Bauernverbandsvorsitzender Thorsten Riggert redet beim Kreisparteitag der CDU Tacheles. (Foto: t&w)

„Vertrau deinem Landwirt“

Bleckede. Durch die vorangegangenen Bauernproteste hatte dieser Gastredner beim Kreisparteitag der CDU besonderes Gewicht: Thorsten Riggert, Uelzener Landwirt und ehrenamtlicher Vorsitzender des Bauernverbands Nordost-Niedersachsen (BVNON), fand im Dorfgemeinschaftshaus Garlstorf deutliche Worte zu den Dilemmata, denen sich Landwirte im Spannungsfeld zwischen Landwirtschaft und Umweltschutz ausgesetzt sehen. Er erklärte damit auch die jüngsten Bauernproteste.

Kritik am neuen Klimaschutzpaket

Seine Kritik übte Riggert an dem jüngst von der Bundesregierung auf den Weg gebrachten Klimaschutzpaket, das auch der Landwirtschaft eine lange Liste an Aufgaben für den Natur- und Umweltschutz abverlangt. Beispielsweise Stickstoffüberschüsse senken, Wirtschaftsdünger einsparen und Tierhaltungs-Emissionen mindern. Riggert bemängelte schon die Kommunikation der Politik mit den Betroffenen: „Die Maßnahmen hat man vorher nicht mit uns besprochen, sondern nur die Ministerien untereinander“. Dabei seien die Sachverhalte oft viel komplexer, als es oft den Anschein hätte oder dargestellt werde. Er versuchte das an einigen Beispielen deutlich zu machen.

Zunächst trat Riggert aber dem Eindruck entgegen, die Landwirtschaft sei einer der Hauptverursacher von Treib­hausgasen und Aktionsfeld Nummer eins für den Klimaschutz. Es sei einfach, mit dem Finger auf „die kleine, aber flächendeckend vertretende Klientel der Landwirte“ zu zeigen. Beispiel CO₂-Ausstoß: Er zitierte aus einem Bericht des Bundesumweltamtes: Demnach entspricht der landwirtschaftliche Anteil des Treibhausgas-Ausstoßes mit 909 Millionen Tonnen, umgerechnet auf CO₂-Einheiten, einem Anteil von sieben Prozent der bundesweiten Emissionen. Den größten Anteil mit 37 Prozent habe aber die Energiewirtschaft. Beim Klimaschutzpaket werde hingegen mit 37 Prozent für die Landwirtschaft gerechnet. „Wie kommt denn das?“, fragte Riggert und lieferte selbst die Antwort.

Mehr tote Vögel durch Hauskatzen

Laut Riggert werde der Land- und Forstwirtschaft zwar der Ausstoß angerechnet, aber nicht die Einsparungen von CO₂, beispielsweise beim Anbau von Pflanzen für die Energieerzeugung in Biogasanlagen. In der Rechnung des Bauernverbandes wird das bereinigte Ergebnis für die Landwirtschaft mit 18 Millionen Tonnen CO₂ beziffert beziehungweise mit einem bundesweiten Anteil von 1,98 Prozent.

Kritik übte der Landwirt auch an widersprüchlichen Rahmenbedingungen für den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Einerseits sollen Biogas, Windkraft und Photovoltaik gefördert werden. Andererseits fasse die Politik Beschlüsse im Umweltschutz, die gegen die Erneuerbaren Energien ausgespielt würden. So würden Vogelarten gerne ins Feld geführt, um Windparks zu verhindern oder zu beschränken. Dazu Riggert: „Ist das Problem des Vogelschlags an Windrädern tatsächlich so groß?“ Er bemühte einen Vergleich: Laut Riggert würden jährlich 500 000 Vögel durch Windräder sterben, hingegen aber zwölf Millionen durch Hauskatzen ...

Biogasanlagen droht das „große Abschalten“

Ein Problem sieht er auch bei Biogasanlagen. „Da wird ab 2024 das große Abschalten losgehen“, weil dann die Vergütung nach dem alten „Erneuerbare Energie-Gesetz“ (EEG) auslaufe. Der Satz pro Kilowatt/Stunde sinke dann auf 16 Cent, doch laut Riggert sei angesichts der aufzubringenden Einsatzstoffe der Betrieb mit einer Vergütung von unter 22 Cent nicht mehr wirtschaftlich. Dabei könnte Biogas eine Grundlast bei der Energieversorgung leisten, um etwa das Abschalten von Kohlekraftwerken abzufangen.

Einen widersprüchlichen Ansatz sieht der Bauernverbandsvorsitzende auch bei der Forderung, Stickstoffüberschüsse in der Landwirtschaft zu reduzieren. Denn gleichzeitig solle Humus wieder aufgebaut werden, und dafür sei Stickstoff notwendig. Hinderlich sei zudem ein Glyphosatverbot. Riggert: „Glyphosat sorgt dafür, dass Landwirte Minimalbodenbearbeitung machen können und den Pflug nicht mehr einsetzen müssen.“ Nur so werde auch weniger CO₂ im Boden freigesetzt.

„Wenn führende politisch Verantwortliche die Gesellschaft belügen, wie will man da noch argumentieren?“ – Thorsten Riggert , Vorsitzender des Bauernverbands

Zudem erneuerte Riggert seine Kritik an der regionalen Messtechnik für Nitrat im Grundwasser. Möglicherweise würden Munitionsaltlasten oder undichte Abwässerkanäle die Grundwasserkörper schädigen. Die schlechten Werte würden aber den Landwirten rundherum zur Last gelegt. Das habe strengere Einschränkungen bei den Düngevorgaben zur Folge (LZ berichtete). Dabei müsste es, so Riggert, auch Umweltminister Olaf Lies besser wissen. Aber: „Wenn man das weiß, wenn führende politisch Verantwortliche die Gesellschaft belügen – ich sage das Wort in aller Deutlichkeit – wie will man da noch argumentieren? Deswegen ist Landwirtschaft auch auf dem Baum.“

Von der Politik "fachlich nicht ausreichend gewürdigt"

Aber Riggert will nicht nur auf andere zeigen: „Wo Landwirtschaft Teil des Problems ist, muss Landwirtschaft auch etwas tun.“ Darum werbe der BVNON beispielsweise vermehrt für eine regionale Kreislaufwirtschaft, die „Tierhaltung muss auf den Boden zurück“ und Gülle pflanzenverfügbar auf die Äcker. Diese Bemühungen würden aber von der Politik, trotz aller Gespräche, fachlich nicht ausreichend gewürdigt, um sinnvolle Maßnahmen zu entwickeln.

Die Reihe der Kritikpunkte setzte der Uelzener fort: Beispielsweise sei im Rahmen des Tierschutzes die gesellschaftliche Forderung nach mehr Offenställen kontraproduktiv für den Klimaschutz, „weil das wieder mehr CO₂ freisetzt“. Weiter verstehe er auch nicht, warum gesellschaftlich mehr Blühstreifen in der Landwirtschaft gewünscht sind, die Blühstreifen pro Betrieb in der Förderung aber auf zehn Hektar gedeckelt werden.

Seinen gut 45-minütigen Vortrag vor den Lüneburger Christdemokraten schloss Riggert mit einem Appell: „Vertrau deinem Landwirt von nebenan!“

Von Dennis Thomas