Donnerstag , 24. September 2020
Nadine G. (in gelb) neben ihrer Anwältin Cornelia Kofalk und Verteidiger Ralf Pagels neben seinem Mandanten Alexander K. zum Prozessauftakt. (Foto: be)

Der Knast als Verbesserung

Lüneburg. Manche Prozesse bieten auch dem Vorsitzenden Richter Einblicke in eine befremdliche Parallelwelt. So unterbrach Thomas Wolter am Mittwoch den Angeklagten bei der Aufzählung seines alltäglichen Drogenkonsums: „Sind Sie nicht froh, dass Sie aus dieser Hölle raus und im Knast sind?“ Daraufhin nickte Alexander K. langsam und sagte: „Ich bin froh.“ Ansonsten bestand zum Auftakt des Prozesses gegen zwei Mitglieder der Lüneburger Drogenszene wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Raubes wenig Anlass für positive Gefühle.

Nadine G. (38) wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, am 17. Juli 2019 einem Bekannten im Streit einen abgebrochenen Flaschenhals in das Bein gerammt zu haben. Noch in der folgenden Nacht soll sie zusammen mit Alexander K. (36) und zwei den Ermittlern noch unbekannten Männern in die Wohnung eines befreundeten Paares eingedrungen sein. Unter massiven Drohungen – auch mit einem Küchenmesser – soll das Quartett die Herausgabe von Drogen, Bargeld, Handy und Tablet erzwungen haben.

Nur ein Angeklagter ist geständig

Zum Auftakt der Verhandlung vor der 2. großen Strafkammer redete Richter Wolter den Angeklagten ins Gewissen. Hohe Freiheitsstrafen drohten, falls das Gericht zu dem Schluss komme, dass beide schuldig seien. Mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren müsste Nadine G. rechnen, Alexander K. mit drei Jahren. Voraussetzung dafür, dass die Juristen auf einen „minderschweren Fall“ mit entsprechend verminderter Strafe erkennen, wären rückhaltlose Geständnisse.

Doch die Worte verfingen nur bei dem in Kasachstan geborenen Alexander K. Wie schon vor der Polizei kündigte er ein Geständnis an. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Ralf Pagels, regte erfolgreich ein Verständigungsgespräch zwischen Kammer, Anklage und Anwälten an. Das Ziel seines Mandanten ist es, statt in ein Gefängnis für maximal zwei Jahre in eine Entziehungsanstalt eingewiesen zu werden, wo er von den Drogen loskommen könne – „aber möglichst nicht in Lüneburg, da sind zu viele aus der gewohnten Szene.“

Nadine G. will sich auf keinen Deal einlassen. Sie bestreitet sowohl die Attacke mit dem abgebrochenen Flaschenhals als auch die Drohung mit dem Küchenmesser. Allerdings begann der Tattag auch nach ihrer Schilderung mit Aggressionen. „Ich ging mit einer geöffneten Bierflasche vor die Tür. Dort sagte mir eine Nachbarin, dass sie gerade Unterschriften sammle, damit ich aus der Wohnung fliege. In der Nacht zuvor war es laut geworden – aber das war das erste Mal in vier Jahren“, versicherte sie. Noch geladen beschimpfte sie Bekannte, die an einem ihrer Treffpunkte saßen, als „F….“ Die gaben in gleicher Münze zurück. Sie habe einem das Käppi vom Kopf geschlagen, daraufhin habe dieser sie gewürgt – was der Mann in seiner Vernehmung auch einräumte. Doch während die Zeugen vor der Polizei ausgesagt hatten, dass Nadine G. ihre Bierflasche zerschlagen habe, um dem Kontrahenten damit zu drohen und letzendlich auch ins Bein zu stechen, behauptete sie am Mittwoch vor Gericht, die Flasche lediglich aus Wut zerschmettert und mit einem Teil nach dem Würger geworfen zu haben.

Gefangene ihrer Sucht

Noch am Abend des selben Tages habe er Nadine auf dem Stint getroffen, sagte Alexander K. aus. Zu diesem Zeitpunkt habe er bereits etwa vier Rivotril- und einige Subutex-Tabletten intus gehabt – Ersatzdrogen, die eigentlich der Entwöhnung von Morphin und Heroin dienen sollen, oft genug aber wegen des Rausches geschluckt werden –, dazu folgten etwa fünf halbe Bier „bis Mittag“, einige Wodka und möglicherweise Kokain im Clamartpark, „für etwa 40 Euro, also ein halbes Gramm“. In der Folge waren die Erinnerungen an den Überfall, den er zusammen mit Nadine G., „Sergej“ und einen anderen ihm kaum bekannten Deutsch-Russen gegen 0.30 Uhr verübt haben soll, eher verschwommen. „Die schulden mir noch Tabletten“, habe Nadine G. gesagt. Die kaputte Wohungstür des Pärchens ließ sich aufdrücken. Drinnen wurde gedroht. „Gib Geld, gib Tabletten, bin süchtig“, habe der eine Deutsch-Russe gesagt; „Gibt ne Kugel in den Kopf, wenn du nicht 50 Euro gibst“, der andere. Beide hätten mit ihren Händen in den Taschen Pistolen vorgetäuscht. Nadine habe ihn gedrängt, ihr sein Taschenmesser mit abgebrochener Klinge auszuhändigen. Als er dies nicht tat, sei sie in die Küche gelaufen, um dort ein Messer zu holen.

Obwohl nach eigener Aussage „so dicht“, sei dies der Moment gewesen, an dem er sich gesagt habe: „Ich mache da nicht mehr mit.“ Er zog ab – mit der Beute in Hosentaschen und Rucksack – und hörte noch im Flur, wie das überfallene Pärchen um Hilfe rief.

Ob Alexander K. Hilfe erhält, um von der Sucht loszukommen, entscheidet sich an den kommenden Verhandlungstagen.

Von Joachim Zießler