Mittwoch , 30. September 2020
Margit Weihe hat Höhen und Tiefen erlebt. Doch aufgeben kam nie infrage. Foto: t&w

„Was willst du wirklich machen?“

Lüneburg. Der kunterbunte Eingangsbereich des e-novum Theaters wirkt einladend. Am Nachmittag wuseln die Kinder herum und bereiten sich auf ihren Kurs vor. Margit Weihe läuft wie eine stolze Mutter durch ihr Theater. Man merkt sofort, diese Frau hat viel zu tun. Und dennoch macht sie eher den Eindruck als sei sie ein Ruhepol. Sie erzählt, dass sie sich zwar immer schon zum Theater hingezogen gefühlt hat, trotzdem war es vorher nie ein großer Teil ihres Lebens gewesen.

Sie war bereits einige Jahre als Lehrerin tätig, als sie wegen ihrer fünf Kinder aus dem Berufsleben ausstieg. In der Schule der Kinder gab es ein Magazin, das für Erwachsenentheaterkurse warb. „Ich weiß noch, wie ich mit dem Telefon in der Hand in der Küche stand – das war so ungefähr 1992. Ich hab drei Mal fest geschluckt bevor ich fragte: ‚Ist der Kurs auch für… Hausfrauen?‘ Ab dem Moment war der Bann gebrochen.“

„Man muss nicht mit 25 alles fertig haben!“

Kurz darauf fing sie eine Ausbildung bei Ingo Schön in Hamburg an und erfand ihre erste Comedy-Figur „Marianne“ – eine fränkische Hausfrau. Zu dem Zeitpunkt ihrer Ausbildung war sie bereits 40 Jahre alt und fing danach an, Theaterpädagogik zu studieren. „Ich dachte immer wieder: ‚Das kannst du doch gar nicht mehr machen, die nehmen dich nicht mehr.‘ Aber das ist alles Quatsch, es geht auch alles später noch. Man muss nicht mit 25 alles fertig haben!“

Margit Weihe erklärt, dass sie ohne ihren Mann den Mut für ein eigenes Theater wahrscheinlich nicht gehabt hätte. Er hat sie immer unterstützt und bei Fragen und Problemen zur Seite gestanden: „Er ist einfach ‚ein Macher‘. Er packt an, er zieht mit. Ich habe irgendwann nicht mehr lange überlegt, sondern einfach gemacht, obwohl ich ja nie eine Ahnung davon hatte wie man ein Theater leitet.“ Sie hat alles aus dem Bauch heraus gemacht und jetzt funktioniert es schon seit 20 Jahren.

„Ich kriege so viel zurück“

Sie ist in ihrem eigenen Theater nur einmal selbst aufgetreten und gibt lieber Kurse für andere. „Für mich ist das der schönste Beruf überhaupt und ich kriege so viel zurück.“, sagt Margit Weihe freudestrahlend, „Einmal hat jemand zu mir gesagt: ‚Das was ich bin, bin ich nur, weil ich hier bei dir war.‘ Die Menschen finden hier beim Theaterspielen Freunde fürs Leben.“ Dennoch war es auch nicht immer ganz leicht ein Theater ganz alleine zu leiten: „Ich habe manchmal 70 bis 80 Stunden in der Woche gearbeitet, vor allem wenn hier drei Produktionen hintereinander liefen.“

Vom Brötchen schmieren bis zum Staubsaugen oder Werbung gestalten hat sie alles alleine gemacht. Für sowas haben andere, größere Theater verschiedene Ressorts, die sich darum kümmern. „Meine Kinder haben mir schließlich vorgeworfen, dass ich nur für das Theater gelebt und kaum Zeit für sie gehabt habe.“, gesteht sie. Aber auch Probleme finanzieller Art hat es gegeben, da das e-novum ein Verein ist, der sich mit Fördergeldern der Kursteilnehmer und der Sparkassenstiftung finanziert.

Sie würde alles nochmal so machen

Mit dem Konzept der „Starken Stücke“ hat Margit Weihe das Ruder nochmal rumgerissen, denn vorher hatte sie ausschließlich Workshops gegeben. „Ich habe niemals aufgegeben. Niemals war das auch nur eine Option – daran habe ich nicht eine Sekunde gedacht. Trotzdem“, gibt sie offen zu, „ist es natürlich schwierig, allen gerecht zu werden, gerade bei Berufen, die nachts und am Wochenende sind. Denn es sind gerade diese Zeiten, wo Kinder ihre Eltern brauchen, um ins Bett zu gehen, wenn sie Angst im Dunkeln haben.“

Wenn die 63-jährige heute zurückblickt, dann würde sie immer wieder mit dem Theater anfangen, trotz langer Umschulung. „Die wichtigste Frage ist, was willst du wirklich machen? Und wenn da eine Flamme ist, ein nicht rationales, starkes Bauchgefühl, dann mach‘s! Sonst wirst du irgendwann unglücklich und solltest du jemals hinfallen, dann kannst du immer noch etwas anderes machen – aber du hast es versucht! Das Wichtigste ist nur Leidenschaft.“ Mittlerweile fährt Margit Weihe ihre eigene Tätigkeiten etwas zurück. Während sie früher alles alleine gemacht hat, delegiert sie heute mehr: „Es gibt noch etwas anderes als Theater, nämlich meine Enkelkinder.“

Von Lorena Zapke