gewesen sei. War ich, wegen einer nicht bezahlten Geldstrafe. Er wollte wissen, was man dort im Gefängnis in Uelzen baue. Weil ich keine Ahnung hatte, hat er mich beschimpft, einen Heuchler genannt. Er hat mich von der Bank gezogen und mir ins Gesicht geschlagen.“

O. hatte Todesangst

Auch S.` Freunde seien hinzugekommen, hätten ihn umkreist, geschubst und immer weiter in Richtung See gedrängt. O. habe Todesangst gehabt. „Da unten war es stockduster. S. hatte mir Fotos von sich in Kutte gezeigt, von Verbindungen in die Rocker-Szene erzählt, von der Pistole, die er zu Hause liegen hat.“ Plötzlich sei ihm aufgefallen, dass er noch das Anglermesser eines Freundes in der Tasche hatte. „Ich habe mit dem Messer rumgefuchtelt, um mich zu verteidigen, ich wollte die einfach nur von mir fernhalten. Irgendwann habe ich ihn getroffen“, sagt O. mit brüchiger, immer leiser werdender Stimme. „Dann bin ich auf mein Fahrrad und abgehauen.“

Noch in derselben Nacht schrieb er in ein Anglerforum. Der Vorsitzende Richter Kompisch liest Dominik O. seine Beiträge vor, in denen er von einem machetenartigen Messer spricht, davon, dass er nicht glaube, dass S. das überstehe. „Fuck ey“ schreibt er immer wieder. Davon will O. aufgrund seines Alkoholrauschs nichts mehr wissen. Ihm fällt es sichtlich schwer, dem Chatverlauf zuzuhören, immer kleiner wird er in seinem Stuhl, wirkt, als wolle er sich hinter seinem großen Schal und dem Kapuzenpullover verstecken.

Angeklagter will in Notwehr gehandelt haben

Bestimmt hingegen wirkt Opfer S. Der 23-Jährige Nebenkläger bestätigt vieles, was O. vom Tatabend berichtet hat. „Irgendwann haben wir entschieden, dass wir nicht mehr möchten, dass er da ist, aber er ist einfach nicht gegangen.“ Dann habe O. das Messer gezückt und gedroht, sie alle abzustechen.

Auf Nachfrage, warum O. plötzlich unerwünscht gewesen sei, erwidert der Arbeitslose: „Der war nicht im Knast, der hat nur angegeben.“ Er könne nicht ertragen, wenn man ihn anlüge, macht S. deutlich, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen sei. Ansonsten bleiben seine Aussagen schwammig und widersprüchlich, oft muss er zur Räson gerufen werden. „Herrn O. wird hier ein sehr schweres Delikt zur Last gelegt. Erzählen Sie bitte, was Sie wissen, kein Hörensagen“, mahnt Richter Kompisch.

Klar wird am ersten Verhandlungstag nur, dass am Tattag sehr viel Alkohol geflossen ist und dass die Wahrheit wohl irgendwo im Alkoholnebel verborgen liegt.

Von Lea Schulze