Sonntag , 25. Oktober 2020

Frau Schmid, Herr Menges, braucht Glaube Mut?

Frau Schmid, Herr Menges, wann waren Sie zuletzt mutig?
Christine Schmid: Ich war jetzt gerade mutig als ich mir vorgenommen habe, in einer Woche an die 150 Kilometer zu Fuß zu gehen, obwohl ich sonst keinen Sport mache. Und ich weiß, bevor ich eine Pilgerung beginne, auch nie, ob ich es schaffe. Ich komme da auch an meine Grenzen. Aber da hilft mir auch die Gruppe. Wenn man in der Gruppe geht, hat man Mutverstärker dabei.
Carsten Menges: Bei mir ist es ganz profan. Ich bin jetzt 52 und mache mir Gedanken, wo ich im Ruhestand bleibe. Und ich war kurz davor, mir hier in Lüneburg ein Häuschen zu kaufen. Als ich die Summe gesehen habe und wusste, dass ich dafür ein Darlehen aufnehmen muss, habe ich mich schon gefragt, ob ich das wirklich will. Aber dann habe ich mir gesagt: Das machst du jetzt. Am Ende hat allerdings jemand anderes den Zuschlag für das Haus bekommen.

Braucht Glaube Mut?
Schmid: Ja. Martin Luther hat mal gesagt: Glaube ist wie aus dem offenen Fenster in die Arme Gottes springen. Aber Glaube gibt auch Mut. Wenn man weiß, dass man nicht tiefer fallen kann, als in Gottes Hände, dann traut man sich auch mehr zu.
Menges: Spontan fallen mir da zwei Dinge ein. Das erste: Ich vertraue mich einem Gott an, von dem es keine Beweise gibt. Ich vertraue mich und meine Zukunft jemandem an, den ich nicht sehe. Und das andere ist, dass es Mut braucht, um über den Glauben zu sprechen. Ich erlebe immer wieder, dass sich Leute das in der Öffentlichkeit nicht trauen. Und die, die es tun, brauchen Mut, weil sie manchmal schon blöd angemacht werden. Dann zu seinem Glauben zu stehen und zu dem zu stehen, der man ist, braucht schon ganz viel Mut.
Schmid: Es braucht aber auch den Mut, seine Zweifel ernst zu nehmen. Mut, mit Dingen zu leben, von denen man nie ganz genau weiß, ob sie Bestand haben. Den Mut braucht es aber auch, um sich nicht auf vordergründig beweisbare Dinge zurückzuziehen. Dadurch wird das Leben flacher. Glaube braucht den Mut, sich sowohl den Träumen als auch dem Zweifel auszusetzen.

Aber wo verläuft die Grenze zwischen Mut und Leichtsinn?
Schmid: Gott ist kein Gegner der Naturgesetze. Man sollte also nicht schneller fliegen, als sein Schutzengel. Das wäre Leichtsinn. Vertrauen und Mut heißt ja eher, auf das große Ganze zu vertrauen. Nicht als einzelne Tat sondern als Lebenshaltung.
Menges: Zu sagen, der liebe Gott wird das schon regeln, ich lasse mich jetzt einfach fallen – so funktioniert es jedenfalls nicht.
Schmid: Eigentlich kann man nur Mut haben, wenn man auch einrechnet, dass man scheitern könnte. Und damit auch leben kann. Man muss eben auch seine Grenzen annehmen.

Nun gibt es für Frauen in der katholischen Kirche aber ganz automatisch Grenzen. Frau Schmid dürfte zum Beispiel keine Priesterin werden.
Menges: Es gibt ja ganz viele Positionen, in denen sie ihre Gaben wunderbar einbringen könnte. Alles nur am Priestertum festzumachen und zu sagen, nur die haben etwas zu sagen – das ist für mich das falsche Bild. Der Priester ist zuallererst ein Seelsorger, der für Menschen da ist. Wir haben viele Gremien, die dann mit den Priestern gemeinsam Entscheidungen fällen. Und gleichzeitig müssen wir natürlich schauen, wie wir Frauen fördern können, sich mit ihren Gaben und Begabungen einzubringen. Und wenn wir das Ganze als Dienst verstehen und es nicht ums Machthaben geht, dann können auch Frauen in der katholischen Kirche ihre Positionen finden.
Schmid: Ich wäre trotzdem gerne deine Kollegin in einem anderen Dekanat, wenn ich katholisch wäre. Warum sollte ich nicht Dechantin sein?
Menges: Ich glaube natürlich schon, dass es in Deutschland eine Mehrheit gibt, die sagt, wir könnten uns das vorstellen. Die katholische Kirche ist aber eine Weltkirche. Es wird längst nicht überall in der Welt die Frauenfrage so beurteilt, wie hier. Da müssen wir gucken, wie wir zu einer vernünftigen Diskussion kommen. Dazu gehört auch Mut. Zum Beispiel der Mut der deutschen Bischöfe, das Thema gegen den Widerstand aus Rom zu diskutieren und ein Zeichen zu senden an die Frauen: Wir wollen, dass ihr dazugehört. Und zwar nicht nur als Putzfrauen.

Würden Sie sich als ehrgeizig beschreiben?
Schmid: Ja. Bei mir ist es so, dass ich gerne gestalte. Und ich mache auch gerne Sachen gut. So gut ich es eben kann. Der Gestaltungsraum ist in einer Leitungsposition in einem Kirchenkreis natürlich größer und das hat mich gereizt. Ich habe schon Lust und Ehrgeiz, meine Talente einzubringen und etwas zu verändern. Und ich finde auch, dass es in der Welt gerade genug Anlässe gibt, etwas zu ändern.
Menges: Die Frage ist ja, was für einen Ehrgeiz: Auf mich oder auf meine Aufgabe bezogen? Ich würde zum Beispiel gar nicht Weihbischof in Hildesheim werden wollen. Ich will mit Menschen in einer Gemeinde arbeiten. Insofern glaube ich, dass mein Platz genau der richtige ist. Ich finde Karrieretypen in der Kirche ganz schlimm. Ich denke: Wenn der liebe Gott will, dass ich ein bestimmtes Amt ausübe, dann wird er mich dahinsetzen. Mein Streben ist es aber nicht.

Sie haben also früher nicht davon geträumt, Papst zu werden?
Menges: Nein. Wenn mein Vater früher gefragt wurde, wie er das findet, dass sein Sohn Priester wird, hat er gesagt: Ich finde das super. Ich hatte noch nie einen Papst in der Familie. Dann waren die Leute still. Für mich ging es immer darum, mit Menschen Gott zu entdecken und nicht um Macht oder so.

Was ist für Sie Erfolg? Wann war ein Tag erfolgreich?
Schmid: Wenn ich gut und sinnvoll etwas zusammen mit Menschen vorangebracht habe. Für mich war es zum Beispiel ein Erfolg, die Fusion von zwei Kirchenkreisen zustandebekommen zu haben. Erfolg ist für mich aber auch, einen Konflikt zu lösen. Eine Sackgasse aufzuheben und Dinge in Bewegung gesetzt zu haben.
Menges: Das sehe ich auch so. Sich mit Menschen zusammenzusetzen, etwas zu besprechen und hinterher sagt einer ,Das war ein gutes Gespräch‘ – das ist ein Erfolg. Unser Ziel ist es ja, Menschen zusammenzubringen. Wenn das gelingt, dann ist das toll. Erfolg heißt aber auch, aus den Misserfolgen zu handeln und Dinge besser zu machen.

Wie wichtig ist Erfolg?
Schmid: Erfolge sind schön und wir alle brauchen sie. Ich bin natürlich auch gerne erfolgreich. Aber wenn der Erfolg zur Messlatte für ein gelungenes Leben wird, dann läuft etwas schief. Die Würde und Anerkennung eines Menschen sollte unabhängig von dessen Erfolg bestehen. Dann kann man übrigens auch gut mit Misserfolg umgehen, weil man weiß, dass man nicht darauf reduziert wird. Das Scheitern gehört ja so sehr dazu, dass wir ohne das Scheitern vielleicht auch innerlich verarmte Menschen wären. Scheitern gehört zum Leben. Wenn wir nur noch auf Erfolg gebürstet wären, dann wäre das nicht mehr gut für das Zusammenleben.
Menges: Was aber ist Erfolg? Geht es um Qualität oder um Quantität? Ist ein Gottesdienst erfolgreich, wenn ich viele Leute in der Kirche habe? Oder ist er erfolgreich, wenn ich zwar weniger Leute habe, die aber für sich etwas mitgenommen haben?
Schmid: Genau. Es geht um die Kriterien. Man kann ja auch als Verbrecher erfolgreich sein. Trotzdem ist das ja nicht richtig. Es geht um das Wohl der Gemeinschaft. Es geht eben nicht nur darum, einfach erfolgreich zu sein, sondern auch um die Frage, womit man erfolgreich ist. Man muss eben genau hingucken. Am Ende seines Lebens möchte man ja nicht in einer Todesanzeige lesen: Er hat Design-Klamotten getragen und ist 300-PS-Autos gefahren. Man will lesen: Er war ein guter Vater, er war ein toller Tischler, er war ein prima Fußball-Trainer.
Menges: Geld kann schnell weg sein. Aber Menschen und Familie, das bleibt.

Es gibt aber auch Theorien wie die des protestantischen Arbeitsethos, bei denen es darum geht, dass sich das Wohlwollen Gottes auch durch beruflichen und finanziellen Erfolg zeigt.
Schmid: Ja, es gibt diese Traditionen – vor allem im Calvinismus. Es gibt in der Bibel Geschichten, in denen wir aufgefordert werden, unsere Talente einzusetzen und etwas damit zu tun. Die Lebenszeit zu nutzen, die uns zugeteilt wurde. Das finde ich wichtig. Dass man sich und seine Fähigkeiten für das Gemeinwohl einsetzt, ist der Wille Gottes. Er hat uns ja nicht geschaffen, damit wir hier sitzen und Däumchen drehen. Wir haben einen Auftrag auf dieser Erde und den gilt es auch zu erfüllen.

Zu ihren Jobs gehört es aber auch, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Wie gehen Sie so etwas an?
Schmid: Gelungen ist es dann, wenn man die Entscheidung verständlich machen konnte. Da ist Empathie wichtig, aber auch die Wahrhaftigkeit zu sagen, dass gewisse Entscheidungen eben getroffen werden müssen. Im Moment müssen wir eben auch den Mut haben, die Kirche umzubauen und auf die gesellschaftlichen Entwicklungen zu reagieren. Das geht natürlich aber nur im Team.
Menges: Wichtig ist, dass ich keine Entscheidung mal eben so aus dem Bauch treffe, sondern dass die Entscheidung begründet ist. Dann mag es aber eben auch sein, dass nicht alle damit einverstanden sind. Aber wie Rumpelstilzchen aufzutreten, auf den Boden zu stampfen und zu sagen, ich will das aber so – das geht nicht. Wir arbeiten eben nicht so sehr auf der wirtschaftlichen Ebene, wie ein Konzern, sondern mehr auf der menschlichen Ebene. Das Führen und Leiten musste ich aber auch erst lernen. Auch das Abgeben, das Delegieren zum Beispiel. Ich muss nicht jede Strippe selber ziehen. Es kommt auch darauf an, die Leute nach ihren Befähigungen einzusetzen.

Wir sprachen vorhin auch über den Mut, zu sich selbst zu stehen. Nun gibt es aber viele Menschen, die zum Beispiel durch ihre Homo- oder Transsexualität in einen Konflikt kommen – gerade auch in ihrer Gemeinde. Wie erleben Sie das?
Schmid: Bei uns ist das eine ganz anerkannte Lebensform. Wir führen ja auch Trauungen für gleichgeschlechtliche Paare durch. Diversität ist aber auch für uns noch Neuland. Da sind wir auch dabei, aufzuarbeiten, wie wir in der Gemeinde mehr Raum für Diversität haben können. Wir müssen offen bleiben für die Menschen in ihren eigenen Lebenssituationen – und dürfen Kirchenmauern nicht zu dick werden lassen.
Menges: In manchen Punkten sind wir bei der Beurteilung anderer Meinung, was auch mit dem Eheverständnis zu tun hat. Ehe wird in der katholischen Kirche als Sakrament gesehen. Wir müssen den Menschen aber entgegenkommen und ihnen signalisieren: Gott verurteilt uns nicht, sondern mag uns so wie wir sind. Dann gibt es aber auch Vorstellungen, die können wir nicht teilen. Bei uns ist die Ehe nach dem biblischen Verständnis die Verbindung zwischen Mann und Frau. Das heißt aber nicht, dass ich ausschließe, das Menschen in einer anderen Form Verantwortung füreinander übernehmen. Wir sind oft in der Diskrepanz zwischen dem, was sie in Rom sagen – weil sie konservativer auf die Weltkirche schauen – und dem, was wir hier vor Ort erleben. Ich würde niemanden wegschicken, nur weil er mir sagt, er sei homosexuell. Es geht um den Menschen, nicht so sehr um Regeln. Da muss die katholische Kirche meiner Meinung nach noch mehr hinkommen.

Von Lion Grote

Zur Person

Christine Schmid wurde 1962 in Stade geboren und studierte Theologie in Kiel. Ihr Vikariat führte sie unter anderem nach Embsen. 1992 wurde Christine Schmid in Fredenbeck im Kirchenkreis Buxtehude ordiniert. Von 2000 bis 2007 war sie Studienleiterin im Predigerseminar Celle. Seit 2007 ist sie Superintendentin in Lüneburg.

Carsten Menges wurde 1967 in Lüneburg geboren und wuchs in Adendorf auf. Nach seinem Studium der Theologie und Philosophie in Münster und Freiburg wurde er 1994 in Hildesheim zum Priester geweiht. Es folgten Kaplanstellen in Wolfsburg und Salzgitter, ehe er von 2000 bis 2008 Pfarrer auf dem Wohlendberg (Landkreis Hildesheim) war. Seit 2008 ist er Pfarrer und Dechant des Dekanates Lüneburg.