Sonntag , 27. September 2020
Das Haus Beim Benedikt wurde als Zuchthaus errichtet, doch es hatte viele Nutzungen erlebt. Heute sind dort Menschen untergebracht, die ihre Wohnungen verloren haben. Das Gebäude wurde in der Vergangengheit umgebaut. Foto: A/be

Eine Herberge für viele Menschen

Lüneburg. Die Männer leben in „Schachteln“ – 2,50 Meter lang, 1,50 Meter breit und 1,85 Meter hoch. Darin ein an der Wand befestigtes Bett, ein Klapptisch nebst Bank, ein Brett für einen Essnapf. Die Norddeutsche Zeitung, ein „Organ der Kommunistischen Partei“, beschreibt 1928 das Lüneburger Zuchthaus am Kalkberg. Ein „Genosse“ sitzt dort ein, wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ hatte ein Gericht den Arbeiterfunktionär 1925 zu drei Jahren Knast verurteilt. Der verbüßt nicht nur seine Strafe, die er selbstverständlich als ungerecht empfindet, sondern schreibt eine scharfe Analyse und Bestandsaufnahme des Systems. Werner Preuß hat die gut 90 Jahre alten Zeilen aufgespürt. Der Lokalhistoriker mit Lehrauftrag an der Uni beschäftigt sich in den Aufrissen, dem Heft des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt (ALA), mit der Geschichte der ehemaligen Kettenstrafanstalt, in der der Lebensraum Diakonie Wohnungslose unterbringt und ihnen hilft, in ein normales Leben zurückzufinden.

Häftlinge schufteten nebenan im Steinbruch

Der Bau diente einst dazu, Häftlinge unterzubringen. Sie arbeiteten unter anderem im Steinbruch am Kalkberg. Erbaut wurde die Anlage Beim Benedikt 10 zwischen 1837 und 1841, notiert Doris Böker in ihrer Denkmaltopographie. 1877 folgte der Zellenflügel 11/11a. 1921 stellte das Land den Gipsabbau ein, Häftlinge kamen nach Celle. Bis 1939 nutzte die Jugendherberge das Ensemble. 1968 übernahm der Herbergsverein einen Teil der Häuser und nutzt sie bis heute.

Preuß hat auch in den Lüneburgschen Anzeigen geblättert, dem Vorläufer der Landeszeitung. Dort schreibt Ulrich Werther im Juli 1931 unter der Überschrift „Vom Zuchthaus zur Jugendherberge“, dass das Haus als „Großjugendherberge eingeweiht“ wird. Andere Plätze für Neubauten seien verworfen worden. Durch Werthers Text zieht sich ein nationaler Ton mit Pathos: „Als die Jugend durch die harte Schule und rauhe Schule des Krieges gegangen war, hatte sie den Sinn für solche Romantik verloren“, schreibt er mit einem Hinweis auf die Wandervogelbewegung. Nun stünden 130 Betten für Wanderer parat, im oberen Geschoss könnten Jungen nächtigen, darunter die Mädchen. „Vom Zuchthaus zur Jugendherberge, dies kann symbolhaft gedeutet werden und hat seine innere Bedeutung auch für den Wiederaufstieg unseres Vaterlandes, dem nicht zuletzt auch dieses Werk dient.“

Heim für Flüchtlinge

Der „Wiederaufstieg des Vaterlandes“ war später mit Terror und Krieg verbunden. So richteten die Nationalsozialisten in der Stadt mehrere Lager für Zwangsarbeiter ein, die sie aus besetzten Ländern ins „Reich“ verschleppt hatten. In der Herberge wurden „Ostarbeiter“ untergebracht, die in „kriegswichtigen Betrieben“ arbeiten mussten.

Nachdem das Tausendjährige Reich nach zwölf Jahren zusammengebrochen war, wurde aus der Herberge ein Heim für Flüchtlinge. Anfang 1949 lebten dort 130 Menschen, 1951 ist die Zahl laut eines Berichts der LZ auf 161 gestiegen, 1957 ist eine Zahl von 40 Flüchtlingsfamilien genannt. Preuß berichtet: „Die letzten zogen erst aus, als sich mit dem Bau von Kaltenmoor Anfang der 1970er-Jahre die Lage auf dem Wohnungsmarkt entspannte.“

Die Jugendherberge war derweil umgezogen ins benachbarte Kalkberg-Heim. Völkerverständigung war ein großes Anliegen Europas, nachdem Hitler-Deutschland die halbe Welt mit Krieg überzogen hatte. So notiert die LZ 1953, dass die Herbergseltern im Vorjahr 8000 Übernachtungen zählten, aber rund 12.000 Wanderer abgewiesen werden mussten, weil die Betten nicht ausreichten, „darunter auch Franzosen, Dänen und Schweizer“. Erst der Neubau der Jugendherberge am Bockelsberg, die im Sommer 1958 öffnete, habe die Lage verbessert.

ALA-Heft beschäftigt sich auch mit alter Musikschule

Weitere Themen im Heft sind das Bauprojekt in der ehemaligen Musikschule an der Münze, in dem Wohnen und Arbeiten verbunden werden sollen, dort hat auch das Haus der Kulturen, das Mosaique, eine Bleibe gefunden – ein Treffpunkt von neuen und alten Lüneburgern.

Ausführlich geht es auch um die Geschichte Lüneburgs als Kurstadt und die vielen Pensionen, die damals nahe dem Kurpark lagen. Die letzte ist gerade verschwunden – wie die Vorgänger für Neubauten. Die LZ hatte den Wandel kürzlich beleuchtet.

Das Heft ist über den ALA zu beziehen. Weitere Informationen gibt es unter (04131) 267727.

Von Carlo Eggeling