Freitag , 7. August 2020
Mit einem Sitzkissen und Schirmen werben Philipp Kosok (l.), Alisa Raudszus und Leo Demuth symbolisch für mehr Komfort an Lüneburgs Bushaltestellen. Foto: t&w

„Noch Potenzial nach oben“

Lüneburg. Die Appelle sind eindeutig: Wer Umwelt und Klima retten will, sollte aufs Auto verzichten und Bus und Bahn nutzen. Weil die aber in der Regel nicht direkt vor der eigenen Haustür abfahren, verhallt der Appell vielfach ungehört. Doch nicht nur der Weg zur Haltestelle stellt für viele ein lästiges Problem dar, auch die Haltestellen selbst sind oft nicht in dem Zustand, dass sie auch gern angesteuert werden. Einen Blick auf die Situation in Lüneburg hat jetzt der Verkehrsclub Deutschland (VCD) geworfen.

Von Aufenthaltsqualität bis Zugängigkeit

„Befriedigend“, sagt Philipp Kosok beim Blick auf sein Notebook. Mehrere Zahlen hat der VCD-Projektleiter dort notiert, sie sollen belegen, wie die Haltestellen am Platz am Sande beschaffen sind. 65 von 100 möglichen Punkten hat er für diese Stationen vergeben, „sie gehören in Lüneburg zu den besseren“, sagt der VCD-Experte, der zusammen mit seiner Kollegin Alisa Raudszus für die Bestandsaufnahme auf Einladung des Lüneburgers Leo Demuth, Sprecher des VCD-Regionalverbands Elbe-Heide, extra aus Berlin angereist ist.

Vier Bewertungskategorien hatte der VCD für sein bundesweites Projekt „Zu Fuß zur Haltestelle“ aufgelistet, sie reichen von Sicherheit über Orientierung und Information, Komfort und Aufenthaltsqualität bis Zugängigkeit und Barrierefreiheit. Zwei Stationen hat der VCD in Lüneburg unter die Lupe genommen, neben dem Sand auch den Reichenbachplatz. „Anhand dieser Haltestellen wollen wir aufzeigen, was aus unserer Sicht für die Akzeptanz des ÖPNV wichtig ist“, sagt Demuth.

Es gibt keine Umgebungspläne

Punkte bringen beim Platz am Sande die Unterstellmöglichkeiten mit den Sitzbänken, eher mager sieht es aber hinsichtlich Komfort und Barrierefreiheit aus, erläutert Philipp Kosok. „Es gibt keine Umgebungspläne, vor allem Besucher sind dann oft orientierungslos und geraten in Stress.“ Seine Sorge: „Wenn die erste Erfahrung schlecht ist, kommt man nicht wieder.“ Kritisiert wird auch das Kopfsteinpflaster direkt vor dem Einstieg zu den Bussen, ebenso die fehlenden „taktilen Leitelemente“, Blindenleitstreifen auf der Erde.

Auf ein „gerade noch ausreichend“ schafft es mit 54 Punkten der Reichenbachplatz. Fehlende Unterstellmöglichkeit, nicht ausreichende Beleuchtung und vollkommen abgesenkte Bordsteinkanten zählt Kosok als Negativpunkte auf. Bei Letzterem empfiehlt er einen drei Zentimeter hohes Bordstein „als bessere Orientierung für Sehbehinderte, wo die Straße beginnt“.

Sprachauskunft mittels Tasten

Überdies wünscht er sich die Berücksichtigung des „Zwei-Sinnen-Prinzips“, also akustische Informationen ergänzend zu den visuellen. So könnte eine Taste an der Haltestellensäule auf Knopfdruck Auskunft über den nächsten Bus geben.

Dass vieles wohl Wunschdenken bleibt, ist auch dem VCD bewusst. „Klar, dass nicht überall alles geht“, räumt Leo Demuth ein. Aber man wolle mit dieser Aktion Impulse setzen und Denkanstöße geben.

Ihre Begehung hätten sie auch gern zusammen mit der Stadtverwaltung gemacht, doch die hatte kurzfristig abgesagt. „Wir hätten es gut gefunden, wenn die ganze Bandbreite aufgezeigt worden und auch dargestellt worden wäre, was wir gut gemacht haben“, erklärte Verkehrsdezernent Markus Moßmann auf Nachfrage. Vor allem die jetzt neu ausgebaute Haltestelle am Graalwall hätte er gern in der Bewertung berücksichtigt gesehen. Im Übrigen sei die Stadt seit Jahren dabei, ihre sämtlichen Haltestellen auf Barrierefreiheit umzustellen. Allein dafür werden in diesem und den folgenden Jahren je 250.000 Euro aufgewendet.

„Potenzial nach oben“

Allerdings sei es nicht möglich, „Vision und Realität immer in Übereinstimmung zu bringen“, schränkt Moßmann zu hohe Erwartungen ein. Manches scheitere an den Platzverhältnissen, dem Denkmalschutz und der Stadtbildpflege, aber auch an den Bedarfen. „Nicht überall macht eine Unterstellmöglichkeit Sinn.“

Dem wollen auch Kosok und Demuth nicht widersprechen, ihre Analyse aber zeige, dass die Haltestellen in der Stadt offenbar noch „Potenzial nach oben“ habe.

Von Ulf Stüwe