Deutschbalten verlassen 1939 das Schiff „General Steuben“ in Stettin. (Foto: Bundesarchiv)

Spielball zweier Diktatoren

Lüneburg. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der ethnischen Säuberungen. Eine der Gruppen, die auf dem Schachfeld der Mächtigen wie Bauern verschoben wurde n, waren die Deutschbalten. Im geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt hatten die Diktatoren entschieden, diese Menschen, deren Familien zum Teil seit 700 Jahren im Baltikum siedelten, zu entwurzeln. Hitler ließ die Deutschbalten dort ansiedeln, wo seine Schergen zuvor Polen vertrieben hatten. „Heim ins Reich“ hieß die Formel, die Goeb­bels Propaganda verbreitete. Heute wird das Geschehen vor 80 Jahren anders bewertet. „Diktierte Optionen?“ ist denn auch das 29. Baltische Seminar überschrieben, bei dem internationale Experten von Freitag, 1. November, bis zum Sonntag, 3. November, im Brömsehaus einen frischen Blick auf die Geschichte werfen.

Schlusstrich unter 700 Jahre Geschichte

„Wir hoffen auf regen Besuch interessierter Besucher“, sagt Dr. Eike Eckert von der Carl-Schirren-Gesellschaft, der zusammen mit Ron Hellfritzsch das Seminar leitet. Lüneburg ist ein nahezu logischer Veranstaltungsort. Partnerstadt von Tartu. Sitz des Deutsch-Baltischen Kulturwerkes, zu dem drei Institutionen zählen: Die Carl-Schirren-Gesellschaft e.V., die Deutschbaltische Kulturstiftung und die Deutschbaltische Studienstiftung. Zudem gibt es eine Deutschbaltische Abteilung im Ostpreußischen Landesmuseum. Im Tagungsort, dem Brömsehaus, haben vor Jahrhunderten Frauen Pelze aus dem Baltikum mit dem Geld gekauft, das ihre Männer dort mit Lüneburger Salz verdient hatten. Und nicht zuletzt siedelten sich an der Ilmenau nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als 300 Deutschbalten an.

Der Maler Otto Pirang zeichnete die Ereignisse der Umsiedlung. „Abschied vom Garten“ übertitelte er die linke Zeichnung, (Zeichnung: Pirang/Carl-Schirren-Gesellschaft)

Als vor 80 Jahren mehr als 60 000 Deutschbalten Estland und Lettland verließen – Anfang 1941 folgten noch einmal 17 000 Menschen –, freuten sich viele Letten und Esten. Die Deutschbalten waren als lange übermächtige Großgrundbesitzer und städtische Führungsschicht „nicht eben beliebt“, sagt Dr. Eckert. Aber selbst damals widersetzten sich Bürger der von den autoritären Regimenen verordneten Deutschenfeindlichkeit. Der Journalist Jānis Lapiņš schrieb im Dezember 1939, dass sich 90 Prozent der Deutschbalten nur schweren Herzens von Lettland lösten und fragte: „Was ist es, das die Deutschen in unserem Land zurücklassen?“ Und antwortete, dass „es die Gräber ihrer Vorfahren und die Geschichte Lettlands sind“.

Deutsches Kulturerbe wird positiver gesehen

Eine Idee, die heute aufgegriffen werde, wenn im Baltikum diskutiert wird, was denn das deutsche Kulturerbe in der Region ausmache. „Eine starke Westorientierung bei Normen, Glauben und Recht“, meint Dr. Eckert, „die letztendlich in die Unabhängigkeitsbewegung mündete.“ Trotzdem verließen die Deutschbalten ihre Heimat. Hatten sie eine Wahl? Die NS-Propaganda malte das Bild einer überwältigenden Begeisterung der Deutschbalten, „Heim ins Reich“ zu kommen. Fotos zeigen Deutschbalten an der Reling von in Stettin einlaufenden Schiffen, die den „deutschen Gruß“ entbieten.

"Großgepäck im Exporthafen" nannte der Maler Otto Pirang diese Zeichnung. (Foto: Pirang/Carl-Schirren-Gesellschaft)

Doch die Gesichter sind maskenhaft starr. Begeisterung dürfte am ehesten bei den Jüngeren aufgekommen sein, die vermeintliche Erfolge der NS-Außenpolitik feierten, sagt Dr. Eckert. Doch dass die Deutschbalten „als Bevölkerungsmauer das ‚Deutschtum‘ in eroberten Gebieten festigen sollten“, hatten sie nicht erwartet. Die Motivation zur Übersiedlung wurzelte auch in Ängsten: Die Rote Armee stand nicht weit entfernt „und die Deutschbalten hatten im Ersten Weltkrieg erleben müssen, nach Sibirien deportiert zu werden“, erinnert Dr. Eckert. Klar war auch: Nach dem Exodus würden die Deutschbalten ihre Minderheitenrechte verlieren. NS-Funktionäre drohten zudem: Wer jetzt nicht umsiedele, verliere jegliches Recht, noch „Volksgenosse“ zu sein.

Wie sehr die Zeitgenossen vom Hitler-Stalin-Pakt überrascht wurden, wie über ihre Köpfe hinweg ihre Umsiedlung geregelt wurde, wie sie diese wahrnahmen und wie das Ganze heute bewertet wird, werden deutsche und baltische Experten von Rang drei Tage diskutieren.

29. Baltisches Seminar, Brömsehaus, Am Berge 35, Lüneburg. 1.-3. November. Die Teilnahme an den Vorträgen ist kostenlos. Anmeldung und Fragen: csg@deutsch-balten.de; 04131-36788

Von Joachim Zießler