Montag , 28. September 2020
Bereits Anfang Oktober hat Landrat Manfred Nahrstedt sein Büro geräumt, damit es für Nachfolger Jens Böther renoviert werden kann. Die letzten Tage seiner Amtszeit hatte der 71-Jährige einen provisorischen Schreibtisch im Besprechungsraum. (Foto: t&w)

Die Tomaten warten schon

Lüneburg. Wer auf Landrat Manfred Nahrstedt wartet, sollte nicht immer zum Haupteingang schielen. Bisweilen kommt der Sozialdemokrat auch auf an deren Wegen zum Ziel – zum Beispiel durch die Küche. So wie am vergangenen Freitag im Schulzentrum Scharnebeck. „Geht‘s hier in die Mensa?“, fragt Nahrstedt die beiden Helfer, als er durch die Hintertür das Gebäude betritt. „Na, eigentlich nicht“, sagen die überraschten Blicke, bevor kurz darauf einer der Männer in nachsichtigem Tonfall antwortet: „Na, dann kommen Sie mal.“

Das Schulzentrum hat der scheidende Landrat aus gutem Grund für sein Abschiedsgespräch mit der LZ gewählt. Es steht stellvertretend dafür, was Kreistag, Verwaltung und Landrat gleich zu Beginn der Amtszeit Nahrstedts 2006 auf den Weg gebracht und bis heute konsequent fortgesetzt haben: ein Schulsanierungsprogramm, so wie es wohl kein zweites in Niedersachsen gibt. 136 Millionen Euro hat der Kreis bereits in die Schulen gesteckt, aus einst maroden Gebäuden sind moderne Bildungseinrichtungen geworden. Weitere 50 Millionen Euro sollen noch folgen.

„Wir hatten einfach Glück, dass die Konjunktur brummte.“
Manfred Nahrstedt

In der vom Sonnenlicht durchfluteten Scharnebecker Mensa sitzt Nahrstedt an einem hellen Tisch, blickt sich langsam um und lehnt sich entspannt zurück. „Man sieht heute an unseren Schulen, wie gut sie ausgestattet sind.“ Das bestätigen auch Oberschulleiter Rainer Griebel und der stellvertretende Leiter des Gymnasiums, Frank Hämke, die sich als Hausherren dazugesellt haben. „Früher sagten Eltern, die selbst das Schulzentrum besucht haben, bei der Anmeldung ihrer Kinder: ,Hier hat sich ja gar nichts verändert.‘ Heute heißt es nur: ,Ich erkenne nichts mehr wieder.’“ Unterdessen werkeln die Bauarbeiter eifrig am Erweiterungsbau direkt neben der Mensa. Die von Grund auf erneuerte Schullandschaft schlägt sich auch in den Statistiken nieder. „Sehen Sie“, sagt Nahrstedt, „die Übergangsquote von der Grundschule zum Gymnasium lag 2016 bei 47,3 Prozent. Das ist Platz zwei aller Kreise in Niedersachsen.“ 2006 seien es mit knapp 40 Prozent noch deutlich weniger gewesen.

Fragen an den Neuen

Nahrstedts Nachfolger Jens Böther tritt das Amt des Landrats am heutigen Freitag, 1. November, an. Von 14 bis 15 Uhr ist er zu Gast in der LZ-Redaktion und steht den Lesern Rede und Antwort – per Telefon unter (04131) 740356 oder im Chat beim Facebook-Auftritt der LZ. Sollten Sie zu diesem Zeitpunkt verhindert sein, können Sie Ihre Frage auch vorab per Mail an LZ-Chefredakteur Marc Rath schicken: marc.rath@landeszeitung.de.

Ausführlich gewürdigt wird das Kapitel Schulsanierung sicherlich auch bei der offiziellen Verabschiedung des 71-Jährigen heute Vormittag in der Ritterakademie. Ebenso wie die Entscheidung, die am 1. Februar 2012 dazu führte, dass der Landkreis Lüneburg als zweiter in Niedersachsen einen Zukunftsvertrag mit dem Land schloss. Eine Schuldenlast von 71,8 Millionen Euro nahm das Land dem Kreis damals von den Schultern. Dieser verpflichtete sich im Gegenzug in den folgenden zehn Jahren ausgeglichene Haushalte vorzulegen und die restlichen Liquiditätskredite, denen kein Gegenwert gegenüberstand, abzubauen. Immerhin 36,7 Millionen Euro.

Bereits Ende 2018 war dieses Ziel erreicht. 2019 konnte der Kreis erstmals wieder investieren, ohne sämtliche Ausgaben über Kredite finanzieren zu müssen. „Ich war überzeugt davon, dass wir es innerhalb der zehn Jahre schaffen, aber dass es so schnell geht, hat mich dann doch überrascht“, sagt Nahrstedt. Auf die eigene Schulter klopft er sich dennoch nicht. „Wir hatten einfach das Glück, dass die Konjunktur brummte.“

Doch war das Glück dem Landrat nicht immer hold. Vor allem in letzter Zeit nicht, als bei Planung und Bau der auf 23 Millionen Euro veranschlagten Veranstaltungshalle Arena Lüneburger Land gefühlt alles schief ging, was nur schiefgehen konnte. Dass jüngst ein Sturm bereits stehende Mauern umwehte, das Vorhaben jetzt im Schwarzbuch der Steuerzahler gelandet ist, sind nur die I-Tüpfelchen auf einer „Pleiten, Pech und Pannen“-Serie. „Mein Fehler war, nicht genügend dafür gekämpft zu haben, die Arena als PPP-Projekt weiterzuführen“, sagt Nahrstedt rückblickend. Also als Vorhaben im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft.

Doch wurde dieser Plan Ende 2016 im Kreishaus verworfen – „auch, weil einige Politiker einem privaten Investor kein Geld hinterher werfen wollten“, sagt Nahrstedt. In der Folge lief das Projekt aus dem Ruder. Auch, weil dem Kreis jegliche Erfahrung mit Vorhaben dieser Art fehlte. Dankbar ist der Chef der Kreisverwaltung all jenen, die im Kreistag Ende August für den Weiterbau der Arena gestimmt haben. „Wenn die Halle erstmal steht, wird kein Mensch mehr über die Kosten und die Pannen sprechen“, ist Nahrstedt überzeugt.

Auch bei anderen Vorhaben räumt der Landrat ein, dass er am Ende seiner Amtszeit gerne weiter gewesen wäre. Als Beispiel nennt er das Thema Inklusion. „Wir haben gemerkt, dass die Menschen das derzeit noch nicht in dieser Form wollen, auch wenn ich es für richtig halte. Deshalb haben wir das Tempo rausgenommen.“

Das Tempo rausnehmen will der 71-Jährige nun vor allem in seinem eigenen Leben. „Ich habe mir die Entscheidung, zwei Jahre vor Ablauf meiner regulären Amtszeit aufzuhören, nicht leicht gemacht“, erzählt der Oldendorfer. Am Freitag, 1. November, beginnt für den 71-Jährigen ein neuer Lebensabschnitt. „Ich weiß, dass es der letzte sein wird, und den möchte ich gesund mit meiner Frau und meiner Familie genießen“, sagt Nahrstedt. Und deshalb wird er zunächst einmal „nichts machen, außer Tomaten züchten und sehen, wie es ist, ohne den Terminstress der vergangenen Jahre zu leben“.

Und wenn Manfred Nahrstedt dem Kreis doch mal wieder nahe kommen sollte, dann vermutlich nur, um durch den auf seine Initiative angelegten Bürgergarten zu schlendern, im hinteren Teil auf der bunten Bank eine Pause zu machen und den Blick auf den massigen Turm von St. Michaelis zu genießen. Der Kirche, in der der Kreistag vor seinen konstituierenden Sitzungen zu einer kleinen Andacht zusammenkommt. Auch ein Erbe Nahrstedts.

TOP 5

Zum Abschied hat die LZ Nahrstedt gefragt, was er in seiner Amtszeit erreicht hat:

1. Die Sanierung der Schulen im Landkreis.
2. Die vorzeitige Erfüllung des Zukunfts-/Entschuldungsvertrages mit dem Land.
3. Der Aufbau des Kinder- und Jugendtheaters T.3 in der Wirtschaftskrise.
4. Die Schwalben-Aktion des Landkreises als Beispiel für bürgernahe Maßnahmen im Umweltschutz.
5. Der Bürgergarten an der Kreisverwaltung.

FLOP 5

Und natürlich wollte die LZ auch wissen, was nicht so gut geklappt hat:

1. Der Bau der Arena Lüneburger Land.
2. Der Erhalt der Nadelwehre und Schleusenwärterhäuschen an der Ilmenau.
3. Die Inklusion.
4. Die dauerhaft ausreichende Landesförderung für das Theater Lüneburg.
5. Die Fusion der Gemeinde Amt Neuhaus, der Samtgemeinde Dahlenburg und der Stadt Bleckede.

Von Malte Lühr