Mittwoch , 23. September 2020
Zum Prozessauftakt verdeckten die Angeklagten Ceyhan Ö. (l.) und Mahsun D. ihre Gesichter. Nachdem ihre Anwälte (v.l.) Axel Rotter, Roman von Alvensleben, Dogukan Isik und Daniel Ciobanu eine Verständigung mit Kammer und Anklage erreichten, müssen die beiden die Tankstellenüberfälle gestehen. Foto: A/us

In den Lauf einer Pistole geblickt

Lüneburg. Die Atmosphäre im Prozess gegen die mutmaßlichen Tankstellendiebe hat sich entspannt, seit die Möglichkeit eines Deals greifbar wird. Die 1. große Strafkammer, Staatsanwaltschaft und Verteidiger wurden sich über eine Verkürzung des Verfahrens einig. Prompt entfielen beim Verhandlungstag Metallscanner und Leibesvisitation für die Zuschauer. André G., eines der Opfer der Einbruchsserie, empfindet in seinem Seelenleben allerdings keine Entspannung. „Es ist grauenhaft“, sagte er am Mittwoch aus. Immer wenn die Erinnerung hochploppt, blickt er in den Lauf einer Pistole.

Der Flugbegleiter aus dem Raum Hannover sagte am Mittwoch als Zeuge aus. Er hat das Pech, hinter einer Tankstelle zu wohnen, „die in den zehn Jahren, die ich da lebe, bestimmt schon 15 Mal überfallen wurde.“ Also ließ ihn eines Abends ein dunkler Schlag aufspringen und zur Wohnungstür eilen. „Da sah ich auf dem Nachbargrundstück, außerhalb der Überwachungskameras, einen weißen Transporter mit abgeklebten Kennzeichen. Da zwängten sich hinter mir zwei Vermummte aus einem Loch in der Tankstellentür und liefen mit ihrer Beute in einem großen, weißen Sack zum Transporter. Ich rief: ,Verpisst euch!’ Einer der Männer rief: ,Hol die Waffe! Hol die Waffe!’ Der andere lief zur Beifahrerseite, griff etwas und visierte mich an. Ich lief ins Haus, fürchtete um mein Leben, das meiner Frau und meines ungeborenen Kindes.“

Tabakwaren im Wert von 45.000 Euro

Was André G. nicht wissen konnte: Er war von einem der beiden 25-jährigen Türken nur mit einer Schreckschusswaffe bedroht worden. Die Frage des Verteidigers Roman von Alvensleben, ob er eine Entschuldigung seines Mandanten Mahsun D. annehmen würde, löste einen Disput aus:

„Was bringt mir das?“

„Er will sein ehrliches Bedauern ausdrücken.“

„Dann soll er nicht nachts maskiert herumlaufen.“

In elf Tankstellen in Norddeutschland, darunter in Hitzacker, soll das Duo eingestiegen sein. Sie erbeuteten Tabakwaren im Wert von 45.000 Euro. Nur in dem einen Fall sollen sie mit Waffengewalt gedroht haben.

Am 4. November soll das Urteil fallen

Die spektakuläre Tatserie hätte zu einem Mammutprozess führen können. Doch die Beteiligten nutzten die in der Strafprozessordnung vorgesehene Möglichkeit zur Verständigung, die allerdings Geständnisse voraussetzt. Für diesen Fall kündigte Richter Dr. Michael Herrmann am Mittwoch an, dass sich die Urteile für die Angeklagten in einem Rahmen von Haftstrafen zwischen drei Jahren und neun Monaten sowie vier Jahren und drei Monaten bewegen werden.

Für den 30. Oktober sind die Geständnisse angekündigt, am 4. November soll das Urteil fallen.

Ein kurzes Verfahren. Offen ist, ob es André G. seinen Seelenfrieden zurückbringt. Er hatte gehofft, dass das Urteil schon am Mittwoch fällt.

Von Joachim Zießler