Donnerstag , 1. Oktober 2020
Prof. Dr. Joachim Möller. Foto: wko

„Wir müssen die Chancen erkennen“

Die vierte industrielle Revolution bringt unter anderem 3-D-Druck, Drohnen, Serviceroboter, maschinelles Lernen, künstliche Intelligenz, mobile Roboter, Cyber-physische Produktions-Systeme, Assistenzsysteme und Fernwartung mit sich. Ist das Hochtechnologie-Land Deutschland dafür ausreichend gewappnet?
Prof. Dr. Joachim Möller: Insgesamt ja, vor allem im Bereich der Hardware. Aber bei der Bildung und dem Erkennen von Möglichkeiten, die die neue Technik bietet, sind wir in der Regel etwas langsamer als andere Nationen.

„Künftig gibt es zwei Kategorien von Menschen: Jene, die Computern sagen, was sie tun sollen – und jene, die von Computern gesagt bekommen, was sie tun sollen.“ Ist dieses Zitat von Marc Andreessen überspitzt oder trifft es den Kern der vierten industriellen Revolution?
Es ist überspitzt, trägt aber auch einen Kern Wahrheit in sich. Es gibt durchaus Gewinner und Verlierer der Digitalisierung. Gewinner ist grundsätzlich derjenige, der diese Technik nutzt und einsetzt, Verlierer derjenige, der sie nicht einsetzen kann. Das war allerdings bei der dritten industriellen Revolution so, dem Siegeszug der IT. Gewinner waren die Hochqualifizierten, also zum Beispiel Programmierer, Verlierer waren die Geringqualifizierten. Das könnte sich jetzt ein bisschen drehen: Die Trennung ist nicht mehr so strikt. Aus Studien auch des IAB geht zwar hervor, dass auch die vierte industrielle Revolution zugunsten der Hochqualifizierten weiterläuft. Aber es gibt auch Assistenzsysteme zugunsten der Geringqualifizierten. Eine intelligente Brille, die jemandem , der eine komplizierte Mechanik repariert, sagt, löse jetzt diese oder jene Schraube, führte dazu, dass man auch mit geringeren Qualifikationen relativ effizient und produktiv sein kann.

Es gibt schon lange düstere Prognosen. Ende der 70er-Jahre betonten einige Experten, dass in 20 Jahren 80 Prozent der Arbeitsplätze vernichtet seien. Das ist nicht eingetreten. Wie zuversichtlich sind Sie, dass auch die heutigen düsteren Prognosen nicht eintreten werden?
Niemand kann ganz sicher sein, was in der Zukunft geschieht. Aber ich halte solche Prognosen nicht nur für unwahrscheinlich, sondern auch für gefährlich, weil sie unnötig Ängste schüren und den Blick auf einen positiven Umgang mit den neuen Techniken verstellen. Die Digitalisierung wird nur dann ein Job-Vernichter sein, wenn wir sie nicht annehmen, wenn wir die sich bietenden Möglichkeiten verschenken. Diese Möglichkeiten bieten sich in allen Lebensbereichen, reichen von der Produktion bis zum Ressourcenverbrauch, wo intelligente, digitale Netze dabei helfen, Energie zu sparen. Es wird darauf ankommen, diese Möglichkeiten zu nutzen. Der britische Ökonom Keynes hatte bereits 1930 den Begriff der technologischen Arbeitslosigkeit geprägt und gesagt, diejenigen werden leiden, die nicht an der Spitze des Fortschrittes stehen. Wenn man die Möglichkeiten nutzt, kann man billiger und effizienter produzieren, kann Marktanteile erhöhen und unter dem Strich sogar Arbeitsplätze schaffen.

Wird das alles noch dadurch unterstützt, dass die Rentabilitätshürde sinkt, dass neue Technologie relativ schnell kostengünstiger wird?
Nicht alles, was technisch geht, wird auch umgesetzt. Beim autonomen Fahren gibt es moralische und ethische Bedenken. Es gibt auch viele kulturelle Hürden. Wer will schon in einem Biergarten von einem Roboter bedient werden. Und selbst in hochautomatisierten Fabriken gibt es immer noch Bereiche, in denen Handarbeit stattfindet. Der Satz, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert, stimmt meiner Meinung nach nicht zu 100 Prozent.

Die deutsche Wirtschaft leidet schon seit Jahren unter Fachkräftemangel und büßt dadurch Milliarden Euro an Umsatz ein. Parallel dazu schreitet die Digitalisierung voran. Dafür werden aber noch mehr Fachkräfte benötigt. Wie kann Deutschland diesen Wettlauf gegen die Zeit im internationalen Wettbewerb gewinnen oder zumindest nicht verlieren?
Ich sehe die Digitalisierung nicht als Jobkiller, sondern als Jobwandler. Das heißt, die Tätigkeiten innerhalb der Berufe werden sich wandeln. Dafür gibt es viele Beispiele. Paradox erscheint, dass es auf der einen Seite einen Fachkräftemangel gibt, auf der anderen Seite die große Befürchtung, dass die Digitalisierung massenhaft Arbeitsplätze vernichten wird. Dazu gibt es zwei Erklärungen: Einige Experten sind der Meinung, dass der Freisetzungseffekt der Digitalisierung erst später einsetzt. Ich glaube aber eher, dass der Job schaffende Effekt neuer Technologien weiterhin stark ist und Fachkräfte weiterhin Mangelware sein werden. Wenn es aber dazu kommt, dass Digitalisierung Produktion mit deutlich weniger Arbeitskräften ermöglicht, passt es auch gut zum demografischen Wandel. Noch hat uns dieser Wandel nicht voll erwischt. Aber in zehn, 15 Jahren werden einige Quellen der Zuwanderung – etwa Polen – versiegt sein, denn auch in diesen Ländern entsteht ein Fachkräftemangel. Das führt zu höheren Löhnen und weniger Abwanderung.
Wir werden in Deutschland mit einem Rückgang des Fachkräftepotenzials leben müssen. Die Digitalisierung wäre aber ein Mittel, um diesen Mangel zu kompensieren.

Reicht es, allein auf interne Aus- und Weiterbildung zu setzen?
Praxisnahe Weiterbildung im Betrieb ist das erste Mittel der Wahl. In manchen Situationen greift es aber ins Leere, wenn das einsetzt, was strukturellen Wandel ausmacht: Ein Bereich, eine Firma muss schrumpfen, eine andere wächst. Hier kommt man mit interner Weiterbildung nicht weiter. Für diesen Strukturwandel brauchen wir mehr als zuvor auch externe Initiativen für Weiterbildung und Umschulung.

Die Firmen Lorenscheit aus Dahlenburg und das Lüneburger FAB Lab aus dem e-novum zeigten kürzlich Beispiele aus dem Bereich Robotik und 3-D. Beide wollen Fortbildungsangebote machen, die von der Bundesagentur für Arbeit zu 100 Prozent finanziert werden. Muss auch diese Schnittstelle zwischen Unternehmen und Staat gestärkt werden?
Erfolgreiche Wirtschaftsregionen haben es immer geschafft, Akteure aus verschiedenen Bereichen zusammenzubringen. Das wird auch künftig so sein. Die von Ihnen genannten Beispiele sind in dieser Hinsicht vorbildlich. Die Dahlenburger Firma ist eine Perle, hat zukunftssichere Jobs geschaffen. Wenn der Staat solche Unternehmen in einer eher strukturschwachen Region fördert, ist das sehr sinnvoll.

In welchen Branchen wird es die stärksten Einbußen an Arbeitsplätzen geben, welche werden von der Digitalisierung stärker profitieren?
Die Banken und Versicherungen haben im Zuge der Digitalisierung bereits einen starken Wandel erlebt. In der Großindustrie gibt es hingegen schon heute einen extrem hohen Automatisierungsgrad, dort werden die Effekte der Digitalisierung eher gering sein. Bei den Mittelständlern ist die Situation aber anders. Hier sollte es darum gehen, dass neue Geschäftsmodelle, die die Digitalisierung ermöglicht, überhaupt erkannt werden. Das geht vom Vertrieb über das Internet bis hin zu einfachen Standardprodukten. Ein Beispiel: Kleine Unternehmen könnten über ein Online-Bestellsystem Metallteile mit bestimmten Bohrungen und Maßen nach individuellen Wünschen in kleinen Stückzahlen automatisiert herstellen und vertreiben. Auch im Bereich der Dienstleistungen gibt es ein großes Spektrum neuer Möglichkeiten. Dort dürften die Auswirkungen der Digitalisierung insgesamt noch stärker sein als im verarbeitenden Gewerbe.

Sollte Informatik künftig ein Pflichtfach an den Schulen werden?
Grundsätzlich ja, denn wir brauchen die digitale Technik und damit auch Informatiker. Das große Problem ist aber: Wo sollen die dafür benötigten, speziell ausgebildeten Lehrer herkommen? Schüler sind heute im Umgang mit digitalen Techniken meistens fitter als ihre Lehrer. Eine neue Studie zeigt, dass tiefe System- oder Programmierkenntnisse in Deutschland nicht so ausgeprägt sind wie in anderen Ländern. Hier müsste die Bildung ansetzen. Wir sollten Schüler dabei helfen, tiefe Kenntnisse zu erlangen. Es gibt wunderbare didaktische Programme für das Erlernen von Programmiersprachen. Die Anschaffung von Tablets für alle Schüler allein wird nicht ausreichen.

Von Werner Kolbe

Zur Person

Ehrendoktor der Leuphana

Prof. Dr. Joachim Möller,1953 in Reinstorf geboren, studierte nach dem Abitur in Lüneburg von 1971 bis 1977 Philosophie und Volkswirtschaftslehre an den Unis Tübingen und Konstanz sowie Sciences Politiques an der Uni Straßburg. 1981 promovierte er mit summa cum laude zum Doktor der Sozialwissenschaften. 1990 folgte seine Habilitation an der Uni Konstanz. 1991 wechselte er auf eine C3-Professur an der Uni Regensburg. 1996 nahm er dort einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an. Von 2005 bis 2007 war Joachim Möller Direktor des Osteuropa-Instituts München. 2008 wurde ihm die Ehrendoktorwürde Leuphana Uni Lüneburg verliehen.

Von 2007 bis 2018 war er Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Darüber hinaus war und ist Prof. Dr. Joachim Möller Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Gremien.