Jugendliche, die im normalen Alltag nicht klarkommen, werden nicht selten irgendwann auch gewalttätig. Wie soll man mit solchen „Systemsprengern“ umgehen? (Foto: Adobe Stock)

Gibt es Hilfe für „Systemsprenger“?

Lüneburg. Sie stören, suchen die Konfrontation, scheren sich nicht um Abmachungen und können sich und andere massiv gefährden. „Systemsprenger“ werden solche Kinder und Jugendlichen genannt, die oftmals als „nicht therapierbar“ gelten und nur schwer Aufnahme in Heimen und Kliniken finden. Für Pädagogen, Mediziner, Psychotherapeuten, Juristen, Jugendpfleger und die Familien dieser Extrem-Verhaltensauffälligen sind sie nicht selten ein „rotes Tuch“ – junge Menschen, die die Geduldsfäden ihrer Betreuer spielend in Spannung versetzen und ihnen schonungslos die Grenzen ihrer Möglichkeiten aufzeigen. Wie die Zusammenarbeit aller Beteiligten verbessert werden kann, war Thema einer Fortbildungsveranstaltung in der Psychiatrischen Klinik Lüneburg.

„Wer sprengt wen oder was?“ Diese Frage stellte Prof. Dr. Menno Baumann von der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf an den Beginn seines Vortrags, in dem er die Situation der jungen Menschen im „System der Hilfen“ beleuchtete und dabei auch mit Vorurteilen aufräumte. Denn die Vorstellung, dass Kinder „immer schwieriger werden“, treffe ebenso wenig zu wie die Vermutung, dass ihre Anzahl gestiegen sei, wie Untersuchungen aus den vergangenen 30 Jahren gezeigt hätten.

Doch aktuelle bundesweite Zahlen gibt es offenbar nicht. Er selbst habe lediglich für das Land Niedersachsen 421 Fälle ermittelt, in denen Jugendliche aufgrund von „herausfordernden Verhaltensweisen“ Einrichtungen verlassen mussten. Die Gründe: Gewaltförmiges Verhalten, Drogenkonsum, Entweichungen, extreme Formen der Selbstverletzung sowie Zündeln und Brandstiftung – „Formen, die jeden Betreuer an den Rand seiner Möglichkeiten bringen“, wie Baumann ausführte.

Manche fallen durch jedes Raster

Besonders drastisch sei die Situation in der Altersgruppe der 15- bis 18-Jährigen, sagte Baumann. Danach hätten 57,6 Prozent ihre stationären Hilfen abgebrochen. Es stelle sich daher die Frage, ob diese Kinder „unsere pädagogischen Glaubenssätze an Effizienz und Messbarkeit von Pädagogik, Therapie, Partizipation und Inklusion sprengen“.

Bei Einrichtungen und Institutionen führe dies zu einem „Prinzip des Durchreichens“, zu „Nicht-Zuständigkeits-Erklärungen“ und einem „Institutionellen Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“, die bei Kindern und Jugendlichen wiederum Wut, Ängste und Depressionen auslösten.

Um aus diesem Dilemma herauszufinden, sieht Baumann die Helfer in der Pflicht. Sie müssten verstehen lernen herauszufinden, welche Verhaltensmuster bei junge Menschen dazu führen, dass sie zu „Systemsprengern“ werden.

„Wir müssen die Delegationsketten überwinden“, hob auch Dr. Alexander Naumann, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Psychiatrischen Klinik Lüneburg und Gastgeber der Veranstaltung, hervor. Gut einhundert Teilnehmer waren gekommen, weitere 20 in den Außenstellen der Klinik per Videokonferenz zugeschaltet. Die Veranstaltung war Teil des Projekts Kommunaler Kinderlotse, das durch die Gesundheitsregion Lüneburg und den Landkreis gefördert wird. Aufgabe sei es, dabei zu helfen, dass die Kinder und Jugendlichen „seelisch stabil erwachsen werden können“, sagte Naumann. Dabei gelte es, „vom Kind und der Familie her zu denken und nicht von der Institution“.

Mehr Kooperation unter den Beteiligten begrüßte auch Angela Lütjohann, Leiterin des Lüneburger Jugendamtes. Sven Brüning, stellvertretender Leiter des Jugendamts des Landkreises Lüneburg sprach von der Notwendigkeit der „Suche nach einem gemeinsamen Nenner“ aller Beteiligten.

Thorsten Treybig, Leiter Familie und Bildung der Stadt Lüneburg, wiederum wies auf die sich oft wiederholenden „Muster“ von Abbrüchen und Vertrauensverlusten hin. Er plädierte dafür, den Blick deshalb stärker auf das „System“ zu richten.

Von Ulf Stüwe