Sonntag , 27. September 2020
Die Polizei kontrollierte gestern in Hamburg und im Umland Autofahrer sowie hier bei Hohnstorf. Auch mobile Streifen hielten Fahrer an. Hintergund ist die Einbruchskriminalität. Die Kontrollen bringen den Ermittler auch Bewegungsbilder möglicher Täter. Ergebnisse sollen heute vorliegen. (Foto: be)

Kampf gegen das Verbrechen

Lüneburg. Clans machen ihre Geschäfte, die Mafia ist an der Ilmenau ebenso vertreten wie andere Formen der organisierten Kriminalität. Dazu kommen die üblichen Kleinkriminellen. Für alle könnte es jetzt etwas ungemütlicher werden, Lüneburgs neuer Polizeichef Jens Eggersglüß will offensiver gegen Auswüchse und Strukturen vorgehen. Im Heidekreis besteht die Aktion Räderwerk. Dort arbeiten verschiedene Behörden im Kampf gegen das Verbrechen enger zusammen, Lüneburg könne von dem Projekt „Anleihen“ nutzen. Praktiker verweisen darauf, dass sie das lange tun, allerdings eher hinter den Kulissen. Der Polizeidirektor, der seinen Posten vor zwei Wochen angetreten hat, will Zeichen setzen: für den Bürger, aber auch für die, die sich nicht ans Gesetz halten.

Organisierte Kriminalität

Ihm kommt gelegen, dass das Land neue Beamte einstellt: „Die kommen langsam auch in der Fläche an.“ Mit mehr Polizisten ist mehr möglich, zum Beispiel mehr Verkehrskontrollen. Wer in zweiter Reihe an der Bardowicker Straße oder verbotenerweise vor einer Shisha-Bar parkt, muss damit rechnen, künftig eher ein Ticket zu kassieren. Das gelte auch für die, die meinen, ohne Ausnahmegenehmigung über den Sand oder durch die Salzstraße fahren zu können. Dafür wurde die sogenannte Verfügungseinheit aufgestockt, quasi die schnelle Allzweckwaffe der Polizei. Die Kontrollen haben nicht nur repressiven Charakter, da Daten festgehalten werden, weiß die Polizei, wer wann mit wem unterwegs ist – da können Ermittler im Zweifelsfall Verbindungen erkennen. Eggersglüß weiß, dass er personell trotzdem an Grenzen kommt. „Wir können das nicht jeden Tag machen, aber schwerpunktmäßig.“

Das ist nur ein Ansatzpunkt. Der zweite betrifft die Strukturen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass einige zwielichtige Akteure, mal sichtbar, mal verdeckt, längst in der legalen Wirtschaft Fuß gefasst haben: in der Gas­tronomie, im Bereich der Schönheitspflege, auf dem Immobilienmarkt. Eben hier soll das behördliche Räderwerk greifen. Eggerglüß nennt ein Beispiel: Wenn die Polizei eine Shisha-Bar kontrolliert, holt sie Zoll, Gewerbe- und Bauaufsicht dazu. Da können die Ermittler dann nicht nur auf die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes achten, sondern auch, ob der Tabak versteuert ist oder Vorschriften für Abluft eingehalten werden: „Im Zweifel ist der Laden erst mal dicht.“

Politische Gefährdungen

Gerade hat der Niedersächsische Städtetag eine Studie präsentiert, nach der Beleidigungen, Bedrohungen und Übergriffe in Ämtern zunehmen. Auch Kräfte im Rettungsdienst und der Feuerwehr werden häufig attackiert. Dazu kommen politische Gefährdungen von Rechts- und Linksextremisten sowie Islamisten.

Im kommenden Frühjahr will Eggersglüß lokale Akteure einladen, um zu zeigen, „als Polizei sind wir Euer Ansprechpartner“. Zum einen will er so auf Präventionsangebote hinweisen, die bereits bestehen, aber eben auch zusätzliche Hilfe anbieten.

Auf die Frage, wie groß eine mögliche terroristische Bedrohung in der Region ist, antwortet der 58-Jährige: „Es gibt auch hier Gefährder.“ Die habe die Polizei, soweit bekannt, im Auge. Doch eine konkrete Gefahr sei nach derzeitiger Einschätzung nicht auszumachen. Die Betonung liegt auf derzeitig.

Sicherheit auf den Straßen

Verkehr ist ein weiterer Schwerpunkt im Konzept des Polizeichefs. Auf der Bundesstraße 4 in Richtung Uelzen kommt es immer wieder zu schweren, oft tödlichen Unfällen. „Wir haben die Überwachung verstärkt.“ Regelmäßig misst die Polizei dort die Geschwindigkeit, um sozusagen durch Abschreckung bremsend zu wirken. Auch sei die Polizei mit dem Straßenbauamt und den Kreisen im Gespräch, um Gefahrenpunkte womöglich baulich umzugestalten. Um etwas für das Sicherheitsgefühl zu tun, möchte die Polizeiführung die fünf Kontaktbeamten künftig mit E-Bikes ausstatten und verstärkt auf die Straße bringen: „So sind die Kollegen besser ansprechbar.“ Allerdings ist zu hören, dass die Kobs viel am Schreibtisch sitzen, ihre Kollegen binden sie für sogenannte Aufenthaltsermittlungen ein. Einer sagt: „Das frisst viel Zeit.“ Das weiß auch der Polizeichef: „Daran müssen wir arbeiten.“

Zur Person

Mensch und Amt

Der gebürtige Lüneburger Jens Eggersglüß hat seinen Dienst bei der Polizei 1979 angetreten, in der Hansestadt hat er unter anderem den Einsatz- und Streifendienst durchlaufen. Es folgten verschiedene Stationen, unter anderem sechs Jahre als Polizeichef in Stade. In Lüneburg hatte er zum Jahreswechsel 2018/2019 den damaligen Inspektionsleiter Hans-Jürgen Felgentreu für ein halbes Jahr vertreten. „Felge“, wie er unter seinen Kollegen heißt, war ins Innenministerium abgeordnet worden, er ist gerade als Vize-Polizeipräsident berufen worden. Nun ist Eggerslüß Chef der Inspektion Lüneburg, mit 4000 Quadratkilometern und 320 000 Einwohnern eine der größten in Niedersachsen, zu der die Landkreise Lüneburg, Uelzen und Lüchow-Dannenberg gehören. Mehr als 600 Mitarbeiter versehen in Kommissariaten sowie 21 Polizeistationen ihren Dienst.

Von Carlo Eggeling