Dienstag , 29. September 2020
Anna Schwemmer in Aktion: Die 53-Jährige ist Sängerin, Gesangslehrerin, Chorleiterin, Coach und Mutter von drei Kindern. Auf der jungen Bühne T.3 des Theaters Lüneburg ist sie auch fürs Einsingen zuständig. Foto: t&w

Der Mut zu singen

Lüneburg. „Ich schaff‘ das nicht“, schimpft die junge Sängerin auf der Bühne während der Probe. Sie spielt das Rotkäppchen im neuen Musical „Grimm“ der Bühne T. 3 am Theater Lüneburg – und ist schwer erkältet. Dem ungeübten Ohr fällt das kaum auf, sie selbst weiß aber, was in ihr steckt. Und jetzt nicht rauskommen will. Doch ihre Gesangslehrerin Anna Schwemmer ist sicher: Sie kann das. Erklärt ihr in kurzen Sätzen, worauf sie beim nächsten Mal achten soll. Die Sängerin blickt nach unten, zuckt mit den Schultern. Nimmt sich die Vorschläge aber doch zu Herzen. Zwo, drei, vier, die Musik setzt ein, später auch sie, die kritische Stelle kommt und sie trifft den Ton. „Super, es geht doch!“ ruft Anna Schwemmer aus dem Publikumsrang, und über das Gesicht des verschnupften Rotkäppchens breitet sich ein Strahlen aus.

Solche Szenen kennt Schwemmer nur zu gut. Die 53-Jährige ist Sängerin, Gesangslehrerin, Chorleiterin, Coach und Mutter von drei Kindern. Und außerdem – oder gerade deshalb – auch Therapeutin und Mutmacherin. Wer sie kennt und sie beschreibt, nutzt Phrasen wie „unglaublich viel Energie“ oder „besondere Ausstrahlung“; sie sind oft darüber verwundert, wie sie all ihre Jobs unter einen Hut bekommt. „Das weiß ich manchmal auch nicht so recht“, sagt Anna Schwemmer dann und lacht. Es liege wohl daran, dass sie das, was sie tut, über alles liebt, erklärt sie, und einfach sehr viel für sich dabei rausziehen kann. „Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn jemand aus dem Unterricht geht und sich freier und offener fühlt.“

Eine aufrechte Körperhaltung

Viele koste es am Anfang Überwindung, einfach so laut zu singen. Vor allem Erwachsene erzählen ihr die gleiche Geschichte: Dass ihnen als Kind gesagt wurde, sie sollen nicht singen. Weil es ja schrecklich klinge und nervt, wenn sie vielleicht mal einen Ton nicht getroffen haben. Dann geht bei ihnen die Klappe zu, erzählt Schwemmer, und sie leiden ein Leben lang, denken, dass ihre Stimme eine Zumutung sei. Wenn sie dann aber merken, dass es doch geht – und das passiere meistens schon in der ersten Stunde – „dann fliegen sie“, sagt Schwemmer, „vor Glück“.

Anna Schwemmer hat oft beobachtet, dass Gesangsunterricht das Selbstbewusstsein ihrer Schüler und Chorsänger stärkt. Und gerade für die hilfreich ist, die ein Problem mit Mobbing haben, in der Schule oder am Arbeitsplatz. „Zum Singen brauchen wir eine aufrechte Körperhaltung, damit sich das Zwerchfell gut entfalten kann.“ Dadurch verändere sich auch die gesamte Körpersprache, die Stimme werde fester. „Sie wirken dann nicht mehr wie ein Opfer, das man schikanieren kann.“

Immer wieder unterbricht Schwemmer das Interview kurz: Schließlich ist sie auch während der Theaterprobe dienstlich da. Sie feuert ihre Schützlinge an, lobt sie nach gelungenen Passagen, nimmt sich auch die Zeit für Kritik. Die meisten der jungen Darsteller auf der Bühne kennt sie gut, sie singen in ihren Chören. Sie legt Wert auf einen konstruktiven Umgang mit Fehlern. „Fehler sind wichtig“, erklärt sie. In der Schule würden diese oft zu negativ bewertet, das frustriere die Schüler mehr, als dass sie daraus lernen. Anna Schwemmer will lieber motivieren. „Nimm das, was da ist“ sagt sie, das sei ihre Zauberformel. Nicht den Leuten vorhalten, was sie nicht können, sondern darauf aufbauen, was sie mitbringen. „Selbst wenn ein Schüler nur einen Ton gerade singen kann, ist das eben die Grundlage, mit der wir arbeiten können.“

Ein offenes Ohr auch für Probleme

Mutmachen, motivieren, nah an dem Menschen arbeiten: Beim Gesangsunterricht geht es um mehr als die bloße Stimmbildung. „Manchmal kommen meine Schüler zu mir und haben so viel auf dem Herzen, dass sie erstmal loswerden wollen.“ So kann es sein, dass in den Einheiten mehr geredet wird als gesungen. Um das Handwerkszeug für diese Situationen zu lernen, hat Anna Schwemmer vor einigen Jahren eine Coaching-Ausbildung gemacht. „Früher hätte ich in solchen Momenten vielleicht gesagt: Ok, dann singen wir jetzt mal weiter.“ Jetzt bietet sie das Gespräch an. Und die Schüler nehmen es dann doch gerne an – „Eine meinte sogar zu mir: Mein ganzer Jahrgang geht zum Therapeuten, ich geh zu dir!“

Doch wer ist ihr eigener Mutmacher? „Mein Freund, meine Familie und meine Freunde“, findet sie. Aber auch sie selbst. So hat sie lange nicht mehr vor Publikum gesungen, in Hamburg aber bald die Chance dazu. Natürlich hat sie Lampenfieber, doch hat sie fest zugesagt, ihre Freundinnen wissen auch Bescheid. Zusagen schaffen Verbindlichkeit. „Und dann schaff ich das auch.“

Von Robin Williamson