Freitag , 25. September 2020
Ju-Jutsu-Trainerin Nina Kluge kann sich der Wertschätzung beim KS Lüneburg gewiss sein. Foto: t&w

„Kein Bock ist kein Argument“

Lüneburg. Nach einigen Runden Burpees, die sie alle tapfer mitmacht, lächelt Nina Kluge immer noch. Einige aus ihrer Trainingsgruppe „pumpen“ dagegen schon ganz schön, hin und wieder geht ein verstohlener Blick zur Uhr. Es ist kurz vor 20 Uhr in der Kalkberghalle des KS Lüneburg. Gleich ist das Training der Ju-Jutsu-Gruppe vorbei. Aber gleich heißt nun mal nicht sofort. „So, und jetzt noch Kniebeugen“, ruft Nina Kluge und übertönt die Rockmusik aus dem Ghettoblaster. „Oh nein“, hört man jemanden aus der Gruppe stöhnen.

Zusammen mit Fabian Röber ist Nina Kluge so etwas wie das Herz der Ju-Jutsu-Abteilung im KS Lüneburg. Das Duo trainiert die Kämpferinnen und Kämpfer seit vielen Jahren gemeinsam. Beide sind Dan-Träger (Nina Kluge 3. Dan, Fabian Röber 1. Dan), beide geben ihre Fähigkeiten und Erfahrungen aus vielen Jahren Wettkampf an die nachfolgende Generation weiter. „Weil es einfach Spaß macht“, erklärt Nina Kluge, „ich sage immer zu unseren Sportlern: ‚Habt Spaß, egal, ob wir verlieren oder gewinnen.‘“

„Es macht einfach Spaß, Sportler zu formen“

Dabei hätte die 35-Jährige aus Bardowick sicher jedes Recht, ohne Gewissensbisse auf die Trainertätigkeit zu verzichten. Sie ist junge Mutter und arbeitet als Krankenschwester im Schichtdienst. „Ich habe einen kulanten Arbeitgeber und kann mir die Schichten am Montag, wenn wir Training haben, so einteilen, dass es passt“, erklärt sie.

Auch ihr Trainerkollege Fabian Röber (29), der schon mit 15 Jahren erste Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt hat, zieht viel Freude aus der Tätigkeit mit anderen jungen Ju-Jutsuka: „Es macht einfach Spaß, Sportler zu formen. Und wenn sie dann erfolgreich sind, ist es genau so schön, als hätte man selbst gewonnen.“

Bei aller Betonung des Begriffes „Spaß“ – was Nina Kluge und Fabian Röber beim KSL machen ist keine Fun-Veranstaltung, es ist Leistungssport. Sie stellen hohe Anforderungen an ihre Schützlinge und an sich selber. Mit Erfolg: In den vergangenen Jahren holte die Ju-Jutsu-Abteilung zahlreiche deutsche Meistertitel und Top-Platzierungen bei hochkarätigen Turnieren. So wurden Sarah Marie Gäthke und Laura Müller je drei Mal deutsche Meisterinnen, in diesem Jahr holten Pauline Gäthke, Henriette Habermann und Victoria von Spreckelsen DM-Titel für den KSL.

„Die Trainingspläne müssen schon erfüllt werden“

Nina Kluge und Fabian Röber sind bestimmt keine Schleifer, aber sie verlangen Leistungsbereitschaft. „Die Trainingspläne müssen schon erfüllt werden“, erklärt Nina Kluge, „aber natürlich kommt es immer auch auf den Grund an, wenn jemand nicht zum Training kommt. Man kann mit diesem Sport kein Geld verdienen. Schule und Arbeit gehen immer vor.“ Röber sieht es ähnlich: „Wir machen alles in Absprache mit den Sportlern und wollen niemanden verheizen. Aber kein Bock ist kein Argument. Man muss einfach realisieren, dass wir bei Turnieren das Aushängeschild des Vereins sind.“

Die Sicht von Nina Kluge und Fabian Röber auf Ju-Jutsu geht indes über den reinen Sport hinaus. Während der Sportlergala 2016, seinerzeit noch im Vamos, beeindruckte das Trainer-Duo und seine Gruppe mit einer viel beachteten dreiteiligen Bühnenperformance zum Thema „Zivilcourage und Selbstverteidigung“. Die drei Abschnitte inhaltlich in Kurzform. 1. Teil: Eine ältere Dame wird auf der Straße belästigt, ihr wird von Ju-Jutsu-Sportlern geholfen. 2. Teil: Die Dame geht selber zum Training. 3. Teil: Die Damen kann sich selber verteidigen und wehren.

„Es ist nie zu spät anzufangen“, sagt Nina Kluge und ergänzt: „Die Fähigkeit zur Zivilcourage entwickelt sich aus dem Sport selbst heraus.“ Ihr Trainerkollege sieht es so: „Dieser Sport vereint verschiedene Mentalitäten. Dazu gehört Fitness genau so wie Zivilcourage.“

„Wir sind nur im Wettkampf Konkurrenten“

Dabei ist es Fabian Röber, von Beruf Physiotherapeut und künftig Medizinstudent am UKE in Hamburg, wichtig zu betonen, dass beim Sport Ju-Jutsu Fairness das oberste Gebot ist. „Wir verhauen uns beim Sport, trinken aber danach ein Bier zusammen. Wir sind nur im Wettkampf Konkurrenten.“

Diese Konkurrenz wird immer stärker, was auch die KSL-Kämpfer zu spüren bekommen. Und wenn es denn mal eine Niederlage auf einem Turnier gibt, sind die Trainer auch mal als Seelentröster gefragt. „Man weiß schon, wen man nach einer Niederlage erstmal in Ruhe lassen und wen man gleich in den Arm nehmen muss“, erzählt Nina Kluge. Sie und Fabian Röber versuchen, bei wichtigen Wettkämpfen immer zu zweit präsent zu sein. „Wir verstehen uns als Team“, sagt Röber.

Nina Kluge und Fabian Röber geben ihre Begeisterung für den Sport mit Engagement und Leidenschaft an andere weiter – und leisten damit Vorbildliches für die Gesellschaft.

Von Matthias Sobottka