Samstag , 24. Oktober 2020
Mit diesem Bully war Christian Hempel (links) für das Hörspiel unterwegs, mit an Bord sein Freund Stefan Schliephake. Foto: t&w

Der Mann mit den Tics

Lüneburg. Ein bisschen geahnt hatten sie schon, dass es mit dem Preis etwas werden könnte. Also setzten sich Christian Hempel und Stefan Schliephake in den VW-Bus, wollten nach Karlsruhe fahren. Endstation war Soltau Ost. Der Bully streikte. Wenige Stunden später wurde das WDR-Hörspiel „Chinchilla Arschloch, waswas“ mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD in Karlsruhe ausgezeichnet. Protagonist des Hörspiels ist der am Tourette-Syndrom erkrankte Lüneburger Christian Hempel, der mit seiner Tochter Phillis eben mit jenem Bus auf Tour geht und dabei berichtet, wie man sich mit Tourette durchs Leben bewegt.

Seit mehr als 20 Jahren hat der Lüneburger es sich zur Aufgabe gemacht, über die Erkrankung aufzuklären. Denn Tics begleiten sein Leben. Er stößt Schimpfwörter aus, durchaus auch obszöne, er macht adhoc Schlenker mit Beinen und Armen. Christian Hempel ist seit vielen Jahren als Tourette-Experte in den Medien gefragt. Das sorgte für Aufklärung – aber nicht bei allen. Als Nachbarn vor mehr als zehn Jahren ein Gerichtsverfahren gegen ihn anstrebten, er solle die Tics unterlassen, scheiterten die Kläger zwar. Aber Hempel zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Die Qualität der Konfrontation sei zu massiv gewesen, umschreibt er. „Ich war müde geworden, mich zu erklären.“

Auftrag vom WDR

Doch jetzt ist er mit Tourette auf großer Bühne. Wie das kam, schildern Hempel und sein bester Freund Stefan Schliephake so. Es begann damit, dass die freie Theatergruppe Rimini Protokoll, die international unterwegs ist, Hempel für ein Stück gewinnen wollte. „Denn die holen Experten des Alltags auf die Bühne, wollten Christian in ein Stück einbauen“, erzählt Schliephake, der Theaterpädagoge bei der Lebenshilfe ist. Live auf die Bühne? Das kam für Hempel zu jenem Zeitpunkt nicht in Frage. Zweiter Anlauf. Helgard Haug, Mitglied der Autoren/Regie-Gruppe Rimini Protokoll, schlug ein Hörspiel zu dem Thema vor. Gemeinsam mit dem Radio-Journalisten Thilo Guschas erhielt sie den Auftrag vom WDR.

Dass mit dem Hörspiel kam bei Hempel besser an. „Ich dachte, ich sitze schön auf dem Sofa. Allerdings war ich auch in Sorge, dass ich dem Schnitt ausgeliefert wäre.“ Mit Schliephake habe er dann lange diskutiert, ob er sich darauf einlassen solle. Er sagte schließlich zu. Mit dem Sofa wurde das allerdings nichts, es hieß Platz nehmen im Bully. Am Steuer Schliephake, daneben Hempels Tochter Phillis und Thilo Guschas. Dahinter im gut abgepolsterten Bereich, getrennt durch eine Polycarbonatglas-Scheibe (Schutz bei motorischen Tics), saß Hempel. Auf der Fahrt nach Berlin und Sylt sprechen Vater und Tochter (13) über das Tourette-Syndrom, über die Reaktionen der Menschen auf die unkontrollierten Schimpfwortausbrüche und was das mit Hempel macht. Ein Tic gibt schließlich dem Hörspiel den Titel.

Liebeserklärung an die Andersartigkeit

Insgesamt 14 Stunden Material. „Der Schnitt war super.“ Rausgekommen sei eine Liebeserklärung an die Andersartigkeit, wertet der Lüneburger. Die Jury lobt das Hörspiel als „klug und vertrauensvoll“. Der Protagonist baue eine Brücke zu allen Menschen, „deren Besonderheiten nicht der Norm entsprechen, einer Norm, die längst abgeschafft gehört“.

Schon während des Schnitts kam Helgard Haug erneut auf Hempel zu. Das Material sei unglaublich und sie habe eine konkrete Anfrage für ein Theaterstück. Der Lüneburger winkte erst einmal ab. Es war nicht nur die Angst, auf die Bühne zu gehen, sondern auch die Frage: Wie sollen Proben außerhalb von Lüneburg wochenlang funktionieren, wenn Hotelzimmer oder Wohnung nicht entsprechend der Bedürfnisse eines Tourette-Betroffenen ausgestaltet sind. „Und ich wollte mich begleiten lassen von Stefan, weil ich mich nicht allein versorgen kann.“ Rimini Protokoll habe alles perfekt gelöst.

Uraufführung war im vergangenen April in Frankfurt. „An drei Personen wird geschildert, wie unterschiedlich sich Tourette äußert und wie Isolation aufgrund von Andersartigkeit überwunden werden kann. Gemeinsam mit der Musikerin Barbara Morgenstern ist das eine wunderbare Produktion geworden.“ Die nun auf Tour geht im kommenden Jahr. Berlin, Hannover, Düsseldorf, München und Brüssel sind nur einige Stationen. Was Hempel und Schliephake allerdings dringend brauchen, ist ein neuer Bus.

Weitere Informationen gibt es auf www.tourette.de, die Internetseite hat Christian Hempel vor Jahren ins Leben gerufen.

Von Antje Schäfer

Hintergrund

Keine Heilung möglich

Das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (kurz Tourette-Syndrom) ist eine angeborene neuropsychiatrische Erkrankung. Hauptmerkmale sind unwillkürliche Bewegungen (Tics, von französisch tic ‚nervöses Zucken‘) und Tic-artige Laute oder sprachliche Äußerungen. Einfache motorische Tics können sich als Augenblinzeln, Naserümpfen, Kopfwerfen oder Grimassenschneiden äußern. Vokale Tics sind das Ausstoßen von bedeutungslosen Lauten, Husten, das Nachahmen von Tiergeräuschen, aber auch das Herausschleudern obszöner und aggressiver Ausdrücke. Die Tic-Störungen können weder geheilt noch ursächlich behandelt werden.