Montag , 21. September 2020
Jonas Morgenstern, Fiona Hasenbach, Ivo Panitzki und Maike Tesch (v.l.n.r.) stellten ihre Konzepte im Rathaus vor. Foto: t&w

Autos müssen draußen bleiben

Lüneburg. Das Neubaugebiet „Am Wienebütteler Weg“ stand jetzt monatelang im Fokus von neun Studenten der Lüneburger Universität. In einem von Johannes Plotzki und Beate Friedrich geleiteten Seminar haben sie nachhaltige Mobilitätskonzepte und Pläne entwickelt, wie das Gebiet mit möglichst wenig Verkehr genutzt werden kann. Die Ergebnisse haben vier von ihnen nun vor acht Vertretern der Stadt- und Verkehrsplanung sowie Wohnungsbaugenossenschaften präsentiert und anschließend diskutiert.

Den Vorteilen des Radverkehrs im Wohnungsbau widmete sich Fiona Hasenbach: „Wir haben uns der These angenommen, dass sich der Mensch an die gebaute Umgebung anpasst“, erklärt Hasenbach. Somit hätten die Wohnungsbaugenossenschaften einen großen Einfluss auf das Verhalten der Menschen. „Wenn ein neues Wohnviertel fahrradfreundlich gebaut wird, kann das dazu führen, dass mehr Menschen aufs Rad umsteigen.“ Außerdem würde der Radverkehr Kosten reduzieren und eine höhere Lebensqualität schaffen. „Es gibt weniger Lärm und bessere Luft, zudem stärkt Fahrradfahren das soziale Miteinander unter den Bewohnern“, glaubt Hasenbach. Statt der vielen Autostellplätze sollten deshalb vermehrt Fahrradstellplätze gebaut werden.

Statt Einfamilienhäuser lieber viergeschossig bauen

Die Gruppe um Ivo Panitzki will die Autos ganz aus dem Gebiet verbannen. „Vor dem Wohngebiet könnte man eine unversiegelte Parkfläche anlegen, damit die Bewohner ihre Autos dort abstellen können.“ Dadurch, dass nicht vor jedem Haus ein Stellplatz angelegt wird, werde viel Fläche gewonnen, die anders genutzt werden soll: Spielplätze, Sportanlagen, Streuobstwiesen oder Teiche. „Statt Einfamilienhäusern würden wir außerdem ausschließlich vierstöckige Mehrfamilienhäuser errichten“, sagt Panitzki. Somit könnten sogar 288 Wohnungen statt, wie bisher von der Stadt geplant, 260 errichtet werden.

Ulf Reinhardt, Vorstandsmitglied der Wohnungsbaugenossenschaft Lüneburg, fragt sich: „Wieso wird Platz gespart, nur weil der Parkplatz vor das Viertel verlegt wird?“ Er verweist auf den sogenannten Stellplatzschlüssel, der bestimmt, wie viele Stellplätze zu einer Wohneinheit gehören müssen. „Im Moment liegt der Schlüssel hier in Lüneburg zwischen 1 und 1,5“, bestätigt Henning Müller-Rost, Abteilungsleiter Technik der Lüneburger Wohnungsbaugenossenschaft. Man sei rechtlich dazu verpflichtet, diese Anzahl anzubieten.

Autos zum Leihen und eine Stadtradstation

Die Studenten allerdings rechneten bei ihrem Konzept mit 0,2 Stellplätzen pro Wohnung, da sie den Autoverkehr deutlich reduzieren wollten. „Für ein Wohnviertel in der Lage sehe ich eher einen Wert von 0,5 als realistisch an“, meint Ulf Reinhardt. Jede zweite Wohnung ohne Stellplatz zu vermieten, sei demnach denkbar.

Eine ähnliche Vorstellung haben Jonas Morgenstern und Maike Tesch. Ihr Konzept stieß bei Sebastian Heilmann, der im Bereich Nachhaltigkeit und Mobilität bei der Stadt tätig ist, auf Zustimmung: Eine Mobilitätsstation im Wohngebiet soll dafür sorgen, dass weniger Menschen ein eigenes Auto fahren. „An einer zentralen Station im Viertel fahren dann die Busse ab, dort gibt es fünf bis sechs Autos zum Leihen und eine Stadtradstation,“ sagt Morgenstern. Private Autos dürften nur bis vor das Gebiet auf den großen Parkplatz gefahren werden, was einen weiteren Anreiz für die Nutzung von „Car-Sharing“-Angeboten darstellen soll.

Car Sharing allein dürfte Bedarf wohl kaum decken

Davon ist Tobias Neumann, der mit Heilmann bei der Stadt arbeitet, nicht ganz überzeugt: „Ich glaube kaum, dass man mit fünf Car-Sharing-Autos den Mobilitätsbedürfnissen von 288 Wohneinheiten nachkommen kann.“ Das sieht auch Ulf Reinhardt so, der Zweifel daran hat, dass eine Mobilitätstation in diesem Viertel sinnvoll wäre. „Die Konzepte sind gut, aber man darf nicht vergessen, dass das Wohngebiet am Wienebütteler Weg kein abgeschlossenes Viertel ist. Es schließt direkt an den Brockwinkler Weg an, und der wird noch mehr zugeparkt, wenn in dem neuen Gebiet keine Autos fahren dürfen.“

Insgesamt waren die Anwesenden jedoch mit den Plänen der Studenten zufrieden. „Einiges davon spiegelt sich auch in den Beschlüssen der Stadt wider“, meint Heilmann. Auch Hanne Hölter, Stadtplanerin und verantwortlich für das Gebiet „Am Wienebütteler Weg“, betont am Ende: „Wir befinden uns noch mitten im Entwurfsprozess. Aber nach meinem Befinden sind wir gar nicht weit voneinander entfernt.“

Von Lilly von Consbruch