Freitag , 18. September 2020
Wencke Rudolph-Ziethen (vorn), Diplom-Sozialpädagogin vom „Wendepunkt Salzstraße“, fungiert als Stadtführerin zum Thema Obdachlosigkeit. (Foto: mm)

Im Alltag vergessen

Lüneburg. „Ich bin hier, weil ich ein Alkoholproblem habe. Ich brauche dieses soziale Umfeld, um einen Weg zu gehen, den ich alleine nicht mehr schaffe. Hinzu kommt, dass ich krebskrank bin“, erzählt Michael Tünnecke, Bewohner der Herberge zur Heimat in Lüneburg. Er ist ein Klient des Lebensraums Diakonie. Der Verein kümmert sich um die, deren Leben von Vermeidung, Gewalt und Suchtmittelmissbrauch geprägt ist.

Suchtbrille und Pfandflaschen

Heute ist Tünnecke jedoch gekommen, um die Stadtführungen zum Thema Obdachlosigkeit zu begleiten und Einblicke in sein Leben zu geben. Den Hintergrund erklärt Sandra Miehe. „Das gibt allen Interessierten die Möglichkeit, die andere Perspektive zu sehen.“ Die Umweltpä­dagogin ist selbst Stadtführerin in Lüneburg und heute mit einer Kollegin als Besucherin dabei.

Den Ablauf der Führung stellt André Pluskwa, Koordinator von Streetwork, vor. „Wir haben Suchtbrillen dabei, um den Leuten zu demonstrieren, wie sich ein Vollrausch anfühlt. Außerdem haben wir ein Fahrrad, beladen mit Pfand, und in der Tasche ist ein Formular fürs Arbeitsamt.“ Das heruntergekommene Fahrrad drückt er Ute Rech in die Hand. Die gebürtige Scharnebeckerin hat von der besonderen Stadtführung in der Zeitung gelesen: „Es ist eine tolle Sache, einmal einen anderen Einblick zu erhalten. Auf der Straße wendet man sich oft ab von solchen Menschen und fühlt Beklemmungen. Ich möchte wissen, was ich tun kann, um ihnen helfen zu können.“

Michael Tünneckes Geschichte ist eine wahre Achterbahnfahrt. Aufgewachsen ist er wohlbehütet in einer finanziell starken Familie. „Im Jahr 1966 stand ich als Kindermodel für die Zeitschrift ,Brigitte’ vor der Kamera. Erinnert ihr euch an die grellen Lykka-Hosen? Die waren in den Siebzigern hochmodern“, erzählt der ehemalige Veranstaltungsleiter. Er machte sein Abitur am Gymnasium in Langenhorn: „Damals war es noch ein hochmoderner, ganz neuer Plattenbau.“ Bereits in der Schulzeit kam es zu seinem Coming Out als Homosexueller.

Später als Selbstständiger verbrachte er viele Nächte in Bars und Kneipen der Schwulenszene, um Gleichgesinnte zu treffen. „Dann trank ich immer mal wieder mittags ein Hefeweizen auf der Arbeit. Das häufte sich dann zunehmend“, berichtet Michael Tünnecke. Schließlich kam es durch die Digitalisierung und das Internet zum Bankrott seines Unternehmens. Der gebürtige Hamburger erinnert sich: „Ich bin von Himmels Toren tief auf die Erde gefallen. Immer habe ich mich darauf verlassen, dass meine Eltern mir unter die Arme greifen. Aber ich habe mich da selber reingeritten und muss mich da auch selber wieder herausholen – ohne die Engelsarme meiner Mutter. Ich kann mich nur selber retten.“

Hilfesuchende immer jünger

Durch den Lebensraum Diakonie fand er die stationäre Hilfe der „Herberge plus“, die er braucht, um sein Leben selbst in die richtige Bahn zu lenken. André Pluskwa erklärt wie: „Unsere Klienten können sich auf einen Hilfeprozess einlassen. Bestenfalls erarbeiten die Klienten und wir auf diese Weise ein für den Einzelnen passendes Model, das es ihnen künftig ermöglicht, ein stabileres, selbstbestimmtes Leben zu führen.“ Einige Menschen haben jedoch nicht mehr soviel Lebensfreude wie Michael Tünnecke: „Wenn man nie einen Glücksgriff macht und sich trotzdem weiter bemüht, ist es wie wenn man ewig einer unerwiderten Liebe nachrennt. Es ist so hoffnungslos.“

Früher, erklärt Sozialpädagogin Wencke Rudolph-Ziethen vom „Wendepunkt Salzstraße“, seien es die Werber gewesen, die für ein oder zwei Nächte Zuflucht suchten in der Herberge. Meistens wären es ältere Männer gewesen, Melker und Feldarbeiter aus der Landwirtschaft. „Heute werden die Menschen, die zu uns kommen, immer jünger. Das macht mir sehr zu schaffen.“ Die Jüngsten seien 14 Jahre und der Älteste 80 Jahre alt. „Doch wenn ein so junger Mensch die Brücke dem Elternhaus vorzieht, dann sollte es einem zu denken geben.“ Michael Tünnecke ergänzt: „Ich kann jedem nur raten, suche dir den richtigen Umgang und halte dein Geld zusammen.“

Von Malin Mennrich