Immer freundlich und zugewandt bedient Michael Sachse die Kunden in der Ausgabestelle. Foto: t&w

„Die Tafel ist wie ein Stück Familie“

Lüneburg. Die ersten Kunden stehen bereits eine halbe Stunde vor der Eröffnung vor der Tür. Drinnen in der Ausgabe türmen sich in Regalen verschiedene Brote, in einem Tresen sind Brötchen und Croissants appetitlich geschichtet. Gleich daneben in einem Kühltresen liegen abgepackte Wurst, Käse, Salate, Milch, Butter und vieles mehr. In der Obst- und Gemüseabteilung arrangiert Michael Sachse mit anderen Ehrenamtlichen die Kisten. Der 48-Jährige ist zweimal pro Woche bei der Lüneburger Tafel tätig.

Keine Ausbildung, zwar immer wieder Jobs, aber dann auch wieder arbeitslos. „Mit 360 Euro zum Leben im Monat muss man gucken, wie man über die Runden kommt“, sagt Sachse, der Hartz-IV bekommt. 2012 ist er das erste Mal zur Tafel gegangen. „Der Schritt dorthin war beschämend, man muss über seinen Schatten springen.“ Erzogen worden sei er so, dass man sparsam leben und Geld für schlechte Zeiten zurücklegen müsse. „Aber das hat wohl nicht so geklappt“, sagt der Mann mit dem freundlichen Blick wie im Selbstgespräch. Erst sei er unregelmäßig, dann regelmäßig Kunde der Tafel gewesen. Eine Zeit, in der ein Schatten auf sein Leben fällt. Er erkrankt an Krebs.

Bäckereien, Supermärkten, Einzelhändlern

Immer wieder Bewerbungen schreiben, häufig Absagen bekommen, das nagt an einem. Im Juli 2015 dann eine Chance. Er bekommt einen Ein-Euro-Job bei der Tafel. Zuerst fährt er im Transporter mit, mit dem von montags bis freitags Lebensmittel eingesammelt werden – bei Bäckereien, Supermärkten, Einzelhändlern, mittwochs auf dem Lüneburger Markt sowie im Großlager von Edeka in Zarrentin und Rewe in Stelle. Er ist glücklich, als der Ein-Euro-Job noch einmal um ein halbes Jahr verlängert wird. Danach schnuppert er in die unterschiedlichen Gruppen rein, die ehrenamtlich an den Ausgabe-Tagen Dienstag bis Freitag tätig sind. Sachse bleibt dann, wie er sagt, „am Dienstag und Donnerstag hängen. In den Gruppe habe ich mich besonders wohlgefühlt.“

Aber es ist nicht nur das, was er an der Tafel schätzt. Über sein Gesicht huscht ein Lächeln: „Es tut gut, wenn man gebraucht wird und auch mal ein Dankeschön zu hören bekommt von den netten Kollegen und Kunden.“ Auch bei schwierigen privaten Problemen konnte ich mir vom Vorstand immer Hilfe und Rat holen. Die Tafel ist wie ein Stück Familie“, sagt der alleinstehende Mann.

Einer von 74 Ehrenamtlichen

Bei der Tafel hat er in diesem Jahr eine neue Aufgabe übernommen. „Nachdem eine Dame, die fest angestellt hier geputzt hat, den Job aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weitermachen konnte, bin ich nun Putzmann bei der Tafel“, freut sich Sachse. Natürlich arbeitet er in der Ausgabe weiter, nutzt sie auch als Kunde. Seit Anfang November müssen die Kunden allerdings auf ihn verzichten. Sachse nimmt an einer Eingliederungsmaßnahme teil, so ist es vom Job-Center vorgegeben. Aber er bleibt „seiner Familie“ immerhin so weit erhalten, dass er den Putz-Job weitermachen will.

Michael Sachse ist einer von 74 Ehrenamtlichen, die sich bei der Lüneburger Tafel engagieren. „Es sind Mitglieder, Helfer sowie Helfer, die selber in eine schwierige wirtschaftliche Lage geraten sind“, sagt Konstanze Dahlkötter, Vorsitzende der Lüneburger Tafel. Zirka 400 Kunden suchen pro Woche die Ausgabestelle auf, „dahinter stehen etwa 1200 Menschen“, verdeutlicht Dahlkötter, die sich selber seit zehn Jahren für die Einrichtung engagiert. Zu den Kunden gehören Deutsche wie auch Menschen mit Migrationshintergrund. Betroffen mache sie, dass auch viele junge Menschen die Tafel ansteuern. Aber auch, wenn sie merkt, dass es alte Menschen aus Scham große Überwindung kostet, das Angebot anzunehmen. Manch heftiges Schicksal erfährt sie in Gesprächen, wenn sich Neukunden registrieren lassen. Grundlage ist ein geringes Einkommen, das sich an den Hartz-IV-Sätzen orientiert. Pro Einkauf ist ein obligatorischer Euro zu zahlen. Dahinter steckt die Überlegung, dass mancher es beschämend empfindet, wenn es Waren umsonst gibt, also Almosen sind.

Die eingesammelten Waren werden sortiert, geprüft auf Haltbarkeit, zum Teil in Kühlschränken gelagert und an den Ausgabetagen ansprechend platziert. Das Ganze wirkt ein bisschen wie ein Tante-Emma-Laden. „Und jeder kann sich auswählen, was er mag und wirklich braucht. Das ist uns wichtig, damit nichts im Müll landet. Denn wir möchten einen Ausgleich zwischen Mangel und Überfluss schaffen.“

Von Antje Schäfer

Zum Thema

Hilfe seit 1995

Die Lüneburger Tafel wurde 1995 mit als eine der ersten Tafeln in Deutschland gegründet. Ohne Händler, Discounter und Marktbeschicker, die Lebensmittel zur Verfügung stellen, wäre die Arbeit nicht möglich. Alle Tafelmitarbeiter, egal ob Rentner, Hausfrau oder Berufstätige, engagieren sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich und erhalten dafür keine Bezahlung.
Weitere Infos unter www.lueneburger-tafel.de