Weil „Elterntaxis“ auf dem Vorplatz vor der Grundschule Hasenburger Berg oft zu brenzligen Situationen führten, hat die Schule ihn sperren lassen. Foto: us

Gefahrenzone Schulweg

Lüneburg. Im Sekundentakt rollen die Autos heran. Ein kurzes Stoppen, ein schneller Kuss auf die Wange, dann schlägt die Tür schon wieder zu und der Nachwuchs stürmt gen Schule. Meist sind es nur wenige Meter, denn vielen Eltern ist es offenbar ein Graus, ihr Kind selbstständig den Schulweg antreten zu lassen. Das aber sorgt nicht nur für allmorgendlichen Stau und Stress vor den Schulen, es stellt auch eine Gefährdung der Schüler dar und nimmt ihnen wichtige Erfahrungen, sagt der Auto Club Europa (ACE). Mit seiner Kampagne „Goodbye Elterntaxi“ betreibt er nun Aufklärung.

„Das eigenständige Zurücklegen des Schulwegs ist eine wichtige Erfahrung für Kinder“, sagt Günter Schwarz, Vorsitzender des ACE-Kreises Nordheide. Denn gerade in der Verkehrserziehung gelte: Übung macht den Meister. Das tägliche Bringen und Holen im Elterntaxi aber beraube Kinder dieser Erfahrungen und Trainingssituationen. Deshalb fordert der ACE in seiner seit März laufenden bundesweiten Kampagne: die Kinder zumindest die letzten 500 Meter zu Fuß gehen lassen.

Selbst in Vorgärten wird gehalten

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, vor allem an Grundschulen. „Wir erleben es immer wieder, dass Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen“, sagt Marianne Borowski, Schulleiterin der Grundschule Hasenburger Berg. Insbesondere die Rücksichtslosigkeit der Auto fahrenden Eltern mache sie bisweilen sprachlos. „Weil es sich dann auf der engen Straße drängt, wird sogar schon mal in Vorgärten geparkt.“ Sie gehe aber stets auf die Eltern zu, „und viele sind da auch einsichtig“. Um gar nicht erst Chaos entstehen zu lassen, hat die Schule den Vorplatz für Autos inzwischen aber auch sperren lassen.

Welche Folgen Elterntaxis und Unerfahrenheit im Straßenverkehr für Kinder haben können, macht der ACE anhand von Zahlen deutlich. So kam laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2017 bundesweit im Durchschnitt alle 18 Minuten ein Kind im Alter von unter 15 Jahren im Straßenverkehr auf dem Weg zur Schule oder nach Hause zu Schaden, insgesamt 29.259 Kinder. 40,5 Prozent der Sechs- bis Neunjährigen verunglückten dabei als Insassen in einem Auto, 29,1 Prozent als Fußgänger und 24,5 Prozent als Radfahrer.

Die größte Gefahrgeht vom Auto selbst aus

„Oft reicht Eltern schon eine als unsicher empfundene Stelle auf dem Schulweg, um ihre Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen“, weiß Günter Schwarz. Für ihn ein Dilemma, denn so nehme das Problem weiter zu, da die größte Gefahr vom Auto selbst ausgehe. Er rät: „In der Regel gibt es keine Unfallquelle, wenn Kinder gemeinsam zur Schule gehen.“

Dass es dennoch nicht immer ganz ohne Auto geht, ist auch dem ACE bewusst. Schwarz nennt Punkte, die helfen können, die Situation zu entspannen: Haltestellen für Eltern in 300 bis 500 Meter Entfernung, Hol- und Bring-Zonen wie Kiss + Ride, Sonderparkplätze für den gesicherten Ein- und Ausstieg sowie Schulstraßen mit kontrollierten Fahrzeiten. Begleitend dazu interdisziplinäre Schulaktionen und -projekte. „Und natürlich sollten auch Fuß- und Radwege sicher gestaltet und ausgebaut werden.“

Auch der Stadt ist das Problem der Elterntaxis an der Hasenburger Schule bekannt, sie will Vorschläge zur Verbesserung der Situation erarbeiten, wie in einer der letzten Verkehrsausschusssitzungen mitgeteilt wurde. Derweil will Günter Schwarz in den kommenden Wochen vor der Schule die Zahl der anrauschenden Elterntaxis erfassen und Aufklärungsarbeit leisten. Die Ergebnisse der bundesweiten ACE-Clubinitiative sollen dann mit Schulen ausgewertet und in Lösungsvorschläge umgesetzt werden.

Von Ulf Stüwe