Donnerstag , 1. Oktober 2020
Frieder Kern (l.) und Peter Asmussen gehören zu denen, die sich dafür einsetzten, dass der Ehrenfriedhof wieder seinen ursprünglichen Charakter erhält. Landschaftsgärtner gestalten die Anlage um, auf Tafeln sollen die Namen der Opfer abzulesen sein. (Foto: be)

Eine lange Leidensgeschichte

Lüneburg. Es ist der Gedenkort eines der furchtbarsten Kriegsverbrechen in Lüneburg: das Mahnmal im Tiergarten. Dort wird an den Tod von KZ-Häftlingen erinnert. Sie kamen bei einem Bombenangriff auf den Bahnhof am 7. April 1945 um oder wurden später von Wachleuten ermordet.

Um den Ehrenfriedhof gab es eine lange Auseinandersetzung. Kritiker bemängelten, dass die Fläche mit einem Gedenkstein und von Rhododendren überwuchert, nicht mehr an ihre Bestimmung erinnere. Es dauerte, bis Politik und Verwaltung überzeugt waren, ein neues Konzept zu entwickeln.

Perspektivwechsel

Jetzt wird es umgesetzt. Landschaftsgärtner haben das Areal freigeräumt und legen sechs Reihen mit Grün an, sie ziehen sich wie Grabfelder hin. Selbst an einem regnerischen Novembermorgen und den Arbeiten strahlt der Ort eine andere Stimmung aus, weniger Park als Platz der Trauer und der Mahnung.

„Künftig sollen auch Lehrer mit ihren Schülern kommen und sich an diesem Ort mit Geschichte auseinander-setzen.“ – Frieder Kern, Mitglied Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes

Peter Asmussen von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und Frieder Kern gehören neben anderen, beispielsweise Manfred Messer und Hans-Jürgen Brennecke, zu denen, die sich für den Perspektivwechsel eingesetzt haben. Die beiden stehen neben dem Platz im Wald und freuen sich über den Sinneswandel. Das habe auch damit zu tun, dass es personelle Wechsel im Rathaus gegeben hat, vermuten sie. Mit dem neuen Leiter im Friedhofs-amt, Hans Hockemeyer, habe jemand mit „frischem Blick auf das Thema“ geschaut, sagt Asmussen. „Plötzlich gingen Dinge.“ Kern wünscht sich, dass künftig auch Lehrer mit ihren Schülern kommen und „sich an diesem Ort mit Geschichte auseinandersetzen“.

Offizielle Eingeweihung im Mai

Für den Volkstrauertag am Sonntag, 17. November, lädt die VVN um 10.30 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung auf dem Ehrenfriedhof ein. Zu erreichen ist er von Wilschenbruch aus über die Elsterallee und die Bahnbrücke oder vom Ende des Deutsch-Evern-Wegs über einen ausgeschilderten Weg.

Für die Stadt sagt Sebastian Koepke-Millon: „Bis zur Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag werden die landschaftsgestalterischen Maßnahmen rund um den Ehrenfriedhof abgeschlossen sein, das meint den Rückschnitt der Rhododendren und Wiederherstellung der Grabreihen, die Anpassung des Mittelweges und Anlegen von Zwischenwegen, das Aufstellen von Gedenktafeln mit den Namen der bekannten Verstorbenen.“ Der Sprecher berichtet, dass der Friedhof im kommenden Mai offiziell eingeweiht werden soll. Informationstafeln sollen dann erklären, was 1945 geschah und wie man später mit der Anlage umging.

Die Kosten der Neugestaltung beliefen sich auf geschätzt rund 100 000 Euro, diese Summe sei in den Haushalt eingestellt worden.

Rückblende

Am Ende des Krieges schließen die Nationalsozialisten Außenstellen von Konzentrationslagern. So wird in Wilhelmshaven ein Zug mit größtenteils Widerstandskämpfern der belgischen und französischen Résistance zusammengestellt, er soll rund 400 Männer ins KZ-Neuengamme bei Hamburg bringen, ein Stammlager. Die Aufseher pferchen die Menschen in Waggons, schon auf der Fahrt sterben Dutzende in drangvoller Enge an Krankheiten und Unterernährung. Nach drei Tagen erreicht der Zug am 7. April 1945 Lüneburg und steht auf dem Güterbahnhof.

An diesem Tag fliegen die Alliierten einen Angriff auf die Stadt, Ziel ist der Bahnhof. Die Wachmannschaften lassen die Häftlinge in den Wagen – trotz der niederprasselnden Bomben. Viele kommen um. Die Überlebenden werden vom dänischen SS-Mann Gustav Jepsen und Marinesoldaten bewacht, sie bringen viele der Opfer um. Die Leichen lässt man verscharren. Jepsen wird als einziger später gefasst, zum Tode verurteilt und im Juni 1947 in Hameln hingerichtet. Die Soldaten, obwohl namentlich bekannt, können angeblich nicht ermittelt werden.

Die Engländer marschieren am 18. April 1945 in Lüneburg ein. Die Besatzer hören von dem Verbrechen. Asmussen berichtet: „Insgesamt 243 Leichen ließen die Täter in den Tagen danach in einem Massengrab im Tiergarten verscharren. Auf Veranlassung der britischen Militärverwaltung musste das Grab Monate später wieder geöffnet werden. Zusammen mit elf jüdischen Opfern aus einem anderen Transportzug wurden insgesamt 254 Tote auf dem jetzigen Friedhof in Einzelgräbern beigesetzt.“

Manfred Messer, der die Geschichte erforscht hat, und der Historiker Immo de Vries, der eine Broschüre über „Kriegsverbrechen in Lüneburg“ veröffentlich hat, berichten, dass die Gräber 1951 erneut geöffnet werden. Der französische Offizier Le Chollet und der Arzt Dr. Bolduan untersuchen die Leichen. Messer hat die Sektionsprotokolle ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass die meisten Häftlinge erschlagen wurden, vermutlich mit Gewehrkolben. Denn die Schädel der Skelette sind zertrümmert. Ein Teil der Toten überführt man in die Heimatländer. So ist die Zahl von 256 Toten, die vermutlich schon damals nicht exakt war, auf dem Gedenkstein des Mahnmals nicht richtig.

Wurde damals ein Friedhof angelegt, wandelte sich das Bild der Anlage. Den ursprünglichen Charakter, den alte Fotos belegen, verlor sie. Nun geht es sozusagen einen Schritt zurück – zu einem Ort den Gedenkens. ca 

Von Carlo Eggeling