Der Geduldsfaden von Justitia ist gerissen: Ein betrügerischer Lüneburger Autohändler wurde vom Amtsgericht zu drei Jahren Haft verurteilt. (Foto: Oliver Boehmer/Adobe Stock)

Betrug als eigentliches Gewerbe

Lüneburg. Dutzende Menschen wurden von Dean S. übers Ohr gehauen. Wegen des gewerbsmäßigen Betruges in 17 Fällen verurteilte das Amtsgericht den Autohändler zu drei Jahren Haft. 74 Gläubiger hoffen noch, etwas von ihrem Geld wiederzusehen. Ein Mensch aber wurde zum Opfer, dem Dean S. garantiert nicht schaden wollte: seine Frau. Kaum hatte Richter Wolfgang Pfleger das Urteil verkündet, flossen bei der Mutter zweier schulpflichtiger Kinder die Tränen. Sie sollten bis zum Ende nicht versiegen.

Zwar hatte Dean S. seine Frau zwischenzeitlich als Geschäftsführerin der Autowerkstatt im Lüneburger Hafen eingesetzt. Doch Richter, Staatsanwalt und Insolvenzverwalter waren sich einig, dass sie nichts von den Machenschaften ihres Mannes gewusst habe.

Audi A4 drei Mal in drei Tagen verkauft

Nachdem er in der Vergangenheit mit dem Verkauf von Wagen aufgeflogen war, deren Tachostand er vermindert hatte, variierte er diesmal seine Masche, wie Richter Wolfgang Pfleger in der Urteilsbegründung ausführte: Dean S. verkaufte Wagen mehrfach, einen Audi A4 in drei Tagen drei Mal, nachdem er bereits einen ersten Kunden abkassiert hatte. Oder er lieferte einfach nicht. „Nach meiner Überweisung war nichts mehr gut“, fasste ein Betrogener zusammen. Der versprochene Kfz-Brief sei nicht mehr auffindbar, der Autohändler liege im Krankenhaus, für eine Reparatur fehlten Ersatzteile ... Die Liste der Ausreden, warum der gekaufte oder angezahlte Wagen nicht geliefert wurde, war umfangreich. „Oder es fand sich auf einmal ein Unfallschaden im Skat – also im Kaufvertrag –, der bei der mündlichen Absprache noch nicht vorhanden war“, so Richter Pfleger.

Widrige äußere Umstände

Reumütig zeigte sich Dean S. nur teilweise, bestritt in den meisten der 17 angeklagten Fälle Betrugsabsicht, machte widrige äußere Umstände wie fehlendes Ersatzmaterial für das Scheitern der Geschäfte geltend. Richter Pfleger hielt dagegen: „Ein Montagswagen kann schon mal vorkommen. Dass ihre Werkstatt mit ihren vier Hubbühnen aber in Serie patzte, hatte System.“ Entlarvt wurde dieses in den zig Leitz-Ordnern, die in einem großen Umzugskarton hinter der Richterbank schlummerten und die Ermittlungen dokumentierten. „Es musste Geld generiert werden, um Löcher zu stopfen“, sagte Richter Pfleger, die Forderungen gegen den Verurteilten bezifferte er zwischen 390 000 und 700 000 Euro.

Erneute Bewährungsstrafe kam nicht mehr in Frage

Der Strafrahmen für jedes einzelne Delikt bewegt sich zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft. „Zum Glück für den Angeklagten bewegen wir uns nicht im angelsächsischen Rechtssystem, wo die Einzelstrafen addiert werden“, so Pfleger. Das Schöffengericht verhängte eine Gesamtstrafe von drei Jahren, blieb damit ein halbes Jahr unter der Forderung des Ersten Staatsanwaltes Sven Vonderberg. Strafmildernd bewertete es die lange Dauer des Verfahrens und das Teilgeständnis, strafverschärfend die teils einschlägigen Vorstrafen von Dean S. Eine erneute Bewährungsstrafe kam nicht mehr in Frage, hatte der betrügerische Autohändler doch 2016 nur 13 Tage nach einer Verurteilung zu 16 Monaten Haft auf Bewährung einen Mercedes AMG für 49 000 Euro an einen Kunden verkauft, der diesen Wagen nie fahren sollte.

Tränen auf der Zuschauerbank

Als Verteidiger Dr. Klaus Hüser nach Ende der Verhandlung beim Ankläger vorfühlte, ob dieser das Urteil auch anerkennen würde, reagierte die Ehefrau des Verurteilten entsetzt. Sie suchte den Blickkontakt zu ihrem Mann, schüttelte mit tränenüberströmtem Gesicht energisch den Kopf. Das hieß wohl: „Nicht annehmen!“

Doch es gilt das Schlusswort des Richters, gerichtet an Dean S.: „Diese Suppe haben Sie sich selbst eingebrockt, die müssen Sie auslöffeln.“

Von Joachim Zießler