Freitag , 30. Oktober 2020
Der Forschungseisbrecher Polarstern (l.) und der russische Eisbrecher Akademik Fedorov (r) liegen zwischen Eisschollen. Foto: Esther Horvath/Alfred-Wegener-Institut

Heißer Draht ins Eismeer

Lüneburg. Uwe Zenker wirft einen kurzen Blick auf den großen Bildschirm hinter sich, klickt auf eine Datei in seinem Notebook und lässt auf dem Monitor die Erde aus ungewohnter Perspektive erscheinen. „Hier ist der Nordpol“, sagt der Diplom-Informatiker, wohl wissend, dass Orientierung hilfreich ist. „Und da befindet sich aktuell die Polarstern. Scroll mal etwas dichter ran“, ergänzt sein Kollege Tim Tomczak. Beide sind Mitarbeiter des Lüneburger Unternehmens Werum Software & Systems AG und maßgeblich am Gelingen der vor wenigen Wochen gestarteten Arktis-Forschungsexpedition mit der „Polarstern“ beteiligt.

„Wir sind für die sichere Erfassung, Speicherung und Online-Darstellung aller gemessenen Daten zuständig“, sagt Uwe Zenker, ohne viel Aufhebens von den Dimensionen ihres Projekts zu machen. Doch die sind beeindruckend: Ob Luft- oder Wassertemperatur, Meerestiefen, Sonneneinstrahlung oder Wellenbewegung, CO₂- und Stickoxid-Gehalt, Umweltradioaktivität, Weltraumstrahlung oder Abgas-Fahnen von Schiffen – „alles, was die Wissenschaftler an Bord der Polarstern messen wollen, wird gemessen“, sagt Tim Tomczak. Anhand dieser Daten lassen sich dann Rückschlüsse auf veränderte Umweltbedingungen ziehen, die auch Auswirkungen auf die Wanderungsbewegungen von Fischen haben können.

Messdaten für die Klima- und Ökosystemforschung

Den Nordpol immer im Blick: Uwe Zenker (l.) und Tim Tomczak wachen darüber, dass der Datenfluss von der „Polarstern“ nach Deutschland nicht abreißt. Foto: t&w

Mehrere Hundert Messpunkte – wie viele es genau sind, können die beiden gar nicht sagen – speisen ihre Daten in Systeme ein, die Werum mit ihren DSHIP und DMS genannten Systemen eigens für Projekte wie die im September gestartete MOSAiC-Expedition des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) entwickelt hat. Wie berichtet, war das deutsche Forschungsschiff „Polarstern“ unter großem medialen Interesse zur größten Arktis-Forschungsexpedition aller Zeiten aufgebrochen. Das Ziel: die Gewinnung neuer Messdaten für die Klima- und Ökosystemforschung. Inzwischen hat das Schiff seinen Platz im Eis gefunden und driftet nun ein Jahr lang durchs Nordpolarmeer.

600 Wissenschaftler aus 17 Nationen arbeiten abwechselnd an Bord, täglich fallen riesige Datenmengen an, die zunächst auf dem Forschungsschiff gesichert werden. Einige davon gehen im Zehnminutentakt per Satellit nach Deutschland, großvolumige Bilddaten bringen Wissenschaftler auf der Festplatte beim nächsten Bordwechsel mit. „Bei einer Übertragung per Satellit würde es viel zu lange dauern“, sagt Tim Tomczak. Uwe Zenker – als Projektleiter ist er für das auf parallel in Flugzeugen und einem Helikopter eingesetzte DMS-System zuständig – macht die anfallenden Datenmengen deutlich: So fällt allein bei den Flügen pro Tag ein Volumen von rund 110 Gigabyte an. Sämtliche Daten landen schließlich auf dem zentralen Server des AWI, wo sie für jedermann abrufbar sind, wie es bei öffentlichen Forschungsprojekten vorgegeben ist.

Verpasste Messungen lassen sich nicht wiederholen

„Nichts davon darf verloren gehen, das wäre ein Super-GAU“, sagt Uwe Zenker. Denn wiederholen lasse sich eine Messung nicht, „aber nicht nur, weil wir nicht noch mal zurückfahren können“, erläutert der 48-Jährige. Auch die Rahmenbedingungen hätten sich schon unmittelbar nach der Messung verändert, „die nachträglich erfassten Daten würden nicht mehr zu den anderen passen“.

Dass bislang alles geklappt hat, liegt auch daran, dass ihre Systeme bereits in vorangegangenen Missionen ihre Bewährungsproben bestanden haben. Darauf allein aber verlassen sie sich nicht, für den Fall eines Ausfalls ist ein zweites System auf der Polarstern installiert.

„Wir wollen und müssen damit auch Geld verdienen“

Spannend aber wird es immer vor dem eigentlichen Start einer Expedition. „Wenn das Schiff ablegt, muss alles laufen, da gibt es keinen Aufschub“, sagt Uwe Zenker. Unvorhergesehenes kann aber auch nach dem Ablegen noch passieren. „Dann tauschen wir uns direkt mit der Mannschaft an Bord aus“, berichtet der Uelzener. Meist geschieht dies per Mail, manchmal übers Satellitentelefon. Inzwischen habe er und die anderen Kollegen aus dem zehnköpfigen Projektteam einen guten Draht zur Polarstern-Besatzung, auch Freundschaften seien daraus schon entstanden.

Auch für das Unternehmen ist diese Mission etwas Besonderes, bekräftigt Werum-Vorstand Carsten Stein: „Das sind hochinteressante Aufgaben für unsere Mitarbeiter.“ Aber man mache das auch „nicht aus reinem Al­truismus, wir wollen und müssen damit auch Geld verdienen“. Dass im Unternehmen inzwischen 125 Mitarbeiter beschäftigt sind und es in diesem Jahr sein 50jähriges Bestehen feiert, zeigt, dass es in der Vergangenheit zumindest geklappt hat.

Von Ulf Stüwe

Das Unternehmen

Seit 50 Jahren in Lüneburg

Das Unternehmen Werum wurde 1969 von Wulf Werum gegründet. Es begann mit der Entwicklung von Software und Systemen für Industrie, Forschung und öffentliche Verwaltung. 2014 wurde es in die Werum IT Solutions AG mit Kundenschwerpunkt in der Pharma­branche und heute zum Körber-Konzern gehörend und die Werum Software & Systems AG geteilt. Das Unternehmen hat heute 125 Mitarbeiter. Zu seinen Kunden gehört neben dem Alfred-Wegener-Institut unter anderem auch das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt sowie namhafte Unternehmen aus der Automobilindustrie ebenso wissenschaftliche Institute und öffentliche Auftraggeber. Aufgabenfelder sind das Messdaten- und Informationsmanagement, Erdbeobachtung und eGovernment.