Montag , 28. September 2020
Dr. Sabine Mahncke (hinten Mitte) mit ihren Kollegen in Serabu. Neben der Behandlung von Patienten unterrichtete Mahncke in Sierra Leone auch das medizinische Personal. (Foto: privat)

Hilfe zur Selbsthilfe

Lüneburg. Sierra Leone, das im Westen Afrikas liegt, zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Das staatliche Gesundheitswesen ist nur unzureichend ausgebaut, die Säuglings- und Müttersterblichkeit extrem hoch. 290 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Freetown liegt in dem Ort Serabu das Community Hospital. Das Krankenhaus mit 143 Betten ist Anlaufstelle für rund 50 000 Menschen in der Region. So gut das geht, denn die Ausstattung mit medizinischen Geräten und Medikamenten ist dürftig. Deutsche Fachärzte unterstützen die Mitarbeiter des Hospitals nicht nur bei der täglichen Arbeit, sondern bilden sie auch aus. Knapp sechs Wochen war Dr. Sabine Mahncke, Leitende Oberärztin in der Kinderklinik des Lüneburger Klinikums, in Serabu im Einsatz. Ehrenamtlich, vermittelt vom Verein German Doctors.

Klinik-Überstunden für den Einsatz genutzt

Als ihr Sohn 2012 sein Freiwilliges soziales Jahr in Indien absolvierte, habe sie bereits einmal privat organisiert über eine Stiftung ehrenamtlich ambulant in Dörfern gearbeitet, erzählt Mahncke. „Es war spannend und lehrreich. Ich hatte immer im Hinterkopf, so etwas noch einmal zu machen.“ Die freiwilligen Einsätze über German Doctors finde sie gut, „weil man für eine begrenzte Zeit Patienten mitversorgen kann und die einheimischen Fachkräfte ausbildet. Sprich: es ist Hilfe zur Selbsthilfe.“ Für den sechswöchigen Einsatz hat sie ihre Überstunden in der Lüneburger Klinik eingesetzt, die Kosten für die Flüge anteilig übernommen. Unterkunft und Kost haben die German Doctors frei.

In Sierra Leone gibt es etwa 150 Mediziner, die ein Studium absolviert haben. Getragen wird das Gesundheitssystem von Clinical Health Officer (CHO, zu deutsch: klinischer Beauftragter), die eine dreijährige Ausbildung in Kliniken wie zum Beispiel Serabu machen. Im dortigen Hospital, das in den 1950er-Jahren von katholischen Ordensschwestern gegründet, im Bürgerkrieg zerstört und 2006 wieder aufgebaut wurde, gibt es eine Frauen-, eine Männer-, eine Wöchnerinnen- sowie eine Kinderstation. „Die CHOs sind für alle Patienten zuständig. Die German Doctors unterstützen sie auf der Kinderstation oder bei schwierigen Geburten wie zum Beispiel Kaiserschnitten.“ Gemeinsam mit den CHOs mache man Visite und bespreche klinische Befunde.

Malaria ist die häufigste Erkrankung

„Serabu ist wie tiefstes Mittelalter mit Smartphone und Motorrad“, so Mahnckes Erfahrung. Es gibt im Ort keinen Strom, kein fließendes Wasser, gekocht wird häufig noch auf offenen Feuer. Aber es gibt Smartphones und das Motorrad als Transportmittel. Doch bei vielen herrscht bitterste Armut. Das wenige, was manche Familie hat, reicht kaum, um alle zu ernähren. Wenn etwas auf den Tisch kommt, werden nur die satt, die am schnellsten zugreifen können. Unterernährung ist einer der Gründe, warum Mütter mit ihren Kindern ins Hospital kommen. Wie zum Beispiel das 13 Monate alte Mädchen, das mal gerade vier Kilo wog. Mit Spezialnahrung, die über Regierungsprogramme bezahlt wird, bekommen die Kinder eine Chance auf ein Leben. Aber auch die Schulung der Eltern, um Rückfälle zu verhindern, ist Bestandteil der Behandlung.

Ein Großteil der kleinen Patienten leidet an Malaria. Die Parasitenerkrankung kann tödlich enden, wenn sie nicht schnell behandelt wird. Bei Akutfällen verfüge die Klinik über einen guten Standard mit Malaria-Präparaten, die gut wirkten.

Mütter müssen von weit her zur Klinik laufen

Problematisch sei es bei den ganz kleinen Patienten. „Die haben ein noch nicht so gut trainiertes Immunsystem, sodass sich die Parasiten breitmachen können. Die Folge kann zum Beispiel schwere Blutarmut sein, sodass es einer breit angelegten Behandlung bedarf.“ Nicht immer mit Erfolg. Manches Kind erreicht auch zu spät die Klinik, weil das Geld für einen Motorrad-Transport fehlt. Die Mütter müssen von weit her zur Klinik laufen, das Kleine in einem Tuch auf dem Rücken tragend. Dann kann nicht immer geholfen werden. Auch für Kinder mit Erkrankungen wie Leukämie oder Diabetes sind die Behandlungsmöglichkeiten schlecht. „In Sierra Leone gibt es keine Therapie für Leukämie, in Deutschland liegt die Heilungschance bei 80 Prozent.“ Auch Diabetes ist für Kinder in diesem Land in vielen Fällen ein Todesurteil. Denn Insulin muss im Kühlschrank gelagert werden – ohne Strom kein Kühlschrank.

Folgen bitterer Armut täglich erleben zu müssen und nicht immer kleinen Patienten helfen zu können, war das schwer erträglich für eine deutsche Medizinerin? Natürlich sei sie Ärztin, um Leben zu retten. Aber in dem westafrikanischen Land könnten die Menschen auch akzeptieren, wenn manchmal eine Therapie nicht anschlage oder auch nicht mehr möglich sei. „Der Tod gehört dazu und wird nicht ausgeklammert. ,It‘s nature‘, sagen die Menschen in Sierra Leone, wenn es um Sterben und Tod geht.“ In Deutschland sei mancher sich nicht bewusst, dass es keine Garantie gebe, wie sich das Leben entwickelt. „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen das stärker im Blick haben und das genießen, was sie haben.“

Von Antje Schäfer