Donnerstag , 29. Oktober 2020
2015, Start im Schatten der Elbphilharmonie: Heike und Herwig Münch. Foto: oc

Sie leben ihren Traum

Mechtersen/Rio Dulce. Sie hatten ein großes Haus in Mechtersen, gute Berufe, Familie, ein glückliches Leben und einen großen Traum. Sie haben ihn wahr gemacht: Seit 24. April 2015 leben Heike und Herwig Münch, heute 67 und 70 Jahre alt, auf „Worlddancer II“, einem Boot vom Typ „Allures 44“. Baujahr 2007, 13,60 Meter lang, 4,25 Meter breit, maximal 20,50 Meter hoch. Sie starteten Anfang Juni 2015 von Hamburg aus Richtung Gran Canaria. Im Februar 2016 überquerten sie den Atlantik und haben bis jetzt eine Strecke von 19400 Seemeilen hinter sich, das entspricht 36.000 Kilometer. Über ihre Reise und ihre Abenteuer informieren Heike und Herwig per Internet, nachzulesen unter www.sy-worlddancer2-hamburg.de. Wie es ihnen ergangen ist und ergeht, schildern sie im Interview.

Wo seid Ihr eigentlich gerade?
Heike: In Guatemala am Rio Dulce im Golf von Honduras. Hier liegen wir zurzeit an Land und gönnen unserem „Worldi“ diverse Verschönerungen, die jährliche Grundpflege steht an und ein „Refitting“.

Und was ist Euer nächstes Ziel?
Heike: Tja, das wissen wir noch nicht ganz genau. Man muss in der Hurrikan-Saison, die bis etwa Ende November dauert, immer ein sicheres Ziel haben.
Herwig: Voraussichtlich segeln wir zu den ABC-Inseln: Aruba, Bonair, Curaçao.

Wenn Ihr zurückdenkt, stimmen Erwartungen und Realität bisher überein?
Heike:  Ja, total. Wobei die Erwartungen klein waren und die Realität fast immer großartig aussieht.

Wie haltet Ihr es nur so auf engem Platz aus?
Heike: Man muss sicher eine gewisse Mentalität haben, um auf engerem Raum leben zu können.
Herwig: Wir haben mit Cockpit etwa 25 Quadratmeter Fläche, davon hat der Salon als größter Raum etwa zwölf. Mehr Platz brauchen wir nicht, um gut zu leben.

Habt Ihr noch so etwas wie Sehnsuchtsziele?
Heike: Eigentlich nicht.
Herwig: Südsee, Neuseeland, Patagonien.

Kann man zusammenfassend sagen, was Ihr von anderen Kulturen lernt?
Heike: Wir haben viele Länder bereist. Je südlicher wir kamen, desto eindrucksvoller und anders leben die Menschen. Häufig vermittelt sich durch die einfachere Lebensweise eine ausgeglichenere, freundliche und zufriedenere Stimmung.
Herwig: Leider erleben wir aber in fast allen Ländern eine Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt je weiter südlich, desto deutlicher.

Ändert sich durch das lange Unterwegssein der Blick auf Deutschland?
Herwig: Ja, sicherlich. Der Perfektionismus weicht aus unserem Alltag. Es werden sich, mit Abstand betrachtet, in Deutschland oft Gedanken über Nichtigkeiten gemacht und aufgebauscht.
Heike: Politisch sind wir erschrocken über die Entwicklung. Wir entnehmen unsere Informationen natürlich nur den Medien. Wie sieht das Leben wirklich auf den Straßen aus?

Herwig, als alter HSV-Fan, weißt Du, wie der Verein spielt? Interessiert Dich das noch?
Herwig: Na klar. Wir versuchen bei fast jedem Spiel per Internet dabei zu sein. Die HSV-Flagge ist (meistens) gehisst! Ich habe zwei dabei, eine ist mittlerweile zerschlissen.

Fehlt Euch nicht der persönliche Austausch mit Familie und Freunden über Alltag und Erlebnisse?
Heike: Die Kommunikation lässt sich ja heutzutage eng aufrecht erhalten. Wir kommunizieren mit der Familie und den langjährigen Freunden sehr viel. Das genießen wir sehr. Natürlich besonders beim Heimaturlaub, den wir uns ab und zu gönnen.
Herwig: Aber hier muss ich ergänzen, dass wir in den vergangenen viereinhalb Jahren unseres neuen Lebens viele nette Menschen aus vielen Ländern getroffen haben, mit denen wir den Kontakt halten.
Heike: Häufig trifft man sich wieder, wenn die Routen sich kreuzen. Diese Community unter den Langfahrtseglern ist unglaublich schön.

Was vermisst Ihr?
Heike: Nix.
Herwig: Skilaufen im Winter.

Gibt es so etwas wie ein schönstes Erlebnis?
Herwig: Gesund zu sein und unseren Traum leben zu können.
Heike: Die Freundlichkeit der vielen Menschen an Land. Kinder, die man auf den Arm nimmt. Hilfe von den Menschen, die uns umgeben.

Und gab es gefährliche Situationen?
Herwig: Die gab es schon, an Land wie auf dem Wasser, aber zum Glück nicht so, dass wir sie nicht meistern konnten.
Heike: Wir haben Zeit, sind vorsichtig. Gewitter und Sturm am Ankerplatz sind natürlich doof, oder wenn wir dann gerade auf dem Wasser sind.

Dachtet Ihr mal an einen Abbruch?
Herwig: Nein.

Würdet Ihr es genauso wiedermachen?
Heike: Ja.

Habt Ihr darüber nachgedacht, wie lange Ihr weiter die Welt besegelt?
Heike: So lange wir Lust haben und vor allem gesund bleiben.
Herwig: Da sind wir uns total einig.

Könnt Ihr Euch überhaupt vorstellen, wieder an Land zu leben?
Beide: Jein.

Von Hans-Martin Koch