Mittwoch , 30. September 2020
Stolpersteine wie hier im Roten Feld für Robert und Xenia Brendel erinnern an Opfer des Nationalsozialismus. (Foto: t&w)

Worüber Lüneburger stolpern sollen

Lüneburg. Erna Petersen bewies Haltung, sie weigerte sich, eine Parteiveranstaltung der NSDAP zu besuchen. Die Quittung ließ nicht lang auf sich warten: Das Regime steckte sie vier Monate in Haft. Jemand hatte sie denunziert, weil ihr Lebenswandel angeblich nicht untadelig war. „Nach ihrer Verhaftung sorgte das Fürsorgeamt dafür, dass die jüngsten der insgesamt acht Kinder zur Großmutter kamen und die ältesten in ein Kinderheim nach Celle“, bericht Carola Rudnick. Sie leitet die Gedenkstätte der Psychiatrischen Klinik.

„Mariechen kam in das Kinderhospital in der Barckhausenstraße, von wo aus sie in die sogenannte Kinderfachabteilung Lüneburg verlegt wurde.“ Es war ihr Todesurteil. Im Alter von vier Jahren und zwei Monaten starb die Kleine dort im Oktober 1943. Da Mariechens Vater 1941 im Krieg gefallen war und die Mutter in Haft saß, kümmerte sich niemand um die Geschwister. Lange Zeit dachte niemand an das Kind. Das ist nun anders und bleibt anders: Ein Stolperstein wird künftig an Mariechen Petersen erinnern.

Das Schicksal von Jürgen Endewardt

Der Künstler Gunter Demnig verlegt seit 1992 Steine für Opfer des Nationalsozialismus, für Menschen, die man vertrieb, deportierte, ermordete. 70 000 Stolpersteine, eingelegt ins Pflaster, erinnern an jene Menschen, eingraviert sind in Kurzform ihre Lebensdaten. Sie liegen in zwei Dutzend Staaten, in Deutschland haben sich laut Wikipedia 1265 Kommunen an der Aktion beteiligt, die zum „größten dezentralen Mahnmal der Welt“ wurde. In Lüneburg setzten die Geschichtswerkstatt und die Gedenkstätte im PKL das Vorhaben fort. Am Freitag, 22. November, setzt Demnig 14 weitere Steine.

„Dieses Mal wird das Stolperstein-Projekt in enger Kooperation mit der Euthanasie-Gedenkstätte umgesetzt“, sagt Maren Hansen, Vorsitzende der Geschichtswerkstatt. Denn sieben der 14 Stolpersteine widmen sich Opfern der „Euthanasie“. Unter ihnen ist der nicht einmal zweijährige Jürgen Endewardt. Er lebte mit seiner Familie in der heutigen Georg-Böhm-Straße 4 in Lüneburg. Eine Pflegerin des damaligen Kinderhospitals an der Barckhausenstraße wies ihn in die Anstalt ein. Carola Rudnick ergänzt: „Seine Mutter sprach am 5. und 6. Dezember 1942 mit dem damaligen Ärztlichen Direktor, gewiss auch über seine desolate Versorgung. Einen Tag später, am 7. Dezember 1942, war Jürgen tot.“

„Die ‚besondere Fürsorge‘ bestand in der Unterbringung im Heim und der Ermordung von Mariechen.“ Carola Rudnick , Leiterin Euthanasie-Gedenkstätte

Zurück zu Mariechen Petersen. Bei ihren Gesprächen mit Angehörigen und Recherchen fand Carola Rudnick einen Brief des Offiziers der Wehrmacht, der den Zynismus des Systems zeigt. Der Offizier erinnert im August 1941 an den gefallenen Vater des Mädchens: „Das Opfer ist gewiß unendlich schwer, aber Sie dürfen versichert sein, daß das große Deutsche Reich, die Frauen u. Kinder, die im Kriege ihren Versorger verloren haben, nicht vergessen, sondern mit besonderer Fürsorge betreuen wird.“ Die Wissenschaftlerin kommentiert: „Monate später bestand die ‚besondere Fürsorge‘ in der Unterbringung im Heim und Ermordung von Mariechen.“

Dankbar für den Stolperstein

Auch an Inge Roxin wird erinnert. Zufälligerweise wohnten beide Familien in einem Haus an der Rotehahnstraße. Die damaligen Kinder sind bis heute im Kontakt. Über Familie Petersen bekam die Leiterin der Gedenkstätte so Kontakt zur Schwägerin und der Schwester von Inge Roxin. So erhielt sie Fotos und die Sterbeanzeige des Mädchens. Käthe, Mariechens ältere Schwester, habe Inge drei bis viermal in der Woche in der „Kinderfachabteilung“ besucht, erfuhr sie. „Sie durfte mit Inge auf einer Decke auf der Wiese vor Haus 25 sein. Im erwachsenen Alter erlernte Käthe den Beruf der Krankenschwester. Beide Familien sind sehr dankbar für den Stolperstein und werden bei der Verlegung dabei sein können, sofern es die Gesundheit mitmacht.“ Im PKL werden rund 30 Angehörige und etwa 50 Pflegeschüler erwartet, auch sie haben das Schicksal ehemaliger ermordeter Patienten erforscht.

Der Zeitplan am Freitag

Hier werden weitere Steine verlegt

Laut Geschichtswerkstatt gab es 2018 insgesamt 50 Stolpersteine in Lüneburg. 14 neue Steine werden nun verlegt. Der Ablauf:

  • 10.30 Uhr: Auf dem Schmaarkamp 21, (Familie Rose)
  • ca. 11 Uhr: Georg Böhm-Straße 4, (Jürgen Endewardt)
  • ca. 11.25 Uhr: Schillerstraße 5, (Therese Schubert)
  • ca. 11.50 Uhr: Auf dem Meere 29, (Bernhard Filusch)
  • ca. 11.50 Uhr (parallel dazu): Große Bäckerstraße 18, (Familie Less)
  • ca. 12.20 Uhr: Rotehahnstraße 4, (Mariechen Petersen, Inge Roxin)
  • ca. 13 Uhr: Am Wienebütteler Weg 1, (Heinrich Biester, Dieter Lorenz)

Weitere Informationen unter www.geschichtswerkstatt-lueneburg.de oder www.pk.lueneburg.de/gedenkstaette

Von Carlo Eggeling