Sonntag , 1. November 2020
Adel Sultan fühlt sich in seiner neuen Heimat wohl. Foto: t&w

Neustart in Lüneburg

Lüneburg. Im Sommer und im Herbst 2015 erreichten fast 900.000 Asylbewerber Deutschland. Einer von ihnen: Neu-Lüneburger Adel Sultan. Wie es ihn in die Salzstadt verschlug, erzählt er in einem Café am Sande in fast einwandfreiem Deutsch.

Als 2011 der Krieg in Syrien begann, konnte der 33-jährige in seiner Heimatstadt Quamischli im Norden des Landes noch relativ lange ein fast normales Leben führen. Nach dem Abitur hatte er bei der Eisenbahn eine Ausbildung gemacht, parallel Betriebswirtschaftslehre studiert.

Die Situation in Syrien sei wellenartig verlaufen, berichtet er. „Mal war es sehr schlimm, dann hat die Lage sich wieder beruhigt.“ Bis 2014 hatte er vor, in Syrien zu bleiben. „Eines Tages bekam ich dann einen Beschluss von der Armee, dass ich kämpfen sollte. Als Soldat im schlimmsten Fall Menschen zu erschießen, das konnte ich mir einfach nicht vorstellen.“

„Teilweise krochen wir auf allen Vieren“

Adel Sultan tauchte unter, ganze zwei Jahre. „Aber dann wurde ich aufgespürt, es hätte kein Entrinnen mehr für mich gegeben. Da wurde mir bewusst, dass ich das Land verlassen muss.“ An seine gefährliche Reise Anfang 2015 denkt er nur ungern zurück. Von Nordsyrien ging es in die Südtürkei, zu Fuß im Dunkeln. „Es waren so viele Grenzposten unterwegs, die alle Flächen durchleuchteten. Teilweise krochen wir auf allen Vieren“, erinnert er sich. Eine Woche brauchte er, um nach Istanbul zu gelangen. Dort blieb er einige Monate, erhielt aber keine Aufenthaltsgenehmigung.

Also musste die Reise weitergehen. Mit einem Schlauchboot machten Sultan und andere Flüchtlinge sich auf den Weg nach Griechenland. Davon zu sprechen fällt ihm schwer. Er kann nicht schwimmen. Acht Menschen hätten an Bord gehen dürfen, doppelt soviele waren es.

„Ich kann die Situation nicht erklären, das werde ich nie vergessen. Ich hasse Wasser bis heute.“ Das Boot habe unterwegs viel Luft verloren, deshalb habe der Fahrer das Tempo angezogen. „Dabei sind zwei Jungen über Bord gegangen. Der Fahrer meinte, dass wir nicht umdrehen könnten, weil wir sonst alle ertrinken würden.“ Zum Glück seien die über Bord gegangenen Jungen von der griechischen Wasserpolizei gerettet worden.

„Ich hatte Angst vor meinem neuen Leben“

Zwei Wochen nach seiner Ankunft in Griechenland, am 15. September 2015, erreichte Adel Sultan Deutschland. Braunschweig, eine Stadt von der er noch nie zuvor gehört hatte. „Ich war glücklich, traurig, alles zusammen. Ich hatte Angst vor meinem neuen Leben, aber ich wusste auch, dass der erste Schritt geschafft ist.“

Aus dem Auffanglager wurden die Flüchtlinge schließlich aufgeteilt, Adel Sultan nach Lüneburg geschickt. Nach drei Monaten wurde sein Asylantrag bewilligt. Sultan begann Deutsch zu lernen, besuchte jeden Tag den Unterricht, profitierte von vielen Willkommensinitiativen.„Ich habe großes Glück gehabt. Ich habe tolle Leute kennengelernt, die immer für mich da gewesen sind, mir geholfen haben die Sprache zu lernen und auch einen Job zu finden.“ Seit August 2018 macht Adel Sultan eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik bei der Firma Deerberg Logistik in Lüneburg. „Die Arbeit macht mir Spaß, sie ähnelt meiner Arbeit in Syrien.“ Aber die Berufsschule sei ihm wegen der Fachbegriffe zunächst sehr schwer gefallen. „Ich habe aber mit 2,7 abgeschlossen, befriedigend“, sagt er stolz.

Viele Kontakte geknüpft

Obwohl er sich in Lüneburg wohlfühlt, vermisst Sultan seine Familie, die Freunde und das Miteinander in seiner Heimat sehr: „ Zuhause besucht man sich einfach, wenn man Sehnsucht nacheinander hat. Wir sind immer zusammen. Hier ist es komisch, einfach an der Tür zu klingeln. Zwei von drei Deutschen sagen immer, sie haben keine Zeit.“ Eine Art Ersatzfamilie hat er im Café International der katholischen St. Mariengemeinde gefunden. Das „Café International“ bietet Lüneburger Bürgern und Asylbewerbern regelmäßig Gelegenheit, miteinander in Kontakt kommen, sich mit Händen und Füßen und den ersten Brocken Deutsch zu verständigen und so auf beiden Seiten Hemmschwellen abzubauen. „Hier habe ich viele Kontakte knüpfen können, es findet ein toller Austausch statt.“

Gemeinsam haben Einheimische und Flüchtlinge zum Beispiel einen Stadtführer auf Arabisch und auf Deutsch geschrieben, in dem auf 60 Seiten aufgelistet ist, was vor allem neu in Lüneburg Angekommene wissen sollten. Im vergangenen Jahr wurde im Café International ein Kurzfilm gemeinsam mit Schauspielern der Telenovela „Rote Rosen“ gedreht, in der Hauptrolle: Adel Sultan.

Von Lea Schulze