Der Vorsitzende des Bürgervereins, Rüdiger Schulz, und Laudatorin Hiltrud Lotze (r.) gratulieren Carola Rudnick. Sie ist Bürgerin des Jahres und hat den Sülfmeisterring erhalten. Foto: be

Opfer sind nicht vergessen

Lüneburg. Wer in der Gedenkstätte der Psychiatrischen Klinik im Badehaus und Wasserturm steht, fragt sich, wie Menschen anderen so etwas antun können. In einem Krankenhaus. Das steht für Hilfe. Am Wienebütteler Weg haben Ärzte und Pfleger gemordet. Man kann es aus heutiger Sicht kaum fassen. In der PKL bleibt die Grausamkeit keine sachliche Notiz. Das Schicksal der Patienten berührt den Besucher. Kinder, die verhungerten, die getötet wurden, weil sie im Nationalsozialismus als „lebensunwert“ galten.

Dass Geschichte hautnah daherkommt, liegt vor allem an Dr. Carola Rudnick, sie leitet die Gedenkstätte. Am Sonnabend zeichnete der Vorsitzende des Bürgervereins, Rüdiger Schulz, die 43-Jährige in der Kronen-Diele mit dem Sülfmeisterring als „Lüneburgerin des Jahres“ aus. Die Laudatio hielt die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Hiltrud Lotze.

Aufarbeitung der DDR-Geschichte

Die gebürtige Hamburgerin Rudnick studierte in Lüneburg Kulturwissenschaften, ihre Magisterarbeit beschäftigte sich mit der Aufarbeitung der DDR-Geschichte, sie arbeitete zum Thema der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, dem ehemaligen Gefängnis der Stasi, dem Geheimdienst der DDR, der unter anderem Oppositionelle verfolgte. Später setzte sie die Arbeit fort, schrieb dazu ihre Doktorarbeit. „Das war Neuland“, sagte Hiltrud Lotze. Denn es habe dazu noch keine wissenschaftlichen Publikationen gegeben.

Es folgte eine Station in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen, 2012 ging es zurück nach Lüneburg. Diese Rückkehr hat sicher auch mit einer Liebe zu tun: Schon zu Studienzeiten engagierte sie sich für den Arbeitskreis Lüneburger Altstadt. Sie lebt mit ihrer Familie in einem alten Haus im Wasserviertel.

Sie erforschte weitere Themen

Die Gedenkstätte in der PKL war 2004 eröffnet worden, auch unter Mitwirkung der Geschichtswerkstatt. Schon damals war der Ansatz, das Schicksal der ehemaligen Patienten aus der Anonymität zu holen und die Geschichte der Psychiatrie zu beleuchten. So sind allein in der sogenannten Kinderfachabteilung bis zu 350 Mädchen und Jungen umgebracht worden. Carola Rudnick ging über die Krankenakten, die sie fand und untersuchte, hinaus, sie suchte und fand auch mithilfe von Zeitungsartikeln Hinterbliebene. Eben das sei ein besonderer Ansatz, unterstrich Hiltrud Lotze.

Die Wissenschaftlerin erforschte weitere Themen: klare Fakten, aber auch immer das Schicksal, dazu das Handeln der Mediziner. Sie vertraut darauf, dass junge Leute Geschichte als etwas Lebendiges begreifen – sie setzt sich fort. Pflegeschüler, die heute Patienten in den Mauern begleiten, in denen einst der Tod alltäglich hauste, tragen Fakten zum Los der Opfer zusammen. Das ist nicht nur ein Blick zurück, sondern lässt eben auch Verantwortung wachsen, auf dass sich Unmenschlichkeit nicht wiederholt.

Wissen und Mitgefühl vermitteln

Carola Rudnick hat vor den Gästen des Bürgeressens beschrieben, warum ihr diese Arbeit wichtig ist, die ans Herz geht, sie als „sinnstiftend“ empfindet. Eben weil sie Angehörigen über deren ermordete Brüder und Schwestern etwas erzählt, weil sie Pflegeschülern und Schulklassen Wissen und Mitgefühl vermitteln kann, weil sie die scheinbare Anonymität der Opfer aufbricht.

Die Forscherin, die sich gemeinsam unter anderem mit dem Chef der städtischen Gesundheitsholding, dem Trägerverein der Gedenkstätte und anderen erfolgreich dafür einsetzt, dass mithilfe verschiedener Töpfe der öffentlichen Hand und Stiftungen aus dem ehemaligen uralten Gärtnerhaus auf dem Klinikgelände ein Seminar- und Dokumentationszentrum wird, betonte, dass sie den Preis stellvertretend entgegennimmt.

Carola Rudnick lobte die Arbeit und das Engagement des verstorbenen Historikers Raimond Reiter, der begonnen hatte, die NS-Zeit der Heil- und Pflegeanstalt auszuleuchten. Die beiden ehemaligen Klinikchefs Jürgen Lotze und Sebastian Stierl hätten ebenso zum Wachsen und Werden der Gedenkstätte beigetragen wie Maren Hansen von der Geschichtswerkstatt.

Von Carlo Eggeling