Montag , 28. September 2020
Dr. Leon Windscheid, Psychologe, Bestseller-Autor und Wer-wird-Millionär-Gewinner, kommt nach Lüneburg. Foto: Daniel Witte

„Wir halten Langeweile gar nicht mehr aus“

Lüneburg. Er hat bei Günther Jauch die Millionen-Frage richtig beantwortet, dadurch wurde Dr. Leon Windscheid einem größeren Publikum bekannt. Doch der Psycholo ge und Wer-wird-Millionär-Kandidat ist auch als Buchautor äußerst erfolgreich und aktuell mit seinem ersten Live-Programm unterwegs. Dabei will er sein Publikum mitnehmen auf eine Reise zu den eigenen Gefühlen und Gedanken, die angesichts der Ablenkungen und Ereignisse der Umwelt vernachlässigt werden, heißt es in der Ankündigung. Am Sonntag, 17. November, ab 19 Uhr ist er in der Lüneburger Ritterakademie zu Gast. LZ-Mitarbeiterin Irene Lange hatte Gelegenheit, ihm vorab in einem Interview Fragen zu seinem Fachgebiet zu stellen: dem Gehirn.

Wie schafft es ein 26-Jähriger, auf dem Stuhl bei Jauch so cool auf die eine Million hinzuarbeiten?
Dr. Leon Windscheid: Die Coolness war ziemlich vorgespielt. Ich war sehr aufgeregt und hatte Lampenfieber, wusste aber aus der Psychologie, dass man sich auf solche Situationen vorbereiten kann und habe trainiert – auch mit der Hilfe meiner damaligen WG-Jungs.

Wenn es stimmt, dass unsere Hirne sich seit rund 300 000 Jahren nicht weiterentwickelt haben, hat dann in diesem Fall die Evolution versagt?
Zunächst einmal braucht die Evolution viel länger – Millionen Jahre. Somit können wir uns nicht auf sie verlassen; wir müssen uns selber anpassen. Ich stelle oft schockiert fest, dass viele Menschen Angst davor haben, zum Psychologen zu gehen. Sie gehen erst einmal zum Arzt. Ein großes Tabu ist immer noch der Gang zum Therapeuten. Wir unterschätzen unsere Herausforderungen und sind auf diesem Gebiet permanent indifferent. Nicht nur um unsere Körper müssen wir uns kümmern, sondern auch um unsere Hirne. Wenn wir aber nicht anfangen, auf unsere Psyche zu achten, wird die Welt uns überholen.

Liegt es dann nur an unserem „alten Hirn“, dass die meisten Menschen sich mit den Herausforderungen der heutigen Zeit so schwer tun oder gar nicht zurechtkommen?
Es geht um den Umgang mit diesem Hirn. Das Organ ist einfach da und erhält Prägungen und bestimmte Einstellungen von zu Hause. Aber man kann auch als Erwachsener sein Hirn noch stärker formen und verändern. Wenn man es nicht tut, braucht es sehr viel Glück, in dieser Welt zurechtzukommen. Wir lassen auch unsere Gefühle viel zu häufig außer Acht; dabei sind sie ein essentiell wichtiger Teil unserer psychischen Gesundheit. In meinem Podcast „Betreutes Fühlen“ widme ich mich wöchentlich zusammen mit Atze Schröder in jeder Folge einem bestimmten Gefühl. Wir nähern uns dem Thema auf unterhaltsame Weise an.

Haben wir vielleicht immer noch den Höhlenbewohner in uns und damit auch das Frauenbild: Herdfeuer hüten und für Nachwuchs sorgen und sich nicht an der Jagd beteiligen?
Da vermischen wir Natur und Kultur. Der Steinzeitmensch ist da. Aber was wir daraus machen, bestimmen wir mit unserer Kultur. Dazu gehört auch die Themen Geschlechtervielfalt und Frauen in Führungspositionen. Diesen Themen habe ich mich in meiner Doktorarbeit im Bereich Wirtschaftswissenschaften gewidmet. Frauen wird immer noch Durchsetzungsvermögen abgesprochen. Aber wenn es um Führung geht, sollte mehr Weiblichkeit gefragt sein, zum Beispiel soziale Stärke, Einsatz für andere, Verbindung von Leben und Arbeit. Was aktuelle Gegebenheit ist, Frauen nicht nach oben zu lassen, sie schlechter zu bezahlen, das ist eine Verfehlung, die wir uns nicht mehr erlauben sollten.

Warum ist der moderne Mensch ständig in Aktion? Die meisten können ohne ihr Smartphone ja gar nicht mehr existieren.
Wir haben verlernt, uns zu langweilen. Die Langeweile macht etwas mit dem Kopf. Wie Schmerz wird sie als nicht schön empfunden, daher der steigende Konsum von Schmerzmitteln. So halten wir auch das Gefühl Langeweile nicht mehr aus, sogar eine hohe Aversion dagegen besteht. Da muss ständige Berieselung Ablenkung schaffen. Lässt man Langeweile aber zu, wird man merken, dass der Kopf anfängt „herumzulaufen“ und die Kreativität gefördert wird.

Zur Person

Millionär und Bestseller-Autor

Als Sohn eines Lehrerehepaars wurde Max Leon Windscheid 1988 in Bergisch Gladbach geboren und wuchs in Solingen auf. Nach dem Abitur studierte er Psychologie in Münster und schloss dort sein Studium mit dem Master ab. Er machte sich als Eventmanager selbstständig. 2018 erschien sein Bestseller „Hey Hirn – Warum ticken wir, wie wir ticken?“. 2015 bis 2017 promovierte er im Bereich Wirtschaftspsychologie. Als Kandidat bei „Wer wird Millionär“ gewann Leon Windscheid 2015 eine Million Euro. Von dem Geld kaufte er sich ein Schiff als Event- und Kulturlocation. Es wurde in Anlehnung an den Moderator „MS Günther“ getauft. Mit Comedian Atze Schröder hat er einen wöchentlichen Podcast.