Freitag , 25. September 2020
Im Beisein von Gabriela Wagner erzählt der Betroffene ganz offen von sich und seiner seelischen Behinderung. Nur seinen echten Namen und sein Gesicht möchte er zurückhalten. Foto: t&w

Wie ein Rückschlag zur Chance wird

Lüneburg. „Eine Psychose ist eine schwerwiegende Erkrankung“, die Diagnose ein herber Rückschlag für den Betroffenen. Martin Stelle (Name von der Redaktion geän dert) weiß genau wovon er redet. Der 40-jährige Lüneburger ist seelisch behindert. Über seine Vergangenheit spricht er nicht gern, doch seit er bei der Loewe Stiftung in Betreuung ist, schaut er positiv nach vorn: „Ich habe genug Mut und Kraft gesammelt, um kleine Schritte in die Zukunft zu gehen.“

Stelle sitzt mit Gabriela Wagner im Besprechungszimmer der Tagesstätte. Wagner leitet die Einrichtung und ist eine seiner engsten Bezugspersonen. Sie unterstützt ihn dabei, als er beginnt zu erzählen: „Ich bin seit dem 15. Mai 2014 hier in der Tagesstätte.“ Über das Datum muss Stelle nicht nachdenken, er erinnert sich genau daran.

Keine Tagesstruktur, keine Freunde, keine Kontakte

Die Loewe Stiftung setzt sich für seelisch behinderte Menschen ein. Durch Werkstätten, ein Wohnheim oder ambulante Betreuung in der eigenen Wohnung werden die Betroffenen in einen geregelten Tagesablauf geführt und zu einem selbstbestimmten Leben befähigt. Die Tagesstätte ist das teilstationäre Angebot der Stiftung. Ziel ist auch hier, die Betreuten durch Angebote und Förderung aus ihrer Isolation zu führen.

Auch Stelle lebte vorher isoliert von der Außenwelt, erzählt Wagner: „Er hat in einer eigenen kleinen Wohnung im Haus seiner Eltern gewohnt. Dort hatte er keine Tagesstruktur, keine Freunde, keine Kontakte.“

Stelle hat seine Schule beendet, doch aufgrund seiner Behinderung war eine Berufsausbildung nicht möglich. Schon mit 17 hatte er erste Symptome einer psychischen Erkrankung, später folgte ein monatelanger Klinikaufenthalt wegen schwerer Psychosen. „Meine Diagnose lautet seelische Behinderung“, sagt der Lüneburger ohne zu zögern. Das äußert sich in Depressionen und einer Neigung zu Schizophrenie, manchmal hört Stelle Stimmen, gute wie böse, die sein Handeln beeinflussen wollen.

Hilfreiche Unterstützung

Um die Krankheit in den Griff zu bekommen, nahm Stelle vier verschiedene Medikamente. „Das war eine hilfreiche Unterstützung, um wieder stabil zu werden“, sagt er. Doch eine noch größere Unterstützung waren für ihn die Tagesstätte und das betreute Wohnen: „Seit dem 1. April 2015 lebe ich in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft“, weiß Stelle wieder auf den Tag genau. Dort hat er gelernt, für sich selbst zu sorgen und Entscheidungen zu treffen.

Gabriela Wagner betont, dass Stelle ein regelmäßiger Teilnehmer an jeglichen Aktivitäten der Tagesstätte ist: Ergotherapie, Musikgruppen, Gerätetraining, Hirnleistungstraining, gemeinsames Kochen. „Er ist sehr offen und vor allem ehrlich. Er macht sich selbst und anderen nichts vor.“

Selbstsicheres Auftreten

Besonders im Gruppentraining „Soziale Kompetenz“ wächst Stelle immer weiter über sich hinaus. „Da geht es vor allem um positive Selbstverbalisation“, erklärt Wagner. Sich selbst zu sagen „Ich schaffe das“ oder „Ich bin mutig“ sei ein Teil davon. „Dann gehen wir raus und müssen Aufgaben erledigen“, erzählt Stelle: „Zum Beispiel müssen wir dann Fremde nach der Zeit fragen oder uns in einem Geschäft beraten lassen. Wir lernen selbstsicheres Auftreten, allein und in der Gruppe.“ Jetzt, nach vier Monaten Training, fällt ihm das schon deutlich leichter.

„Die Betreuung hier in der Tagesstätte, aber auch die vertrauensvolle Beziehung zu seiner Ärztin, haben einiges bewirkt“, meint Wagner. Martin Stelle hebt zustimmend den Daumen: „Ich kann mit meiner Ärztin alles besprechen, und das ist auch wichtig.“ Weil er in der Tagesstätte stabilisiert wurde, beschlossen sie gemeinsam, seine Medikation herunterzuschrauben. „Zwei der vier Medikamente sind mittlerweile ganz abgesetzt und die anderen beiden zur Hälfte reduziert“, sagt Stelle stolz. Aber er gibt zu, dass er Angst davor hatte: „Wenn man die Medikamente langsam herunterfährt, bekommt man plötzlich viel mehr mit: die Umwelt, die Menschen, die eigene Stimmung. All das kann man plötzlich wahrnehmen. Ich hatte Angst, dass mir das zu viel wird.“ Doch für Stelle entwickelte sich genau das zu einer Chance: „Mittlerweile sehe ich all diese Eindrücke als Geschenk an. Außerdem bin jetzt viel achtsamer mit mir selbst.“

Von Lilly von Consbruch